Kongress in Frankfurt: Kann Ökonomie neu gedacht werden? (+ Linkhinweise zur Ökonomiedebatte)

by Dirk Elsner on 23. Januar 2012

Heute und morgen bin ich in Frankfurt auf dem Kongress “Ökonomie neu denken”, der vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und dem Handelsblatt veranstaltet wird. Ich bin sehr neugierig auf die Veranstaltung, denn es soll darum gehen, welchen Beitrag die Wirtschaftswissenschaften zur Lösung aktueller Herausforderungen seit der Finanz- und Wirtschaftskrise leisten können und welche Konsequenzen die neuen Anforderungen aus der Praxis auf Forschung und Lehre haben. Diese Zielsetzung ist ausgesprochen ambitioniert, zumal gar nicht klar ist, wer aus der Praxis welche Anforderungen an Forschung und Lehre stellt. Letztlich soll es aber um die Turbulenzen der Finanzkrise und die Wirkungen von Immobilienblasen, Rettungsschirmen und Staatspleiten auf die Wirtschaftspraxis gehen. Und da bin ich sehr gespannt, was dort diskutiert wird.

Vor allem bin ich gespannt, ob sich unter Ökonomen so etwas wie ein Konsens über die Ursachen der Finanzkrise 2007/09 abzeichnet. Ich habe hier allerdings große Zweifel und will hier erneut den eigentlich unfairen Vergleich zur Naturwissenschaft bemühen. Kürzlich las ich auf einer längeren Zugfahrt in dem GEOkompakt zum Urknall. Ich war fasziniert, wie genau Wissenschaftler mittlerweile nur Bruchteile von Sekunden dauernde Vorgänge, die Milliarden Jahre zurück liegen, erklären können. Dabei weiß natürlich niemand, ob sich der Urknall wirklich so abgespielt hat. Es gibt aber so etwas wie einen mehrheitlichen wissenschaftlichen Konsens über die Vorgänge vom Beginn unserer Zeiten.

Einen solchen mehrheitlichen Konsens der Ökonomen zu den Vorgängen der Finanzkrise kann ich derzeit nicht erkennen. Einen mehr oder weniger deutlichen Konsens gibt es nur in der Kritik an der ökonomischen Wissenschaft selbst. Stellvertretend erklärte Dennis Snower, Präsident des IfW in einem Interview mit der FTD:

“Die etablierten Vertreter der Ökonomenzunft haben über Jahrzehnte ein Wissensgebäude aufgebaut, dessen Fundament heute stark bröckelt. Die meisten Modelle gingen ja davon aus, dass Menschen stets rational handeln, was in der Krise an den Finanzmärkten eindeutig nicht der Fall war. Da sehen viele Professoren ihr Lebenswerk bedroht. Nun können sie entweder mit ansehen, wie ihre Reputation schwindet. Oder sich gegen die Veränderungen wehren, was viele ja auch tun.”

Snower beleuchtet in dem Gespräch auch die Ökonomie der Ökonomen und erklärt, warum der Wandel so lange braucht:

“Um Karriere zu machen, müssen Volkswirte ihre Forschungsergebnisse in den renommierten Zeitschriften veröffentlichen. Die lehnen exotische Ideen oft ab, schon existierende Themen gehen da viel leichter durch. Dieses System ist für junge Forscher leicht zu durchschauen. Also entscheiden sie sich eher dafür, bestehende Modelle nur zu modifizieren. Das schmeichelt zwar den arrivierten Autoren und nützt der eigenen Karriere, liefert der Gesellschaft aber kaum neue Erkenntnisse. Und es führt zu einem zweifelhaften Herdentrieb unter den Wissenschaftlern.”

Ich bin sehr gespannt, wie es vor dem Hintergrund von Snower Ausssagen ausgerechnet dem ökonomischen Establishment gelingen wird, neues Denken auf der Veranstaltung zu fördern. Neu gedacht werden sollen die Themen in Keynotes und Paneldiskussionen mit sehr prominenter Besetzung aus Wissenschaft und Wirtschaftspraxis. Darunter Willem Hendrik Buiter, die Professoren Falk, Hüther, Brunnermeier, Hellwig, Rogoff, Haucap, Suchanek und weitere Namen. Namen sind freilich kein Garant für große Ideen, denn sonst wäre die Ökonomie ja gar nicht erst in die Krise geraten. Aber ich könnte mir gut vorstellen, dass sich aus dem Mix der Teilnehmer und des Publikums hoch interessante Diskussionen ergeben könnten.  Die Ökonomie wird aber ganz sicher auch in Frankfurt nicht neu erfunden. Und es bleibt zu befürchten, dass Querdenken weiter nur am Sonntag stattfindet.

Fein finde ich es vom Handelsblatt und Stifterverband, dass zu dieser Veranstaltung auch Wirtschaftsblogger eingeladen sind. So freue ich mich auf egghat von der Wunderbaren Welt der Wirtschaft , den Pixelökonom Johannes Eber und Arne Kuster, der den Wirtschaftswurm betreibt.

Ich habe je nach technischer Logistik vor, via. Twitter und Google+ Nachrichten vom Kongress unter dem Hashtag #oend zu posten.

Das vollständige Programm zu der Veranstaltung gibt es hier.

Linkhinweise zur Ökonomiedebatte

Zum Einlesen in die Kritik an den Wirtschaftswissenschaften habe ich im Blick Log bereits 2008 eine Sammlung verschiedener Beiträge unter dem Titel “Krise der wissenschaftlichen Ökonomie” begonnen. Und gerade in den ersten Wochen dieses Jahres sind wieder einige Linkhinweise dazu gekommen:

Time: Economists: A Profession at Sea (19.1.12): How to keep economists from missing the next financial crisis.

Wirtschaftsphilosoph: Erklärung von Prostitution und Krise der Ökonomik (20.1.12): Mathias Binswanger hat eine hervorragende Antwort auf den Beitrag „Haben die Uni-Ökonomen versagt?“ von Rüdiger Bachmann (siehe auch ‘Zur ökonomischen Lehre’) geschrieben: „Wie die Uni-Ökonomen versagen – die Theorie der Prostitution als Mahnmal“. Entgegen Bachmann leisten die Ökonomen nicht nur „tolle Arbeit“. Herr Binswanger zeigt an einem Beispiel, „wie banale und unsinnige Ideen zu Publikationen in Topjournals führen, wenn sie nur in einem formalen Gleichgewichtsmodell dargestellt werden“. Siehe dazu auch Egghats Blog: Warum sind Nutten so teuer? Ökonomen erklären (19.1.12):

Theatrum Mundi: Die verstummte Elite (19.1.12): ein Gastbeitrag von Julius Lerchenfeld.  Die Finanzkrise ist nicht nur eine ökonomische Krise, eine Krise der Volkswirtschaften oder der Finanzmärkte oder der Währungen. Sie ist viel mehr. Die Finanzkrise ist eine intellektuelle Krise. Symbol des Versagens der ökonomischen Elite, die die Krise nicht zu kontrollieren, nicht zu beenden, eine entscheidende Lösung nicht zu nennen weiß. Die ihre Ratlosigkeit mit der Beispiellosigkeit der Krise zu begründen und zu entschuldigen versucht.

Ökonomenstimme: Wie die Uni-Ökonomen versagen – die Theorie der Prostitution als Mahnmal (19.1.12): Vor kurzem ist hier ein Beitrag von Rüdiger Bachmann unter dem Titel "Haben die Uni-Ökonomen versagt?" erschienen. In dem Artikel sollte aufgezeigt werden, welch tolle Arbeit Ökonomen heute leisten und wie ungerechtfertigt Angriffe auf die Mainstreamökonomie seien. Dieses sich selbst auf die Schulter klopfen war offenbar notwendig, da sich die ökonomische Wissenschaft in letzter Zeit vor allem in Zusammenhang mit der letzten Finanzkrise Angriffen ausgesetzt sah, sie würde die heutige Realität der Finanzmärkte in ihren Modellen ignorieren und von realitätsfremden Annahmen ausgehen.

Wirtschaftswurm: Zum Versagen der Uni-Ökonomen (19.1.12): Mit seiner Frage “Haben die Uni-Ökonomen versagt?” hat Rüdiger Bachmann, Ökonom an der RWTH Aachen, die Diskussion um Sinn und Zweck der Volkswirtschaftslehre in Zeiten der Wirtschaftskrise neu entfacht. Ein Blick in eine Spitzenzeitschrift für ökonomische Forschung widerlegt aber seine Rechtfertigung der Ökonomik.

FTD: Ökonomie in der Kritik "Wir stehen am Anfang einer Revolution" (16.1.12): Durch die Schuldenkrise bröckelt das Fundament der Wirtschaftswissenschaften. IfW-Chef Dennis Snower sieht die Ökonomie vor einem neuen Zeitalter.

HB: Wirtschaftswissenschaften – Geschmierte Ökonomen (14.01.12): Wenn wissenschaftliche Experten sich räuspern, dann tun sie das nicht immer unabhängig. Auch bei Ökonomen ist so manche Aussage gekauft. In den USA wurden nun erstmals Ethikrichtlinien für Volkswirte beschlossen.

FAZ: Wirtschaftswissenschaften Amerikas Ökonomen geben sich Ethikregeln (10.1.12): Viele Ökonomen verdienen neben ihrer Tätigkeit an der Universität zusätzlich Geld mit lukrativen Gutachten. Jetzt reagiert die führende Ökonomen-Vereinigung Amerikas auf den Vorwurf der Käuflichkeit: Autoren müssen in ihren wissenschaftlichen Zeitschriften künftig größere Geldgeber offenbaren

Ökonomenstimme: Haben die Uni-Ökonomen versagt? (10.1.12): Keine Frage, die PR Situation der VWL ist mies. Jetzt also auch der Spiegel: die Uni-Ökonomen hätten versagt, in den VWL-Vorlesungen würden nur Effizienzdenken, Marktgläubigkeit und Staatsferne gepredigt; der Homo Oeconomics angebetet und in Mathematik gepresst, was angeblich nicht zu formalisieren sei. Gefühlte hundertmal habe ich das in der deutschen Presse so oder so ähnlich gelesen, oft garniert mit ein paar sound bites sogenannter Postautisten, die so an ihrem VWL-Studium leiden, dass sie sich ihre eigenen Ringvorlesungen mit Praktikern, Ethikern und unterdrückten Privatdozenten, die außerhalb des bösen Mainstream forschen und publizieren und deshalb ob des neoklassischen Kartells an den Unis niemals einen Lehrstuhl erhalten würden, basteln.

Handelsblog:  Freiburger Schule, Lars Feld, Methodenstreit – Hat die Ordnungsökonomik noch eine Zukunft? (9.1.12):  Der Wirtschaftsweise Lars Feld diskutiert in einem neuen Positionspapier, wie es mit der Freiburger Schule weitergehen soll.

Freitag: Ökonomiekritik – okay, aber nicht so! (6.1.12): Man kann an der heutigen VWL einiges kritisieren. Mancher mag etwa kritisieren, dass sie nicht die richtigen Schwerpunkte setzt; andere meinen, dass ihre Methodik aus diesen oder jenen Gründen dem Gegenstand unangemessen ist.[1] Mich selbst ärgert am meisten – nun, nicht "die" VWL, sondern vor allem nerven mich Professoren, die ihre eigene politische Position Erstsemestern nicht nur predigen, sondern als logische Konsequenz wissenschaftlicher VWL aussehen lassen. Solche Professoren gibt es immer noch. Da nervt es ein wenig, wenn manch aktuelle Ökonomiekritik nur zu fordern scheint, andere Meinungen als Wahrheit darzustellen.

 

Nixda Januar 26, 2012 um 09:34

In den letzten Tagen die wirtschaftswissenschaftltiche Untersuchung über die Ursachen der hohen Preise bei Prostitution durch die Blogs gewandert. Für die Autoren kam weder Marktversagen noch Erklärungen außerhalb des Homo Ökonomicus Modells für die hohen Preise in Frage. Auch dass die Arbeit nicht die attraktivste ist, schien keine Rolle zu spielen, andere unattraktive Tätigkeiten werden ja auch schlecht bezahlt.

Man erklärte die hohen Preise schließlich mit den hohen Opportunitätskosten der Anbieter, in der Form, das die Chancen auf eine gute Eheschließung sich verringern. Das ökonomische Modell der allzeit rational handelnden Marktteilnehmer war gerettet, der Artikel wurde in einer renommierten Fachzeitschrift abgedruckt. Mit den betroffenen hatte niemand gesprochen, die für Außenstehende offenkundige Absurdität scheint weder den Autoren noch den Redakteuren aufgefallen zu sein.

Vielleicht wäres einmal eine Aufgabe für einen Doktoranden, das ein durchaus ernstgemeinter Vorschlag, zu untersuchen, wie hoch die Opportunitätskosten eines Doktoranden im Sinne eines potenziellen Karriereschadens und Einkommensverlusten wäre, wenn er sich in seiner Doktorarbeit sich mit alternativen Modellen zu den vorherrschenden Modellen beschäftigt. Dann käme man zumindest in den Besitz einer ökonomische Theorie, warum die heutige ökonomische Theorie so ineffizient ist.

Und die Ökonomen könnten danach über das Paradoxon des Epimenides philosophieren.

Florian Semle Januar 23, 2012 um 15:04

Sehr hilfreiche Linksammlung – Danke! Bin gespannt auf die Veranstaltungsberichte.

Wie wäre es in Zukunft mal mit einem Ökonomen-Bar Camp statt eines Kongresses?

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