Das große Match um Mobile Payment (6): Wo steht Mobile Payment im Hypecycle

by Dirk Elsner on 16. Mai 2012

 

Die Serie zum Mobile Payment (Überblick hier) nähert sich dem Ende. Im letzten Beitrag ging es um die vielen Newcomer, die zwar technologisch begeistern, sich aber durch mangelndes Zusammenspiel die Markplatzierung erschweren. Bei all dem Hype, der auf Fachblogs und in Kongressen um das Thema gemacht wird, frage ich heute im vorletzten Beitrag, an welcher Stelle sich das mobile Bezahlen im sogenannten Hypecycle befindet.

 

Die Verbreitung von Mobile Payment geht einher mit der Verbreitung moderner mobiler Endgeräte, vor allem von Smartphones und Tabletrechner. Dass sich diese mobilen Endgeräte derzeit in unglaublicher Geschwindigkeit verbreiten, ist mittlerweile eine Binsenweisheit. Die Anwender nutzen diese Geräte immer intensiver für privat und berufliche Kommunikation und zunehmend für private und geschäftliche Transaktionen.

 

Mobile Payment ist hip. Journalisten und Blogs überschlagen sich mit Lobeshymnen. Das alleine sollte freilich zur Skepsis mahnen. Hypes folgen meist bestimmten Phasen. Das Research Haus Gartner nennt das passend Hypecycles. Danach gehen neue Produkte, neue Trends, neue Disruptionen durch verschiedene Stufen. Das könnte man etwa so darstellen, wie in der folgenden Abbildung von marketinfacts:

 

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Quelle: Flickr/marketingfacts

 

Stimmt man diesem Modell zu, dass sich auf alle möglichen Produkte anwenden lässt, dann steht Mobile Payment etwas über dem Scheitelpunkt des ersten Anstiegs, also zwischen “Early adopters investigate” und Mass media hype begins”.  Noch ist das Thema nicht so richtig in den Massenmedien angekommen, wird aber intensiv in den Fachmedien und Blogs diskutiert.

Wir befinden uns nach meiner Einschätzung noch auf der ersten Euphoriewelle, in der Unternehmen neue Produkte an den Markt bringen und viele Experimente wagen. Welche Spieler hier wirklich zur Stammformation gehören werden, ist aber noch offen.

 

Das Hypecycle-Modell von Gardner hat aber mindestens eine Schwäche. Es lässt den Eindruck entstehen, dass alle Produkte diesen Zirkel durchlaufen. Der Friedhof der gescheiterten Unternehmen wird aber so ignoriert. Dabei ist die Zahl der Gräber bei den Zahlungsverfahren nicht gerade klein.

 

Tatsächlich kommen viele Unternehmen mit ihren Produkten über den ersten Anstieg bzw. über die Phase der begeisterungsfähigen Early Adopters gar nicht hinaus. Sie fallen in Moores Graben. Geoffrey Moore hat dieses Konzept in “Crossing the Chasm” populär gemacht: Dieses Modell sucht mögliche Gründe für die Stagnation [1] und das Verschwinden von Produkten im Graben zwischen den begeisterungsfähigen Early Adoptern und der breiten Masse der Kunden.

 

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Quelle des Fotos: Flickr/marketingfacts

 

Nach meiner Einschätzung hat Mobile Payment als Produktgattung in der modernen Variante diese Kluft bereits übersprungen. Die neuen Verfahren werden sich im Online-Retailgeschäft und am Point of Sale durchsetzen. Welche Anbieter dagegen den Sprung schaffen, ist derzeit überhaupt nicht klar. 

 

Nach einer Befragung von 970 Unternehmen durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPGM sehen 20% der Befragten schon heute Mobile Payment als sehr wichtig an. Die Mehrheit glaubt aber, dass es noch zwei bis vier Jahre dauert, bis sich diese Bezahlverfahren am Markt durchsetzen. Getrieben wird das Wachstum vor allem durch die rasante Verbreitung leistungsfähiger Smartphones und entsprechender sinkender Verbindungstarife.

 

Dafür, dass die Newcomer den Markt erfolgreich besetzen könnten, spricht, dass sie die Akzeptanzkriterien (dazu werden insbesondere Kosten, Sicherheit [2] und Benutzerfreundlichkeit gerechnet) für einen erfolgreichen Einsatz wesentlich besser und schneller umsetzen als traditionelle Banken. Dagegen müssen sich die Newcomer aber noch ihr Vertrauensimage verdienen. Trotz der gewaltigen Kritik an den Banken in den vergangenen Jahren, haben sie weiter das Vertrauen, dass sie die grundlegende Finanzdienstleistungen besser erfüllen können als die zwar hippen aber nicht immer als zuverlässig anerkannten IT- und Telekommunikationsunternehmen.

 

Die spannende Frage ist aber, ob Mobile Payment eine echte Disruption für den Finanzsektor wird. Christian Lanng wies Ende April auf Wired darauf hin, dass wir es noch nicht mit einer echten Disruption im Finanzbereich zu tun haben. Denn trotz der vielen neuen interessanten Verfahren, stecken dahinter noch die bekannten Zahlungssysteme des Finanzsektors, allerdings verborgen unter einer modernen Oberfläche. Wer mit PayPal, der Google Wallet oder via Square bezahlt hinterlegt als Schnittstelle seine Kreditkarte oder sein Konto. Im Grund handelt es sich also bisher lediglich um Prozessinnovationen und nicht um einen revolutionäre Umwälzung des Finanzsektors. 

 

Freilich darf man nicht unterschätzen. Wenn die Newcomer das Probleme der “mangelnde Interoperabilität” lösen, es also schaffen, dass man als Kunde etwa von PayPal überall hin zahlen kann, dann spricht auch weniger dagegen etwa seine Gehaltseingänge über solche Konten entgegenzunehmen. MPesa hat das ja für Kenia bereits vorgemacht, wie das geht (siehe Teil 3). Für das Retailgeschäft könnte dies gar nicht mehr so weit entfernt liegen.

 

Es ist Zeit für das Ende dieser Beitragsreihe. Im voraussichtlich nächste Woche erscheinende Schlussteil werde ich noch einmal ein persönliches Fazit ziehen.

 



[1] Moore gibt auch Hinweise wie der Graben überwunden werden kann. Das Modell ist in der US-High-Tech-Industrie breit anerkannt und wird gern in technologie-intensiven Unternehmen für die Marketing- und Strategiebfindung eingesetzt.  

[2] Zumindest beim Online-Shopping nehmen mittlerweile die Sicherheitsbedenken der Deutschend, fand eine Studie von BITKOM heraus. Siehe CIO, Vertrauen in OnlineBanking undShopping wächst

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