Kommentare zu: Finanzmärkte in Emergenzen denken (III): Anwendung agenten-basierter Simulation http://www.blicklog.com/2012/11/19/finanzmrkte-in-emergenzen-denken-iii-anwendung-agenten-basierter-simulation/ Notizen über Wirtschaft, Finanzen, Management und mehr Thu, 09 Oct 2025 13:01:47 +0000 hourly 1 https://wordpress.org/?v=5.0.25 Von: Mark Kirstein http://www.blicklog.com/2012/11/19/finanzmrkte-in-emergenzen-denken-iii-anwendung-agenten-basierter-simulation/comment-page-1/#comment-140159 Wed, 01 May 2013 07:12:14 +0000 http://www.blicklog.com/?p=30015#comment-140159 Lieber Herr Elsner,

sie haben mit den 3 Beiträgen dieser Serie in der Tat ein sehr spannendes Forschungsfeld der Ökonomik aufgespießt und es lohnt sich, es weiter zu verfolgen! Als Reaktion auf Ina Vera Ast möchte ich auf eine fein nuancierte wissenschaftshistorische Einschätzung der folgenden beiden Papiere hinweisen

Colander, Holt, Rosser Jr. – „The changing face of mainstream economics“ Review of Political Economy 2004 http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/0953825042000256702#.UYC2w_LTAZE

und

Holt, Rosser Jr., Colander – „The Complexity Era in Economics“ Review of Political Economy 2011 http://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/09538259.2011.583820#.UYC24vLTAZE

(gibt es sicher auch als frei verfügbare Arbeitspapierversionen …)

Die Autoren identifizieren darin das Komplexitätsparadigma als das neue Leitparadigma der nächsten Jahrzehnte in der Ökonomik. Weiter weisen sie auf einen grundlegenden Unterschied hin, wie dieser Methoden-/Paradigmenwechsel stattfinden wird. Entgegen der bekannten Auffassung von Thomas Kuhn, der in seiner Studie „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ die umwälzenden Vorgänge in der Physik beschrieb, wird der Prozess des Wandels in der Ökonomik graduell verlaufen und ist bereits im Gange. Realistische Einschätzungen sollten demnach nicht auf revolutionäre Zustände warten oder gar hoffen, sondern es ist an der Zeit, diesen Prozess zu unterstützen und weiter voran zu treiben. Sie, Herr Elsner, tun dies durch die Wahl der Themen, die Sie besprechen, genau wie wir Wissenschaftler es durch die Wahl unserer Forschungsthemen zum Ausdruck bringen können.

Zum ewigen Prognosegerede möchte ich nur soviel anmerken; die Methode der agenten-basierten Simulation (ABS) und die ganze Komplexitätsperspektive entwickelt gerade in solchen Situationen ihren Reiz, in denen man sich zunächst einmal eingesteht, dass wir mit (im wissenschaftlichen Sinn) chaotischen, komplexen Wirkungszusammenhängen konfrontiert sind, die wir nur teilweise erkennen können. D. h. erst wenn man diese Haltung zu seinem Untersuchungsgegenstand einnimmt, wird es sinnvoll die ABS in Betracht zu ziehen. Setzt man einen repräsentativen Akteur voraus, der in einer noch relativ überschaubaren Umgebung simple Entscheidungen zu treffen hat, reicht ein deduktiver Ansatz aus. Die Kunst besteht nun vielmehr darin zu entscheiden, welchem Typ ein reales Phänomen, welches man beschreiben/erklären möchte, (eher) entspricht. Siehe dazu auch eine komplette Ausgabe der Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America http://www.pnas.org/content/99/suppl.3.toc. Diese Vorteile erkauft man sich mit einer enorm gestiegenen Anzahl an Freiheitsgraden bei der Modellierung.

Zusammenfassend mag ich zu erkennen, dass die Perspektive komplexer adaptiver Systeme seine Vorzüge hat, wie auch der deduktiv formale traditionell ökonomische Ansatz die seinen besitzt. Es wird also — und das zurecht — ein Hand in Hand beider (und noch anderer) Ansätze brauchen, um Einsichten und Erkenntnisse zu erhalten, möglicherweise aber mit deutlich verschobenen Gewichten. Warum ist dem so? Nun, weil wir mit Modellen der „Realität“ hantieren, die per definitionem begrenzte Abbildungen eines Ausschnittes der „Realität“ sind, welche einem bestimmten Zweck folgen. Aufgabe des integeren Wissenschaftlers scheint mir daher zu sein, deutlich zu machen, warum er sich bei der Untersuchung seines Forschungsobjektes für den jeweiligen Ansatz entschieden hat und eventuelle Freiheitsgrade im Modellierungsprozess transparent zu machen (wie von Tim bereits bemerkt).

Freundliche Grüße
Mark Kirstein

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Von: Tim http://www.blicklog.com/2012/11/19/finanzmrkte-in-emergenzen-denken-iii-anwendung-agenten-basierter-simulation/comment-page-1/#comment-96455 Mon, 19 Nov 2012 19:57:22 +0000 http://www.blicklog.com/?p=30015#comment-96455 Agentenbasierte Methoden hatte ich auch in meiner Masterthesis verwendet als Abschluss einer Abhandlung über ein neoklassisches Wachstumsmodell.
Ein ganz spannendes Thema, was aber nun mal das Problem besitzt, dass es nicht die eine Lösung kennt, die für jeden selbst nachvollziehbar und in einfache Sätze gepackt werden kann.
Viele Agentenbasierte Methoden arbeiten auch mit Stochastik, sodass noch nicht mal im gleichen Setting gleiche Ergebnisse erzeugt werden müssen.
Auch ist der Charme der alten Welt Parameterbereiche angeben zu können, in den bestimmtes Verhalten zu beobachten ist.
Hier kommt man mit komplexen Simulationen natürlich in die Komplexitätsprobleme.
Auf der anderen Seite lassen sich so endlich auch die Verteilungseigenschaften von z.B. Vermögen betrachten. Endlich kann so der der Median an die Stelle des arithmetischen Mittels treten.
Um die Qualität von solchen Modellen beurteilen zu können wird man die Mechanismen inklusive Parametrisierung offen legen müssen.
Dafür wird man allgemein anerkannte Standards entwicklen müssen, um auch anderen mit ihren Konfigurationen ein Durchsimulieren zu ermöglichen.
Ansonsten kann durch belibiges Schrauben irgendwo vermutlich jedes gewünschte Ergebnis erreicht werden.
Die Praxis kann dann natürlich auch zeigen, dass alles doch anders läuft.
Nur was soll man von Ansätzen halten, die nicht mal im Modell funktionieren.
Von daher könnten diese als Sieb fungieren.

Beste Grüße
Tim

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Von: Ina Vera Ast http://www.blicklog.com/2012/11/19/finanzmrkte-in-emergenzen-denken-iii-anwendung-agenten-basierter-simulation/comment-page-1/#comment-96359 Mon, 19 Nov 2012 07:43:20 +0000 http://www.blicklog.com/?p=30015#comment-96359 Sehr geehrter Herr Elsner,

Sie beschreiben korrekt, dass die bisher angewandten linearen ökonomischen Theorien nicht in einer immer komplexer werdenden Welt funktionieren können.
Hier liegt also das Hauptproblem, das allerdings nicht nur einen Paradigmen-, sondern vor allem einen Methodenwechsel erfordert.

Die mithilfe von empirischen Erkenntnissen konstruierten sogenannten induktiven Theorien beziehen sich in der Regel, rein logisch nachvollziehbar, auf die Vergangenheit. Außerdem kann man mit der induktiven Methode nur „geschlossene Modelle“ erstellen, in die sich keine abweichenden Ergebnisse integrieren lassen. Nur mithilfe der Deduktion, die eine möglichst allgemeine Aussage durch ständige Nachprüfung/ Falsifikation mit der sich ändernden Wirklichkeit verbindet, kann ein adäquates “ offenes Modell“ erstellt werden. (Thomas Mayer, Deutsche Bank, spricht den erforderlichen Methodenwechsel nach der Wissenschaftstheorie von Karl Popper an).

In der Ökonomie ist also ein Methodenwechsel dringend erforderlich, so wie ihn die medizinische Forschung mit der Evidenzbasierten Medizin bei komplexen Erkrankungen schon vollzogen hat.

Viele Grüße
Ina Vera Ast

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