Nach dem Abi: Die große Freiheit?

by Gastbeitrag on 14. August 2013

Gastbeitrag von Jodie Ann Ernsting*

Das Abitur in der Tasche, jetzt folgt die große Freiheit.
So jedenfalls in der Theorie.
Wir haben unser Abitur und was folgt? Ausland? Praktika? Ausbildung? Studium?
Unendliche Möglichkeiten für jeden Einzelnen, die jedoch auch eine Menge Fragen, Zweifel und Entscheidungen mit sich bringen.
Das erste Mal müssen wir uns fragen „Was wollen wir von unserem Leben?“ „Was wollen wir tun?“ „Wo wollen wir es tun?“

Wie sollen wir eine so wichtige Entscheidung treffen, wenn wir immer mehr oder weniger geleitet wurden?
Zwar sagt man, dass die Oberstufe sehr viel Selbstverantwortung und Eigeninitiative fordert, aber wenn wir mal ehrlich sind, mussten wir nichts wirklich selber machen.
Woraus bestand schon unsere große Verantwortung? Wir mussten für unsere Prüfungen lernen, unsere Aufgaben erledigen und jeden Tag einigermaßen pünktlich im Unterricht sitzen (worauf im letzten Jahr auch nicht mehr viel Wert gelegt wurde).
„Eigenständiges Erarbeiten von Sachverhalten“ heißt das Zauberwort des Gymnasiums. Die Schüler sollen sich mit einem vorgegebenen Problem, Sachverhalt oder Thema auseinandersetzen und in Gruppen zu einer Lösung kommen und diese vorstellen.
Klartext: Wir bekommen Infomaterial, zücken unseren besten Freund „den Textmarker“ und fassen einfach den vorgegebenen Text zusammen. Die sogenannten „selbst erarbeiteten Ergebnisse“ werden dann auf eine Folie geschrieben und das wars.
Das höchste der Gefühle war noch die „Internetrecherche“, die uns Schülern das Filtern von Informationen näher bringen sollte. In der Praxis: Das Wort googlen und den ersten Abschnitt des Wikipediaartikels intelligent zusammenfassen.

Und das soll uns auf die Zukunft vorbereiten?
Natürlich könnte man jetzt sagen, dass wir selber Schuld sind, weil wir uns ja auch auf andere Wege  hätten informieren können, doch wurde uns nie wirklich gezeigt, wie.

Wir wurden unser Leben lang geleitet, wurden bei allem unterstützt und jegliche Entscheidungen wurden uns mehr oder weniger abgenommen. Natürlich mussten wir unsere Kurse wählen, aber auch da wurden wir von dem System so eingeschränkt, dass es kein Wunder ist, dass jeder so ungefähr das gleiche Abitur machte. „Wenn Sie Kunst oder Sport Leistungskurs haben, müssen Sie auch Mathe mit im Abi haben.“ „Sie müssen 2 Hauptfächer (ich denke in der Oberstufe gibt es das nicht mehr?) in Ihrem Abitur haben und wenn Sie dies wählen, müssen Sie unbedingt das mit drin haben“ und so weiter und so fort.
Wo ist da Die Entscheidungsfreiheit?
Wieder konnten wir nicht genau das wählen was uns liegt oder Spaß macht und dann wundert sich das Ministerium, dass die Schüler unzufrieden sind und die Noten in den Keller gehen?
Besonders die G8er hatten es schwer, da sie auf eine bestimmte Zahl an Kursen kommen mussten und so viele Schüler Fächer wählten, die ihnen absolut keinen Spaß machten und ihre Durchschnittsnote runter zogen.
„Aber Sie können doch auf ihrem Zeugnis die Fächer wegstreichen lassen, die ihnen nicht lagen.“ Genau, und was durfte man wegstreichen? Sport, Literatur und Religion, die Fächer, die den meisten ihren Schnitt retteten. Wohingegen alle Fremdsprachen und Naturwissenschaften abgedruckt wurden.

Entscheidungen treffen.
Wenn wir mal ehrlich sind, weiß eigentlich keiner von uns wie das wirklich geht.
„Ihnen stehen alle Möglichkeiten offen, nutzen Sie sie.“ Ja und wie?
Die einzige Entscheidung, die wir bisher treffen mussten, ist, aus einem Fächerspektrum von 15 Fächern 2 auswählen, die als unsere Leistungskurse bezeichnet wurden; die Entscheidung über das dritte und vierte Fach erübrigte sich in den meisten Fällen, da die Richtlinien kaum Spielraum zuließen.
Und nun sollen wir aus über 500 Studiengängen und tausend verschiedenen Berufen auswählen, was wir machen wollen?
Wir werden aus dem Nest geworfen und es wird erwartet, dass wir fliegen können.
Doch, wie sollen wir fliegen, wenn uns nie gezeigt wurde unsere Flügel zu nutzen?

Uns wurde alles beigebracht: Wie man Gleichungen mit mehreren Unbekannten löst, wie man einen Text aus dem letzten Jahrhundert analysiert und wer Freud war, doch eins hat die Schule verpasst:

Uns auf das wahre Leben vorzubereiten.


* Jodie Ann Ernsting hat gerade Abitur am Hans Ehrenberg Gymnasium in Bielefeld gemacht und schreibt hier über Impressionen der Jugend nach dem Abitur und auf der Suche.  Ihr Beitrag in diesem Blog für die Blogparade zur Vollbeschäftigung erschien in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung v. 5. Mai 2013

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