Tod eines Finanzvorstands

by Karl-Heinz Thielmann on 30. August 2013

Montagabend wurde Pierre Wauthier, der 53jährige Finanzvorstand bei der Zurich Insurance Group, tot aufgefunden. Erste Ermittlungen haben ergeben, dass er sich selbst das Leben genommen hat.

Natürlich sind die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen und ich möchte auch nicht voreilig Schlüsse ziehen (insbesondere sollte man einmal abwarten, was über mögliche psychische Belastungen noch herauskommt), es scheint sich allerdings mehr und mehr herauszukristallisieren, dass massiver Druck auf den Finanzvorstand ein wichtiger Auslöser für seinen Suizid war.

Der überstürzte Rücktritt von Verwaltungsratspräsident Ackermann gestern – der angeblich auf eine aggressivere Ausrichtung des Konzerns gedrängt haben soll – und dass im Gegensatz zu anderen Selbstmorden immer mehr Details durchsickern, deuten jedenfalls stark darauf hin. Die Gesellschaft hat eine Untersuchung angekündigt.

Die Geschäftszahlen sahen bei der Zurich Insurance Group in den letzten Quartalen nicht besonders gut aus. Fehler sind gemacht worden, und in einem solchen Fall ist immer der Finanzvorstand der Prügelknabe; in diesem Fall Pierre Wauthier. Zudem hinkte – wie Presse und Analysten bemängelten – der Aktienkurs in den letzten Wochen den Konkurrenten wie der Allianz deutlich hinterher.

Dass Wauthier aber den drastischen Schritt wagte, zeigt, dass wahrscheinlich hier mehr passiert sein muss als das übliche CFO-bashing nach einem mäßigen Quartal. Diejenigen, die sich über den schlappen Aktienkurs beklagten, sollten jedenfalls bedenken, dass die Zurich Insurance Group mit ihrer defensiven Ausrichtung gut durch die Finanzkrise gekommen ist; besser jedenfalls als andere Versicherungen und sehr viel besser als Ackermanns Deutsche Bank.

In unserer modernen Geschäftswelt gibt es die Tendenz, dass, wenn verschiedene Dinge kurzfristig mal nicht mehr gut laufen – und in welchem Großkonzern ist das anders – hektisch gleich Grundsätzliches infrage gestellt wird. „In der Ruhe liegt die Kraft“, diesem Sprichwort folgt kaum noch jemand.

Wenn jetzt der aus Deutschland bekannte Wertevernichter auf aggressivere Geschäftspraktiken gedrängt haben sollte, wäre dies wiederum bezeichnend dafür, dass führende Manager rein gar nichts aus der Finanzkrise gelernt haben.

Eine Orientierung an kurzfristigen Finanzzielen bei gleichzeitiger Vernachlässigung langfristiger Risiken war der grundlegende Denkfehler, den führende Banker vor der Finanzkrise gemacht haben. Nicht nur die Vorkommnisse um Pierre Wauthier deuten darauf hin, dass dieses Denken derzeit eine Renaissance erlebt. Doch hiermit wird nicht nur langfristig Vermögen zerstört, es macht auch die Menschen kaputt.

Zufälligerweise handelte mein vorheriger Beitrag von Warren Buffett. Er steht dafür, dass durch das langfristige Erarbeiten von Werten Wohlstand geschaffen wird, nicht durch Abzocke. Trotz der traumatischen Erfahrungen der Finanzkrise ist aber immer noch eher ein Herr Ackermann Vorbild in der Wirtschaft als Warren Buffett. Wenn sich hieran nichts ändert, ist das nächste große Disaster vorprogrammiert.

Comments on this entry are closed.

Previous post:

Next post: