#JeSuisCharlie – ein Wendepunkt für den Journalismus?

by Karl-Heinz Thielmann on 9. Januar 2015

Die vergangenen Jahre waren keine guten für den kritischen Journalismus.

Dies hängt einerseits damit zusammen, dass die zahlende Kundschaft für Qualitätsjournalismus dramatisch geschrumpft ist. Die Umsonstkultur des Internets hat dazu geführt, dass immer weniger Leser bereit sind, einen Preis für Zeitungen oder Magazine zu entrichten, der den aufwendigen Kostenapparat eines qualifizierten Teams deckt. Manche Verlage haben mit Kürzungen darauf reagiert, andere passen die Berichterstattung an die Wünsche der Anzeigenkunden an. Einige haben in weitere Geschäftsbereiche diversifiziert, und versuchen ihren Markennamen jetzt auch auf andere Produkte zu übertragen. Einige Verlagsprodukte wie Financial Times Deutschland oder zuletzt das Wall Street Journal Deutschland wurden ganz eingestellt. Nichts davon hat der Qualität gut getan. Lediglich da, wo wie beim britischen Guardian eine Stiftung dahinter steht, die bereit ist, kommerzielle Verluste auszugleichen, hat das Niveau nicht gelitten.

Andererseits werden „freche“ Journalisten immer stärker Zielscheibe von Attacken. Nicht-demokratische Regierungen haben schon immer unabhängige Berichterstattung verfolgt, hieran ist nichts Neues. Die unangenehme Entwicklung ist, dass die Erregung von „Wut-Bürgern“ und Regierungsfeinden aller Art sich auch zunehmend gegen missliebige Journalisten richtet. Ob Pegida-Demonstranten, ukrainische Separatisten oder Islamisten, sie haben vor allem ein Feindbild: „kritische Journalisten“. Und es gilt immer öfters, den Feind nicht nur mundtot zu machen, sondern tot im eigentlichen Sinne. Physische, auf Mord ausgerichtete Attacken gegen Journalisten sind in vielen Krisengebieten inzwischen Normalfall.

Die Attacke auf Charlie Hebdo ist daher nicht ein einmaliges Ereignis, sondern bisheriger Höhepunkt einer Negativentwicklung. Die Journalisten dieses Blattes waren besonders frech und kritisch. Sie verfolgten ihre Linie, obwohl mit ca. 30. 000 Auflage kaum noch ein wirtschaftlicher Sinn darin bestand und immer größere Verluste entstanden. Insofern ist die derzeitige Solidarität, die das Blatt im Moment erfährt, ein ermutigendes Signal. Ich hoffe ehrlich gesagt, dass es aber nicht nur bei Einmalaktionen bleibt. Denn unabhängiger und kritischer Journalismus hängt nicht nur vom Mut der Berichterstatter ab, sondern auch von der Bereitschaft ihrer Kunden – also von uns – hierfür etwas zu bezahlen. Insofern besteht die Chance, dass sich etwas ändert, und zwar indem Leser einsehen, dass sie für die Erstellung nicht-manipulierter Informationen (oder Satire) eigenes Geld bezahlen müssen; und zwar mehr, als den Gegenwert eines frisch gezapften Bieres.

Bei aller Trauer um die Opfer und Wut auf die Täter: Der Schock über die Tat bietet auch eine Chance. Sie zeigt, wie wichtig eine wirklich freie Presse ist, die weder auf Interessen der Anzeigenkunden noch auf Political Correctness Rücksicht nehmen muss. Ohne die Anschläge wäre diese Art der Berichterstattung wahrscheinlich in wenigen Jahren an unserem allgemeinen Desinteresse eingegangen. Hoffentlich wird die Lektion verstanden.

#JeSuisCharlie

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