China, wachsend unheimlich

by Karl-Heinz Thielmann on 6. Mai 2019

Kaum einem Land stehen wir so widersprüchlich gegenüber wie China. Einerseits ist das Schwellenland mit ca. 1,4 Mrd. Einwohnern, deren Wohlstand rasch wächst, der interessanteste Markt der Zukunft. Hiervon profitieren fast alle der größten europäischen Konzerne. LVMH, BASF, Daimler oder Nestlé sind inzwischen in hohem Maße von zahlungskräftigen chinesischen Kunden abhängig. Weiterhin importieren wir viele günstige Produkte aus China, die uns – ob Knoblauch, Spielzeuge oder Elektronikbauteile – einen hohen Lebensstandard zu günstigen Kosten sichern.    

Andererseits wird die zunehmende Bedeutung von China mit wachsendem Unbehagen zur Kenntnis genommen. Skeptisch stimmt nicht nur der ausufernde Überwachungsstaat, der Hochtechnologie einsetzt, um das Leben der eigenen Bürger immer stärker zu kontrollieren. Mit ca. 2,2 Mio. Soldaten unterhält China die größte Armee der Welt – und nutzt sie bei Spannungen mit den asiatischen Nachbarn zunehmend für Drohgebärden. Große Außenhandelsüberschüsse haben den Verdacht einer Bereicherung auf Kosten der Handelspartner geweckt. Vorwürfe der Industriespionage werden regelmäßig gegen chinesische Konzerne wie Huawei erhoben. Die zunehmenden chinesischen Direktinvestitionen erscheinen bedenklich; sei es, weil durch sie sicherheitspolitisch kritische Transfers von Schlüsseltechnologien ermöglicht werden; oder weil Infrastrukturinvestitionen im Rahmen der „Neue Seidenstraße“-Initiative die Zielländer langfristig von China abhängig machen können.

Wer misstraut dem anderen mehr: Chinesen oder Europäer und Amerikaner?

Die heutige chinesische Regierung hat einen klaren langfristigen Plan: China soll bis 2050 Weltmacht Nr. 1 werden. Dieses Ziel wurde zum ersten Mal vom Präsidenten Xi Jinping 2017 auf dem 19. Kongress der chinesischen kommunistischen Partei eindeutig formuliert. Zwei Etappen seien hierfür notwendig: Bis 2035 soll die Gesellschaft modernisiert und allgemeiner Wohlstand für die Bevölkerung geschaffen werden. Die nächsten 15 Jahre sollen der Vergrößerung des globalen Machtanspruches dienen, bis China alle anderen Weltmächte in den Schatten stellt.

Das Ziel, langfristig die dominante Weltmacht zu werden, mag aus unserer Sicht bedrohlich erscheinen und gibt Anlass, der chinesischen Politik grundsätzlich zu misstrauen. Aus chinesischer Sicht möchte das Land aber nur seine historisch angestammte Rolle zurück.

Denn vor 1500 war das chinesische Kaiserreich nicht nur der mit Abstand größte und am längsten bestehende Staat der Welt. Die Einwohner hatten auch einen höheren Lebensstandard als die Europäer. Mit dem Export von Porzellan, Tee, Seide und anderen hochwertigen Waren nach Europa und andere asiatische Länder wurden jahrtausendelang große Außenhandelsüberschüsse erzielt. Zudem war China innovativ und technisch führend: Bahnbrechende Erfindungen wie der Buchdruck, der Kompass, das Papier oder das Schießpulver kommen alle aus China. Bis zu ins 16. Jahrhundert hinein haben Europäer normalerweise chinesische Technologie kopiert oder importiert, nicht umgekehrt.

Dies änderte sich mit der Herrschaft der Mingdynastie (1368-1644). Mit ihr expandierte ein alles kontrollierender Beamtenstaat mit relativ starren gesellschaftlichen Strukturen. Handel und freie wirtschaftliche Aktivität wurden hingegen zurückgedrängt. Dies galt insbesondere in Hinblick auf den Außenhandel: Um das Land vor schädlichen ausländischen Einflüssen zu schützen, wurde 1525 die komplette Hochseeflotte selbst zerstört, 1551 Außenhandel komplett verboten. Im Gegensatz dazu entwickelten sich in Europa mit den aufkommenden Wissenschaften sowie der beginnenden Aufklärung die Grundlagen für die industrielle Revolution.

Noch im Jahr 1820 lebten etwa 1/3 der gesamten Weltbevölkerung in China und erwirtschafteten auch ca. 1/3 der Weltwirtschaftsleistung – damals ungefähr so viel wie ganz Europa zusammen. Damit hatte China zwar die eindeutig führende Position verloren, war aber noch keinesfalls unterentwickelt. Dies änderte sich erst, als das Land von europäischen Geschäftsleuten mit Opium überflutet wurde. In der Folge gingen Millionen Chinesen elend zugrunde, die chinesische Wirtschaftskraft wurde unterminiert. Zudem setzte Großbritannien mit unterschiedlichen Verbündeten die Tolerierung des Opiumhandels mit mehreren Kriegen militärisch durch.

Zwischen 1842 und 1901 wurde China von den Kolonialmächten unter Führung von Großbritannien zu insgesamt 14 Verträgen gezwungen, in denen für die Nation äußerst ungünstige Handelsregeln rechtlich fixiert wurden. Diese sogenannten „ungleichen Verträge“ stellen nach wie vor das große Trauma der chinesischen Geschichte dar: Durch sie wurden die Erniedrigung des chinesischen Volkes und Ausbeutung des Landes rechtlich bindend verankert. Diese historische Erfahrung ist die Basis für ein Grundmisstrauen, dass Chinesen nach wie vor gegenüber den westlichen Industriestaaten haben. Westliche Politik steht immer noch unter dem grundsätzlichen Verdacht, Chinas Entwicklung schaden zu wollen. Leider wurde dieses Misstrauen mit der Eröffnung eines Handelskrieges im Rahmen der neuen „America First“-Doktrin durch US-Präsident Donald Trump zuletzt wieder verstärkt.

China hat von Europa und Nordamerika gelernt – im Schlechten wie in Gutem

Mit besonderem Unbehagen blickt die westliche Welt derzeit auf ein Schlüsselprojekt der chinesischen Entwicklungsstrategie: die sog. „Neue Seidenstraße“-Initiative. Mit ihr sollen in Anlehnung an die traditionellen Handelsrouten chinesischer Waren in den Westen neue Stützpunkte für zukünftige Geschäfte Chinas mit der Welt aufgebaut werden. Hierzu werden große Infrastrukturvorhaben entlang der wichtigsten Handelsrouten initiiert – mit der Nebenwirkung, dass viele Zielregionen sich bei China langfristig hoch verschulden und so in politische Abhängigkeit geraten.

Trotz aller berechtigter Kritik an dieser Vorgehensweise, weil die Interessen der Zielländer oft zu kurz kommen: China lehnt sich mit dieser Strategie an die jahrzehntelange Praxis der Entwicklungspolitik des Westens an. Auch er hat der oftmals die Finanzierung von Großprojekten in der Dritten Welt dazu genutzt, die eigene Industrie zu fördern und Abhängigkeiten durch Verschuldung zu schaffen. Im Unterschied zum Westen folgt die Projektvergabe allerdings einem kohärenten Gesamtkonzept, zudem werden auch krisenbehaftete Industrie-Länder einbezogen – wie zuletzt Italien. Insofern kann man durchaus sagen, dass China vom Westen nicht nur gelernt hat, wie man Entwicklungspolitik zur Vergrößerung des Einflussbereichs nutzt, sondern dies sogar perfektioniert hat.

Bessere Bildung und technologische Überlegenheit spielten eine zentrale Rolle beim Aufstieg der heutigen entwickelten Staaten. China tut deshalb seit den 80er Jahren alles für eine Verbesserung der Bildung und Förderung der Wissenschaften. Anfangs ging es vor allem darum, die Allgemeinbildung zu erhöhen. Inzwischen spielt China aber auch in der Spitzenforschung eine führende Rolle: Obwohl noch vor 15 Jahren als Forschungsstandort fast unbedeutend, haben chinesische Forscher alleine 2017 48.882 internationale Patente angemeldet, 13,4% mehr als im Vorjahr und ca. 3mal soviel wie in Deutschland. Die USA konnten mit 56.624 internationalen Patentanmeldungen zwar noch die Spitzenstellung behaupten, dass auch sie in einigen Jahren abgehängt werden, ist jetzt schon absehbar.

Chinas Machtzuwachs ist unaufhaltbar – ob dies schadet oder nutzt, liegt in unserer Hand

China wird in den nächsten Jahren weiter Schritt für Schritt den wirtschaftlichen Rückstand aufholen. Alleine die große Einwohnerzahl von 1,4 Mrd. (4,3mal soviel wie die USA) gibt dem Land ein so hohes Gewicht, dass das Ziel Xi Jinpings, mit überdurchschnittlichem Wachstum bis 2050 Weltmacht Nr.1 zu werden, realistisch erscheint. Rein ökonomisch betrachtet ist dies eine riesige Chance: Die Aussicht, dass die chinesische Bevölkerung in den nächsten 30 Jahren auf ein dem unserem vergleichbares Wohlstandsniveau gehoben wird, eröffnet ein gewaltiges Marktpotenzial, das auch bei uns Wachstum und Wohlstand für die nächsten Jahrzehnte sichern kann.

Wer wie Donald Trump versucht, durch Konfrontation den chinesischen Machtzuwachs einzudämmen, bekräftigt nur das alte Vorurteil, dass der Westen die chinesische Entwicklung verhindern will. Noch ist China technologisch und wirtschaftlich unterlegen, Trump kann durch seinen Handelskrieg wahrscheinlich kurzfristige PR-Erfolge verbuchen. Langfristig ist aber kaum etwas gefährlicher, als China jetzt in die Ecke zu drängen. Denn die geduldigen Chinesen können Jahrzehnte abwarten, bis sie zurückschlagen, und wir in Europa dürften dann der Kollateralschaden werden.

Viel geschickter erscheint es, China durch wachsende wirtschaftliche Zusammenarbeit immer stärker einzubinden. Nur so kann das chinesische Grundmisstrauen uns gegenüber abgebaut werden. Zudem wird das Land dann schon aus Eigeninteresse in Zukunft darauf verzichten, seine Macht gegenüber Partnern zu missbrauchen. Weiterhin sollte anerkannt werden, dass China inzwischen bestimmte Dinge besser macht als wir. Hierzu gehört z. B. eine Innovationsförderung, die nicht durch „Technologiefolgenabschätzungskommissionen“ gebremst wird. Die „Neue Seidenstraße“-Initiative ist deswegen erfolgreich, weil sie Mängel in der globalen Handelsinfrastruktur beseitigt, die der Westen vorher sträflich vernachlässigt hat. In einer durch Wettbewerb geprägten Weltwirtschaftsordnung darf man sich nicht beschweren, wenn China unsere Versäumnisse zum eigenen Vorteil nutzt.

Wenn wir irgendwann einmal an China scheitern sollten, dann wird dies nicht an unfairen Tricks der Asiaten liegen, sondern am westlichen Unvermögen, einerseits auf chinesische Befindlichkeiten einzugehen, andererseits auf die Herausforderungen der Zukunft richtig zu reagieren. Wir im Westen können es uns derzeit noch aussuchen, ob wir vom zukünftigen Giganten irgendwann zerquetscht werden oder als Partner von seinem Wachstum profitieren. Ich weiß, was mir lieber ist.

Der Text erschien in leicht abgewandelter Form ebenfalls in „Mit ruhiger Hand“ Nummer 58 vom 2. April 2019.

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