Ein kleiner Blick in die Wirtschaftsgeschichte: Kriegsinflationen, Staatsbankrotte und Währungsausfälle – Teil 1

by Marsman on 22. Februar 2011

Gastbeitrag von dem in Irland lebenden Marsman

Kriegsinflationen und Staatsbankrotte wurden von der Antike bis Gegenwart unzählige Male wiederholt. Die Ursachen dafür waren und sind stets dieselben, wobei es den Unterschied bei antiken und mittelalterlichen Kriegsinflationen gibt, dass diese gar nicht bzw. sehr viel weniger durch Staatskredite finanziert wurden oder Großteils durch direkte Kriegssteuern und erzwungene Naturalabgaben. In der Regel endeten solche Ereignisse mit einem Währungsausfall, das heißt der Ablehnung des zirkulierenden Geldes ab irgendeinem Zeitpunkt. Hierbei handelt es sich, das sei ausdrücklich vermerkt, um eine verdichtete Darstellung solcher Ereignisse.

Die wohl brauchbarste und beste Erklärung und Darstellung derartiger Ereignisse und Folgen stammt von Günther Schmölders. Ihm zufolge sind das die Strukturverschiebungen weg von der zivilen Ökonomie zur Kriegswirtschaft. Die Ökonomie eines Landes wird in Kriegsfällen ganz oder teilweise dem Kriegsbedarf untergeordnet. Das bedeutet, eine Verschiebung weg von marktgängigen und marktfähigen Gütern und Dienstleistungen hin zu nicht-marktgängigen und marktfähigen Gütern und Leitungen. Der Staat tritt in solchen Fällen zunehmend als Nachfrager von Gütern und Leistungen als Konkurrent der zivilen und marktgängigen Ökonomie in Erscheinung. Und das betrifft natürlich stets das erfolgreiche Bestreben des Staates nach vermehrter Kaufkraft. In älteren Zeiten, als es noch keine Banken und kein Kreditwesen gab, geschah dies schon vor Kriegsbeginn durch Füllung der Kriegskasse die speziell für diesen Zweck angelegt wurde. Das waren meist eher geheim gehaltene Budgetverschiebungen, Kürzungen bei anderen Ausgaben wie auch oft genug kleinweise beginnend und verheimlichte Kriegssteuern.

In neueren Zeiten lag der Schwerpunkt freilich bei Staatskrediten in verschiedensten Formen. Der vermehrten Nachfrage wegen kann es zu einer Belebung der Wirtschaft kommen. Die Aufrüstung eines Landes kann einen kleinen oder größeren Wirtschaftsboom auslösen, was in der Regel auch propagandistisch ausgeschlachtet wird. Die Staatspropaganda lief von der Antike bis zur Gegenwart im Wesentlichen auf Hochtouren. Es werden sowohl die militärischen Siege wie auch die wirtschaftliche Hochkonjunktur lauthals im Vorherein gefeiert, man habe wirtschaftlichen Erfolg und Überfluss auf alle Ewigkeit gepachtet.

Tatsächlich zeigen sich schon frühzeitig die Probleme, das Konkurrenzverhältnis der Staatsnachfrage wie den Verschiebungen bei der Kaufkraft. Es werden bald Einsparungen und Opfer von der zivilen Bevölkerung gefordert, deren ziviler Konsum beschränkt. Beispiel dafür sind bekanntlich die Maßnahmen des Dritten Reiches, die ab etwa 1936 einsetzten und, unter anderem, den Konsum von Kaffee einschränkten und den Kaffeegenuss zu einer privilegierten Sache der Hitlerbonzen machte. Ebenso werden mit vielfältigen Maßnahmen die Löhne und Gehälter beschränkt. Das beginnt zuerst bei den Arbeitern und wird später auf andere Bereiche ausgedehnt. Während die Propaganda lauthals verkündet, dass es wirtschaftlich noch nie so gut gegangen ist, heißt es gleichzeitig den Gürtel zunehmend enger schnallen. Hier zeigt sich denn auch die Eigenart der nicht-marktgängigen Produktion von Leistungen und Gütern, dass ungeachtet der tatsächlich zustande gekommenen Produktivitätssteigerungen dies zu keinerlei wirtschaftlichen Verbesserungen bei der Bevölkerung führt, ganz im Gegenteil. Diese lebt immer in Widersprüchen.

Zu den bekannten Zwangsmaßnahmen eines kriegführenden Staates gehören dann auch jene Maßnahmen, die Art und Weise, der staatlichen Geldbeschaffung. Der Kriegsbedarf zeichnet sich von jeher durch seine wachsende Unerschöpflichkeit aus, dieser Bedarf wird im Verlauf des Krieges immer größer. Man beginnt mit der Geldvermehrung, das heißt der Inflationierung der Währung. In früheren Zeiten wurde jeweils mit der Münzverschlechterung begonnen, dem Herabsetzen des Gold- und Silbergehaltes. Die Numismatik, die Münzkunde, kann dementsprechend auch mit der detaillierten Geschichte, den ganzen Geldwertverschlechterungen, den vielen Steuern und Zwangsabgaben, einschließlich der Naturalabgaben, der älteren Kriegs- und Steuerstaaten aufwarten. Das reichte etwa bis hin zu einer Bartsteuer in Russland. Wenn manchmal die fiktive Rechnung aufgestellt wie viel ein zu Zeiten Jesu gesparter und verzinst angelegter Betrag letztlich wert wäre samt Zinsen und Zinseszinsen, werden dabei meist die Währungsausfälle, denen jeweils eine Münzwertverschlechterung voranging, übersehen.

Charles P. Kindleberger vermittlet in seinem Buch „A Financial History of Western Europe“ recht interessante Einsichten:

„War is a hothouse and places enormous strain on resources, which finance used to moblize. Financial innovation occurs in wartime. It is no accident, for example, that the Bank of England was established in the midst of the Nine Years′ War, … , or that the Bank of France was established by Napoleon in 1800 to help finance his wars.“

Er verweist weiter auf die früheren buchstäblichen Schuldenkaiser und deren Zahlungsunfähigkeit:

„In the Middle Ages bankers were brought to ruin less by the collapse of commodity and security markets, as in modern times, than by  the failure of kings to meet debts incurred to raise mercenary armies and subsidize allies.“

Entsprechend sieht denn auch die Chronologie der „Financial Events“, Chronology VI, bei Kindleberger aus. Deren bloße Auflistung vermittelt  eine recht interessante Einsicht, weswegen hier die ersten zwölf Punkte davon wiedergegeben werden:
1492  Expulsion of Jews from Spain
1502  Expulsiom of Moors from Spain
1519  Election of Charles Charles V. as Emperor of Holy Roman Empire
1522  Financial crisis
1557  Financial crisis
1600  Formation of English East India Company
1602  Formation of Dutch East India Company
1620 – 1  Financial crisis
1636  Tulip mania
1649  Financial crisis following execution of Charles I.
1661  Chamber of Justice set up by Colbert, minister to Louis XVI.
1667  English financial crisis

Kriegssteuern, deren gesehene Notwendigkeit, trugen immer wieder mal zur Entstehung des organisierten Steuerstaates bei. Richard Bonney geht in seinem Buch “Economic Systems and State Finance” unter anderem auf die Entstehung des universellen Steuerstaates und -systems im frühen Mittelalter ein. Zu der Zeit waren es u.a. die Kreuzzüge, die einiges zur Weiterentwicklung des Steuerstaates beitrugen. Die katholische Kirche kam hinzu, unterstützte diese Besteuerung und fungierte dabei als Moralunternehmer. Dem Volk der Laien wurde die Pflicht der Steuerleistung von den Kanzeln gepredigt.

So wurde zur Finanzierung der Kreuzzüge etwa der „Saladin Zehnt“ eingeführt, eine Steuer, die später teilweise in England säkular fortgesetzt wurde, zur Finanzierung anderer Ausgaben des königlichen Hofes beibehalten wurden.  Es kam, wie eigentlich nicht anders zu erwarten, immer wieder zu Revolten. In Frankreich zum Beispiel waren diese Steuern unpopulär und verhasst. Auch die regionalen Aristokraten waren vielfach dagegen und so musste auf deren Einhebung schließlich verzichtet werden. In England dagegen gab es die Revolten gegen die Steuern erst später und trugen schon mal zum Machtverlust eines Königs und dessen Enthauptung bei. Tatsächlich kam es immer wieder zu jenen wirtschaftlichen Situationen, in denen der Kaiser sein Recht verloren hatte als nämlich buchstäblich nichts mehr zu holen war bei den Untertanen und auch repressive Maßnahmen nicht mehr fruchteten. Eine recht interessante Liste findet sich bei Wikipedia, in der die Todesursachen britischer Monarchen aufgelistet wird. In Frankreich gab es lange Zeit keine Enthauptungen, diese wurden für die Revolution aufgespart und dafür bei dieser Gelegenheit gleich mehr erledigt.

Günther Schmölders erwähnt in seinem Buch auch den Meinungswandel, zu dem es wieder kam. Die Kriegsbegeisterung und Zustimmung zu einem Krieg oder Feldzug verflüchtigte sich in aller Regel bis es schließlich dann zu Ablehnung und regelrechtem Hass gegen die Herrscher, deren Krieg und vor allem auch den unersättlichen Steuereinnehmern kam. Oft genug gab es seitens des Militärs auch Übergriffe auf die bäuerliche Bevölkerung, die Bauern, denen das Vieh aus den Ställen geholt wurde sowie Getreide und andere Vorräte weggenommen wurden. Hinzu kam dann immer wieder auch die logischerweise schlechte Erfahrung der Bevölkerung mit der Münzverschlechterung, die deswegen einen zunehmenden Verfall der Kaufkraft erlebte wie auch die Verknappung der nötigen Güter und Leistungen für den täglichen Bedarf.

Das Misstrauen in eine Währung, in das zirkulierende Geld wuchs im Verlaufe eines solchen Ereignisses, bis es dann zur teilweisen oder gar gänzlichen Ablehnung des Geldes kam. Schmölders: „Irgendwann merkte dann auch der dümmste Bauer, dass er für sein Geld nichts mehr erhielt“ und er geneppt worden war. Und von da an auch nichts mehr von seinen Produkten verkaufen wollte, jedenfalls nicht gegen das in Verruf geratene Geld. Mit anderen Worten, es gab einen Währungsausfall, der dann auch dem regierenden Monarchen, dem ganzen Staatswesen zu schaffen machte. Eine sehr bekannte Periode einer Münzverschlechterung ist die Wipper- und Kipperzeit, die etwa von von 1675 bis 1690 währte und auch in der Numismatik entsprechende Bekanntheit hat. Die Wirtschaftskrise erfasste dann auch die Beamten, das leibliche Wohl des Verwaltungsapparates samt dessen Kanzleibedarf.  Aus solchen Krisenzeiten stammt übrigens der Ausdruck  „Schwein gehabt!“ Ein Schwein zu haben bedeutete in solchen Zeiten wirklich Glück, wenn ansonsten überall Schmalhans Küchenmeister war.  In früheren Jahrhunderten waren Hungersnöte als Folgen von Wirtschaftskrisen, die sich insbesondere durch Kriege und Kriegsinflationen nichts Ungewöhnliches.  Dann gab es in aller Regel auch  irgendwas mit der Regierung, dem Köngis- oder Kaiserhaus, und zwar eine oft doch recht ordentliche  Krise.

Literatur:

Günther Schmölders: Geldpolitik, Tübingen, C. B. Mohr, 1968, mehrere Auflagen, Kapitel: Kriegsinflationen und Staatsbankrotte (das Buch ist leider vergriffen, m. W. nur gebraucht bei amazon.de zu haben, abgesehen von der Verfügbarkeit in (Uni-) Bibliotheken, als Klassiker sehr zu empfehlen

Charles P. Kindleberger: A Financial History of Western Europe, Routledge, London 1984 (Erstauflage)

Richard Bonney: Economic Systems and State Finance, Oxford University Press, 1995, pp. 69ff

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