Ein Gastbeitrag von Udo Stähler*
Immer wieder durften wir erleben und mitmachen, schreien und lachen, wenn Entscheidungen in Unternehmen vor rationalen Überlegungen zurückgeschreckt sind. Die Wiederherstellung der Bodenhaftung, die den Laden dennoch auf der Zielgeraden hält, sichert bei der Leitung nicht-börsennotierter, mittelständischer Unternehmen der unmittelbare Bezug zu den Mitarbeitern und zum Produkt. Bei Top-Managern großer börsennotierter Unternehmen übernimmt die fehlende Bodenhaftung in letzter Instanz das Netzwerk Deutschland AG.
Die „neue Deutschland AG“ ist eine Funktionsbedingung des globalisierten „rheinischen Kapitalismus“. Was heißt es, wenn in der neuen Deutschland AG die nächste Manager-Generation in die Aufsichtsräte geht und diese Neuen „die Regeln der Macht vollkommen neu definieren“?
Vom Familienunternehmen Linde bis zu Siemens: wenn die Topmanager der Similauner mit Reinhold Messner klettersteigen, kennt diese Seilschaft nur gegenseitige Unterstützung. Die Gruppe der Similauner –so getauft nach dem ersten 1984 gemeinsam erreichten (Berg)Gipfel– modernisieren die Werkzeuge des Managements, wie sie beim Klettersteigen jetzt auch die modernen Klettersteigesets der Y-Form nutzen, bei denen die Attac(!)-Karabiner beim Umhängen nicht aufgeschraubt, sondern nur gegen das Drahtseil gedrückt werden müssen. Mit den alten V-förmigen Sets mussten Beitz und Cromme kurzzeitig ungesichert „managen“. Bei Beitz ging’s gut, doch bei seinem ehemaliger Adept Cromme hakelts grad.
Am 21.01.14 berichtete das WELT-Investigativteam über die neue Machtverteilung in der neuen Deutschland AG. Fleißig werden die persönlichen Verbindungen der Manager, die Netzwerke, Institutionen und Unternehmens-„Connections“ der neuen Deutschland AG investigiert und eine Konzernspinne gemalt. Hinter dem Impetus der Aufdeckung des Verschwörerischen stecken interessante Informationen:
- Auf den Bergtouren wurde deutlich, dass Grabenkämpfe und Schaulaufen nicht zum Ziel führen. Oder: die Erhaltung guter Marktbedingungen für Großunternehmen ist das übergeordnete gemeinsame Ziel der Loge der Similauner.
- Die Entwicklung des Corporate-Governance-Kodexes war trotz des Unmuts der Alphatiere unverzichtbar, um internationalen Investoren Vertrauen in deutsche Aktiengesellschaften zu geben. Oder: die Bedienung des Kapitalmarktes ist wichtiger als die der Eitelkeiten.
- Die erste Frau als Vorsitzende eines Aufsichtsrates, Frau Bagel-Trah bei Henkel, zeigt, dass die neue Generation der Aufsichtsräte den Maschinenraum kennen muss, wenn sie den Olymp besteigen will. Oder: die geänderten Marktfunktionsbedingungen fordern kulturelle und Innovationen des Management-Habitus.
- Die neue Generation der Aufsichtsräte, wie Werner Wenning, hat bei der Deutschen Bank und bei Siemens die Kohlen aus dem Feuer geholt, während Börsig und Cromme mit dem V-ornehmen Klettersteig-Set in die Spalte rutschten. Oder: die Modernisierung der Marktfunktionsbedingungen erfordert ein Umdenken vom Gutsherrengehabe zum Management by Commitment.
Es spricht für die Deutschland AG, dass die erforderlichen Veränderungen erkannt wurden. Zu der Frage der WELT, ob „einfach bloß ein ‚Old-Boys-Network‘ durch ein ‚Slightly-Younger-Boys-Network‘ abgelöst“ wird?“, muss ich anmerken: Erstens übernimmt ein „Powerful-Younger-Management-Network“ den Job; Zweitens ist es keine Männerdomäne mehr. Und Drittens: Solange die Manager mittelständische Unternehmen am Boden sind und nicht in den höheren Weihen des Kapitalmarkts den Shareholder-Value suchen, brauchen sie keine derartigen „Gremien“.
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Udo Stähler ist Diplom Volkswirt und Interim Manager. Er war über 25 Jahre in leitenden Funktionen im Firmen- und gewerblichen Immobilienkundengeschäft von Bankkonzernen tätig.
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