Kleiner Privatkrieg zwischen Porsche und den Banken

by sharewise on 29. Oktober 2008

Ich muss noch einmal auf Porsche und Volkswagen zurückkommen. Denn so langsam wird offensichtlich, was wahrscheinlich tatsächlich hinter den Kulissen gelaufen ist und das Chaos auslöste.
Wie gesagt, Porsche hat sich 31,5 % über Optionen an Volkswagen gesichert. Gegenspieler dieser Optionen sind Banken. Diese Banken, so die Gerüchte, besaßen aber nicht die komplette Anzahl an Aktien, um diese Porsche bei Fälligkeit zu liefern, es fehlten auch bei den Kursschwankungen Alternativen, um sich anders abzusichern. Also mussten die Banken Volkswagen-Aktien im Markt kaufen. Sie hatten demnach eine große „Minus-Position“ an Aktien (dazu komme ich gleich noch mal). Da aber die Zahl der verfügbaren Aktien immer niedriger wurde, trieben die Banken mit ihren eigenen Käufen sozusagen ihre eigenen Kurse.
Die Idee
Eine Lösung musste her. Jeder den ich kenne, war davon überzeugt, dass Volkswagen bei 400 Euro massiv überbewertet sei. Diese eindeutige Schieflage zieht natürlich Zocker an, wie die Fliegen. Die größten „Zocker“ sind Hedge-Fonds, die ein hohes Interesse daran hatten, gegen diese Überbewertung von Volkswagen mit den verschiedensten Strategien zu traden.
Die Banken haben nun also diesen Hedge-Fonds die Volkswagen-Aktien geliehen, die sie mittlerweile zur Sicherung der Optionen erworben hatten. Und das in dem Wissen, dass die Hedge-Fonds diese Aktien im Markt verkaufen werden, um von fallenden Kursen zu profitieren (shorten). Wenn man sich eine Volkswagen-Aktie leiht, diese zu 400 Euro verkauft und zu 220 Euro etwas später zurückkauft, hat man schließlich einen satten Gewinn von 180 Euro je Aktie in der Tasche. Ein geniales Geschäft, für die Hege-Fonds, so schien es.
Die Banken wussten wie wenig Aktien nur noch im Markt frei verfügbar sind. Ihnen musste also klar gewesen sein, dass wenn die Hedge-Fonds die geliehenen Aktien im Markt verkaufen, der Volkswagen-Kurs massiv einbrechen wird!
Auf beiden Seiten profitieren
Wahrscheinlich wollten die Banken also genau das erreichen. Denn nach den  durch die Hedge-Fonds ausgelösten Kursverluste hätten die Banken zu günstigen Kursen den Rest der Aktien kaufen können, die sie zur Sicherung der Optionen, die Porsche hielt, brauchten. Ein nahezu perfekter Plan, da sie so auf beiden Seiten profitierten: Auf der einen Seite durch die Gebühren der geliehenen Aktien, auf der anderen Seite, weil sie nur so an die restlichen Aktien zu günstigen Kursen kommen konnten.
Der Plan ging auf, zunächst
Und tatsächlich der Kurs der Volkswagen-Aktie halbierte sich in der vorigen Woche in kürzester Zeit von über 400 Euro auf knapp 200 Euro. Perfekt! Wahrscheinlich haben die Banken in die fallenden Kursen hinein den Hedge-Fonds einige der Aktien abgekauft, die sie ihnen zuvor selbst geliehen hatten.
Die Dummen waren die Hedge-Fonds, denn sie hatten jetzt genau die Minus-Position an Volkswagen-Aktien im Depot, die zuvor die Banken besessen hatten. Jetzt mussten die Hedge-Fonds die Aktien in dem engen Markt kaufen, um die geliehenen Aktien an die Banken zurückzugeben. Die Banken haben quasi den Kaufzwang an die Hedge-Fonds übergeben. Und das führte dann am Montag zu den Übertreibungen nach oben, weil die Hedge-Fonds bei weiter steigende Kursen kaufen mussten, um ihre eigenen Verluste zu begrenzen.
Das Problem
Was für die Banken perfekt war, war natürlich für Porsche ein Problem. Diese Halbierung des Aktienkurs von Volkswagen bis Freitag letzter Woche konnte Porsche natürlich nicht gefallen. Vielleicht hat Porsche aber auch direkt von dieser Aktion der Banken Wind bekommen. (Unter Umständen hing Porsche sogar mit den Banken unter einer Decke – wer weiß.) Porsche musste auf jeden Fall dringend handeln, weil ihnen durch die Kursverluste ein erheblicher Gewinn wegbrach.
Eine Erklärung, am besten am Sonntag
Liest man jetzt nach dieser Erläuterung die Erklärung von Porsche, die letzten Sonntag veröffentlicht wurde, macht alles Sinn: Porsche sagt doch explizit, dass deutlich mehr Short-Positionen im Markt seien als erwartet! Das spiegelt genau das wieder, was ich oben beschrieben habe. Durch die Veröffentlichung der Bestände und der Optionen und die Erklärung, bis zu 75 % an Volkswagen erwerben zu wollen, wollte Porsche eigenen Angaben nach, den Shorties die Gelegenheit geben, ihre Positionen in Ruhe und ohne größeres Risiko aufzulösen. Kurz, Porsche wollte diesem Spiel einen Riegel vorschieben. Die Kommentare erscheinen aus dieser Sicht nun sehr einleuchtend.
Auch den Sonntag zu wählen, um das zu verkünden, ist sehr geschickt, da niemand zu dieser Zeit handeln kann.
Überfunktioniert
Dass die Strategie von Porsche aufgegangen, aber irgendwie auch gründlich schief gegangen ist, wird jedem angesichts der letzten Kurskapriolen der Volkswagen-Aktie einleuchten. Immerhin schoss die Aktie auf über 1000 Euro.
Das Ganze war also mit großer Wahrscheinlichkeit eine Art kleiner „Privatkrieg“ zwischen Porsche und den Banken. (Eventuell auch ein abgekartetes Spiel der beiden gegen die Hedge-Fonds.) Wobei wohl niemand mit derart dramatischen Folgen gerechnet haben.
Image-Schaden
Nach der schlechten Presse der letzten Tage hat Porsche angekündigt, einen Teil der Sicherungspositionen (also die Optionen) aufzulösen. Kurz, Porsche kassiert den Gewinn cash, verringert damit aber auch den Druck auf die Banken und erhöht wahrscheinlich auch die Anzahl frei verfügbarer Aktien.
Porsche tut offensichtlich alles, um einen erheblichen Image-Schaden von dem eigenen Marken-Namen abzuwenden. Eigentlich agiert Porsche nämlich, wenn sich das alles so zugetragen haben sollte, wie ich es hier dargestellt habe, mehr wie ein Hedge-Fonds, beziehungsweise wie eine Heuschrecke alter (also übelster) Schule. Die Gefahr, dass dies auch die Masse der Verbraucher bald so sieht und der Name „Porsche“ mit der Zeit mehr mit Börsenzockereien, als mit dem Bau von guten Sportwagen verbunden wird, ist einfach zu groß. Natürlich werden die realisierten Gewinne trotzdem exorbitant sein. Kein Wunder also, dass die Porsche Aktie heute knapp 30 % zulegen konnte.
Quelle: http://www.sharewise.com/news_articles/1839-Volkswagen-Porsche-Kurse

Von Jochen Steffens publiziert von Nicoolas Plögert www.sharewise.com

andreas November 13, 2008 um 04:34 Uhr

Hallo Jochen,
wirklich unglaublich, dass man Dank Google auch auf solche privat betriebenen Seiten stößt – und zwar aus Brasilien, wo ich wohne.

Zum Thema:
Die Behauptung Porsche verhalte sich wie eine Heuschrecke halte ich für nicht angebracht. Im Unterschied zu Hedgefonds hat Porsche ein tatsächliches Interesse am Erwerb der Aktien von VW. Porsche konnte den angestrebten 75%-Anteil nicht in einem Schritt erwerben, da auch schon vor einem Jahr dazu ein Kapital von über 32 Mrd EUR notwendig gewesen wäre gemäß der damaligen Mkap von VW. Porsche hat schon seit vielen Jahren massiv VW-Aktien gekauft und zusätzlich Optionen auf VW erworben. Ursprünglich waren Optionsscheine genau dafür gedacht, Die Banken und Hedgefonds haben jedoch Optionen als reine Finanzistrumente genutzt und waren an den zugehörigen Aktien nie interessiert. Anders Porsche: Hier investiert ein erfolgreicher Autobauer in ein anderes Automobilunternehmen. Schon der erste VW-Käfer wurde vom Gründer Ferdinand Porsche entwickelt. Eine durchaus logische Strategie.

Es scheint nicht einsichtig das millardenschwere Hedgefonds noch vor wenigen Wochen – im Angesicht der Finanzkrise – in ein Spiel investiert haben sollen, das sie nicht verstanden haben. Sollten die Kfz-Mechaniker tatsächlich mehr vom Finanzgeschäft verstehen als Bankmanager und Hedgefondspezialisten ?

Am aktuellen Porschekurs lässt sich jedoch ablesen, dass die Banken und Hedgefonds derart getroffen sich auf ein gemeinsames Vorgehen gegen Porsche eingeschossen haben. Unter normalen Umständen würden alle Finanzinvestoren die Aktie von Porsche von Markt wegkaufen. Ein KGV von 1,79 und eine stille Reserve von über 40 Mrd EUR, das kann sonst keine Aktie bieten. Sollte der Finanzbranche ein abgestimmtes Verhalten nachzuweisen sein, könnte Porsche das auf dem juristischen Weg geltend machen. Somit blieben Porsche auch in den kommenden Jahren neben dem operativen Geschäft einträgliche Sondereffekte in Mrd-Höhe erhalten 😉

andreas

Der Kapitalmarkt hat sich von der Realwirtschaft gelöst und damit das gesamte hinterlegte System pervertiert.

Nicolas Plögert Oktober 30, 2008 um 11:52 Uhr

Hallo Phillip,

gerne kann ich dir weiterhelfen:

zu 1: Der Kursverlust der VW-Aktie kommt hauptsächlich dadurch zustande, dass so viele Leerverkäufer auf dem Markt waren. Hedgefonds mit großen Volumen haben natürlich dementsprechende Positionen aufgebaut, da ja die Aktie mit einem Kurs von 400 Euro überbewertet war. Die Hedgefondsmanager haben somit auf einen Kursverfall spekuliert und dass drückte die Kurse.

zu2: Bei diesem Phänomen dieser Kursexplosion spricht man von einem sog. Short-Squeeze. Der Streubesitz der VW-Aktien ist zur Zeit sehr gering. Darum wirken sich die Wiedereindeckungskäufe der Hedgefonds, um die geliehenen Aktien zurückgeben zu können, so stark auf den Kurs aus. Sie müssen nun die Aktien auch zu astronomisch überhöhten Kursen kaufen, um die Leihgabe zurückzugeben.

zu3: Das Zeitverhältnis in dem die Kurse steigen ergibt sich rein durch Angebot und Nachfrage und dem damit verbundenen Handelsvolumen. Ist die Nachfrage und das damit verbundene Ordervolumen groß, dann steigt auch der Kurs stärker. Nachgucken wann welche Orders rausgehen und wie hoch sie sind kannst du hier im Xetra-Orderbuch
http://aktienkurs-orderbuch.finanznachrichten.de/vow.aspx

Ich hoffe ich habe dir weiterhelfen können
Schöne Grüße
Nico

Philipp Oktober 30, 2008 um 00:26 Uhr

Guter Artikel und toller Blog. Danke schon mal dafür. Aber ich hätte da eine Frage (Vorkenntnisse: interessierter Laie).

Also die Banken haben Aktien auf einem hohen Kursniveau an Hedge-Fonds verliehen. Die haben diese verkauft. Der VW-Kurs ist gesunken.

1. Frage: Hängt der Kursverlust direkt mit dem Verkauf der Hedge-Fonds-Aktien zusammen?
2. Frage: Verstehe ich die Theorie aus dem Artikel richtig, dass der Kurs dann quasi explodiert ist, weil zum einen die Banken günstiger sich die noch fehlenden Positionen für die Optionen besorgt haben und zum anderen die Hedge-Fonds Aktien gekauft haben, um die geliehenen Aktien zurückkaufen zu können?

Je mehr ich da gerade drüber nachdenke, fällt mir auf, dass ich so genau gar nicht weiß, wie ein Aktienkurs zu Stande kommt. Klar, das Grundprinzip ist Angebot/Nachfrage und so wie ich das verstanden habe, finden sich Käufer und Verkäufer über das Xetra-System. Aber wie funktioniert das genau? Zum Beispiel, wenn insgesamt 100 Aktien gekauft werden sollen, gerade aber nur 10 Aktien zum Verkau stehen, steigt der Kurs. Logisch. Nur wie wird festgelegt, wie schnell er steigt? Alle x Sekunden um 0.x%?

Ich bedanken mich schon mal!
Viele Grüße

marcus krüger Oktober 30, 2008 um 00:08 Uhr

danke für die zusammenstellung. ich weiß nicht, wie sicher deine informationslage ist, aber evtl. etwas zu viel Indikativ im Beitrag. Mit Begriffen wie „Schuld“ und „Schurke“ bin ich etwas vorsichtiger, weil ich es auch für möglich halte, dass die beteiligten Parteien in Zugzwang kommen können.
Ich hatte heute ein Gespräch, in dem mein Gegenüber die These vertrat, das Porsche sich ein „cornering the market“ habe zu Schulden kommen lassen und dafür auch belangt werden müssen. Ich vertrat die Meinung, dass es sich es sich eher um einen „cornered market“ oder eine sehr teure Version von „Musical Chair“ handelt.
Ansonsten wie immer gute Zusammenfassung

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