Das Spiel des „Smart Money“ mit Griechenland

by Dirk Elsner on 8. April 2010

Greece, Akropolis

Angeschnittene Akropolis (Foto: flickr/Gert-Jan Hanekamp)

Browst man durch die Meldungen der letzten Tage zu den Spekulationen um Griechenland, dann wird man den Verdacht einfach nicht los, dass hinter den Kulissen in den Trading-Räumen einiger Investment- und Handelsbanken sowie bei Hedgefonds und anderen institutionellen Investoren mächtig gepokert wird.

Wenn sich etwa der größte Bond-Investor der Welt, die Pacific Investment Management (Pimco), wie Markus Gärtner gestern schrieb, mitteilt, dass er die Währungen von Australien, China, Kanada und Brasilien favorisiert oder die Griechenland-Angst neu geschürt wird, dann sollte jedenfalls vorsichtig mit diesen “offiziellen” Aussagen umgegangen werden.

Auffällig ist jedenfalls, dass stets vor Kapitalmarkt-Emissionen Griechenlands die Gerüchteküche besonders kocht. Ich hatte bereits Ende Februar mit einem “Spiel der Märkte” gerechnet, um die Konditionen der Anleihen zu verbessern. Es sieht so aus, als wiederhole sich dieses Spiel in diesen Tagen erneut.

Händler bei Banken und institutionellen Investoren wissen, dass das Spiel so läuft. Der Kapitalmarkthandel, egal ob bei Global-Playern oder bei der Kreditvergabe an mittelständische Unternehmen, ist stets angewandte Spieltheorie. Es kommt je nach eigener Information stets darauf an, entweder die asymmetrische Informationsverteilung für sich und nur für sich zu nutzen oder sie abzubauen. Das sogenannte “Smart Money”, also die Investoren, die mit viel Erfahrungen, modernster Informations- und Analysetechnik und hoher Kapitalausstattung arbeiten, haben allein aufgrund ihres Geschäftsvolumens einen relativ starken Einfluss auf die Kapitalmärkte. Sie vermeiden aus gutem Grund, ihre eigenen Handelsabsichten und Marktpositionierungen bekannt zu machen, weil sie fürchten, damit Preisbewegungen auszulösen, die ihre eigenen Absichten unterlaufen. Daher kann man davon ausgehen, dass hinter öffentlichen Äußerungen (im Poker nennt man das “Tells”) bestimmte Absichten stecken.

Zurück zu Griechenland. Das Land sucht derzeit neue Gläubiger. Viele Investoren, oder wie man an der Wall Street abfällig sagt “Liquiditätslieferanten”, sitzen auf hohen Liquiditätsbeständen und suchen lukrativ verzinste Anlagemöglichkeiten. Wenn sich für das “Smart Money” irgendwo die Chance bietet, durch wie auch immer gesetzte “Tells” die Konditionen zu verbessern, dann werden diese Möglichkeiten genutzt. Daher kann man nicht wirklich sicher sein, ob die Gerüchte um Griechenland nicht vielleicht auch bewusst lanciert sind. Diese Lancieren wird umso einfach, je intransparenter und unsicherer die Lage schon ist.

Freilich, und das macht das Kapitalmarktgeschäft so spannend, können die Top-Händler und Liquiditätslieferanten (und auch Pimco) nicht sicher sein, dass diese “Spiele” stets aufgehen. Aufgrund der Komplexität und des Informationsrauschens weiß nämlich niemand genau, wie weit der eigene Informationsvorteil tatsächlich reicht und was der Markt selbst mit den “Tells” macht. Das “Smart Money” durchschaut in der Regel “Tells”, wie die von Pimco, und wird sich fragen, welche Absicht etwa Pimco damit verfolgt und ob sich lohnt dagegen zu halten oder mit zu schwimmen.

Versetzen wir uns kurz in einen Pimco-Manager. Hier darf man eigentlich sicher sein, dass Pimco bereits in Australien, China, Kanada und Brasilien investiert ist und dort aktuell keine Neuengagements verfolgt. Vielleicht will Pimco ja sogar in Griechenland investieren. Würde Pimco dies vor dem Engagement offen legen, hätte dies einen enormen Einfluss auf die Preisbildung (Zinsen würden sinken). Durch das Starkreden von Alternativen, redet man Griechenland schwach und kann dort bei verbesserten Konditionen beruhigt zugreifen. Griechenland direkt schwach zu reden, wäre nicht gerade smart, denn wenn man zunächst Griechenland schlecht macht und später einräumt (irgendwann kommt so etwas unter Profis ohnehin raus), man sitze auf Positionen aus Griechenland, dann haben subtile “Tells” keinen Wert mehr. Das ist wie mit dem künstlichen Bluffen eines Pokeranfängers: haben, das die Mitspieler erst einmal durchschaut, dann wirkt es nicht mehr. Das kann sich Pimco natürlich nicht leisten.

Pimco ist aber derzeit so einflussreich, dass die Gesellschaft ständig gefragt wird, was ein weiterer enormer Vorteil sein kann. So hat sich Reuters Aussagen von Pimco und BlackRock zu Griechenland abgeholt:

But major money managers, including BlackRock and PIMCO, say that even though Greece’s government debt yields are approaching the highest in a decade, more clarity on a safety net agreement between the International Monetary Fund and European Union is needed before taking part in the bond deal.

„They will have to come up with more specifics about the IMF-EU arrangement, or they will have to pay a higher price,“ said Scott Mather, head of global portfolio management for Pacific Investment Management Co. (PIMCO) in Newport Beach, California, which oversees more than $1 trillion in assets.

Diese Aussagen sprechen nicht gegen ein Engagement der Top-Institutionellen, sondern lassen im Sinne der “Tells-Theorie” verschiedene Schlussfolgerungen zu. Aber ich will die die Spekulation über das Spiel des “Smart Moneys” nicht bis zum Erbrechen weiter treiben, sonst ließe sich da gleich ein Buch drüber schreiben. Das “Smart Money” jedenfalls liebt solche Informationslagen, wie um Griechenland. In solchen Situationen lässt sich am meisten Geld verdienen.

Und die Finanzhistorie ist voll mit Geschichten von großen und kleinen Spielern. Niemand, auch das Smart Money nicht, kennt alle relevanten Informationen. Die Spieler, die glauben, alle Informationen zu besitzen und cleverer als alle anderen zu sein, unterliegen dem hohen Risiko, dass der Markt irgendwann gegen sie spielt. Ich habe freilich nicht den Eindruck, dass dies ausgerechnet BlackRock oder PIMCO sein werden, zumindest nicht derzeit. Hier weiß man, dass das Risiko aus einer Ecke kommt, die derzeit kaum jemand im Blick hat.

Nachtrag

Das Wall Street Journal bringt heute übrigens einen hoch interessanten Artikel darüber, wer sich so an der Spekulation um Griechenland beteiligt: Investors Playing Defense Heighten Greek Debt Woes. Auch das Handelsblatt greift die Rolle von Spekulanten und Investoren auf unter dem Titel: Wie Spekulanten an der Euro-Krise verdienen sowie mit dem Artikel „Griechische Bonität: Angriffe aus dem DunkelnEin Aufstellung wichtiger Top institutioneller Investoren gibt es hier im Blick Log.

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