Tagebucheintrag eines Muppets

by Jakob Wega on 29. November 2013

Gastbeitrag von Jakob Wega

 

Der Tag fing gut an. Ich kontrollierte meinen Lottoschein und stellte fest, dass ich bei der letzten Ziehung 3 Richtige hatte. Ich freute mich sehr, denn ich hatte schon seit einem halben Jahr nichts mehr gewonnen.

Mittags war ich mit einem Kunden essen, der mit unseren Produkten viel Geld verloren hat. Ich setzte ihm auseinander, dass unvorhersehbare Ereignisse eingetreten sind, sich aber längerfristig gesehen wieder alles positiv entwickeln wird. Man muss nur Geduld haben.

Mein Chef hat uns „Di Luigi“, den teuersten Italiener am Platz genehmigt. Falls das nicht gereicht hätte, wäre mir erlaubt worden, den Kunden am Wochenende zum Fußball einzuladen. Doch er blieb friedlich, schließlich handelt es sich nicht um sein Geld, sondern wiederum um das seiner Klienten.

Am Nachmittag rief ich bei meinem Bauträger an, um mich zu erkundigen, wie lange noch die Verzögerungen beim Bau des von mir und meiner Lebensabschnittspartnerin in Auftrag gegebenen Reihenhauses dauern würden. Dieses soll für uns und die geplanten Kinder irgendwann einmal ein kuscheliges Nest in einem ruhigen familienfreundlichen Vorort werden. Er erklärte mir, dass unvorhersehbare Ereignisse eingetreten sind, die alles ein klein wenig teurer machen, sich aber längerfristig gesehen wieder alles positiv entwickeln wird. Man muss nur Geduld haben.

Nach Arbeitsschluss holte ich meinen Lottogewinn ab, 9,20 €. Nicht viel, aber immerhin etwas. Ich bin überzeugt davon, dass ich irgendwann auch mal mehr Glück im Lotto haben werde und sich dann alles positiv entwickeln wird. Ich muss nur Geduld haben.

Am Abend traf ich mich mit meiner Lebensabschnittspartnerin in unserem Appartement. Wir tranken vollmundigen Wein aus Bio-Anbau und aßen dazu würzigen Bergkäse mit geschmacksechten Oliven.

Sie war sehr aufgeregt. Eigentlich wollte sie zur Finanzierung unseres Hauses ihre Zertifikate verkaufen, musste allerdings feststellen, dass sie hierauf hohe Verluste hatte. Ihr Bankberater meinte, dass unvorhersehbare Ereignisse eingetreten sind, sich längerfristig gesehen aber wieder alles positiv entwickeln wird. Man muss nur Geduld haben.

Bevor wir zu Bett gingen, gab es im Fernsehen noch eine interessante Diskussion zu dem Thema: „Ist ein gesetzliches Verbot des Klimawandelleugnens erforderlich?“ Meine Lebensabschnittspartnerin und ich gerieten hierüber im Streit. Obwohl wir beide das Klimawandelleugnen als abscheulich ablehnen, hält meine Partnerin Verbote oder gesetzliche Regelungen hierzu für überflüssig. Ich hingegen denke, der Staat muss dafür sorgen, dass die Wahrheit zu ihrem Recht kommt. Sonst fallen die Leute noch auf die ganzen Schwindler herein, die behaupten, dass sich mit dem Klima längerfristig gesehen wieder alles positiv entwickeln wird. Man müsste nur Geduld haben! Lächerlich.

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