Der Sparer war schon immer der Dumme

by Karl-Heinz Thielmann on 11. März 2014

Ein wiederkehrendes Thema dieser Tage in der Wirtschaftspresse ist die „finanzielle Repression“, die schleichende Enteignung von risikoscheuen Anlegern durch die Niedrigzinspolitik der Notenban­ken. Die Renditen von Spareinlagen, Staatsanleihen oder Geldmarktanlagen liegen deutlich unter den Inflationsraten. Ein Erhalt der Kaufkraft ist mit konservativen Anlagen nicht mehr möglich.

Der bekannte Verfassungsrechtler Paul Kirchhof hat diesen Tatbestand vor Kurzem sogar als „verfas­sungswidrig“ bezeichnet. Seiner Auffassung nach haben Bürger einen Anspruch darauf, dass ihnen ihr Finanzkapital jährlich einen Ertrag bringt. Dieses Versprechen werde nicht mehr erfüllt und damit die Kernidee des Privateigentums abgeschafft.

Der Begriff der finanzellen Repression wurde für eine Phase in den in den 50er und 60er Jahren des abgelaufenen Jahrhunderts geprägt, als unter den Inflationsraten liegende Zinsen der USA und Großbritannien ermöglichten, sich von ihren hohen Schulden des Zweiten Weltkrieges zu befreien. Sparern und Anlegern in diesen Ländern wurden so nachträglich die Kriegskosten aufgebürdet, ohne dass sie es so recht merkten. Angesichts des Booms der Nachkriegsjahre wurde dies kaum wahr­ge­nommen und ließ sich somit ohne größere politische Schwierigkeiten durchführen.

Doch ist diese Form der langsamen Enteignung von Sparern auch für Deutschland etwas Neues?

Oberflächlich betrachtet kann man diese Frage mit „Ja“ beantworten, zumindest wenn man den Realzins auf Basis der Umlaufrendite für festverzinsliche Wertpapiere berechnet. Dies ist die durchschnittliche Rendite aller im Um­lauf befindlichen, inländischen festverzinsli­chen Wertpapiere erster Bonität (also v. a. von Staatsanleihen) und ist ein für Rentenanleger relevanter Referenzzins. Er befindet sich seit ca. 10 Jahren deutlich unter den historischen Durchschnitts-Niveaus. Seit Ausbruch der Eurokrise ist dieser Realzins unter null gefallen. Er folgt damit dem gleichen Muster wie die Zinsen in Großbritannien oder den USA.

Was meistens vergessen wird, ist, dass es gerade für Kleinsparer unüblich ist, direkt in festverzinsli­che Wertpapiere zu investieren. Sie bevorzugen Spareinlagen und Sparbriefe. Trotz eines gewissen Rück­gangs in den vergangenen Jahren ist diese Anlageform ist mit einem Volumen von schätzungs­weise 660 Mrd. € bei Privathaushalten nach wie vor sehr populär. Sie entspricht jeweils ca. dem dreifa­chen, was von dieser Anlegergruppe direkt in festverzinslichen Wertpapieren (ca. 220 Mrd. €) oder Aktien (ca. 260 Mrd. €) angelegt ist.

Betrachtet man die historischen Renditen für Spareinlagen mit Mindest-/Grundverzinsung und dreimo­natiger Kündigungsfrist, die im Zeit­reihenarchiv der Deutschen Bundesbank ab 1967 histo­risch verfügbar sind, so stellt man auch für die Zeit vor 2002 (also vor der finan­ziellen Repression) Erstaunliches fest: Die reale Verzinsung schwankte relativ stark und betrug im Durchschnitt -0,1%. Die Zins­zahlungen reich­ten damit nicht einmal aus, um den Wertverfall durch Inflation auszugleichen. Hierbei sind Steuern noch gar nicht berücksich­tigt. Bei der realen Um­laufrendite betrug der entspre­chende Durchschnittswert im gleichen Zeitraum übrigens 4,2% p.a.

Finanzielle Repression ist auch in Deutschland in keinerlei Hinsicht etwas Neues. Im Gegenteil: Klein­sparer wurden durch niedrige Zinsen auch früher schon indirekt enteignet. Für sie hat sich somit we­nig geändert. Neu ist nur, dass jetzt auch die Käufer von Staatsanleihen und Pfandbriefen betroffen sind. Ihr Vorteil gegenüber Kleinsparern ist von über 4% p.a. auf ca. 1% p.a. zusammenge­schrumpft.

Auch vor 1967 sind Sparer fast immer relativ schlecht weggekommen. Während der Hyper­inflation in den 20er Jahren wurden Guthaben fast komplett entwertet. Bei der Währungs­reform 1948 wurden Sparguthaben von Reichsmark in D-Mark im Verhältnis 100 zu 6,5 umgetauscht im Gegensatz zum üblichen Umtauschsatz von 100 zu 10. Soweit es sich heute rekonstruieren lässt, lagen ihre Zin­sen in den 50er und 60er Jahren deutlich unter denjenigen für Staatsanleihen und in der Nähe der Infla­tionsraten.

Wenn Professor Kirchhof mit der Auffassung recht hat, dass durch die aktuellen Niedrigzinsen die Verfassung verletzt wird, dann wäre es schön, wenn zur Kenntnis genommen wird, dass dieser Ver­fassungsbruch zumindest für die Sparbuchbesitzer schon seit Jahrzehnten Wirklichkeit ist. Wenn Öko­nomen und Journalisten die negativen Folgen der finanziellen Repression gerade für diese Gruppe dramatisch ausmalen, sollte doch bitte berücksichtigt werden, dass sich gerade für sie durch die Niedrigzinspolitik der EZB fast nichts geändert hat.

Dramatische Änderungen haben sich aber für Versicherungen, Stiftungen und andere Institutio­nen ergeben, die aufgrund ihrer Anlagevorschriften einen Großteil ihres Vermögens in niedrigst ver­zinsliche Wertpapiere investieren müssen. Sie stecken in einer Falle, aus der nur eine Lockerung der rechtlichen Vorgaben oder signifikant höhere Kapitalmarktzinsen helfen würden. Beides ist zumin­dest kurzfristig nicht in Sicht.

Doch die Großanleger haben nach 30 Jahren Rentenmarktboom sehr gut Zeiten hinter sich, die viel­leicht ja auch einmal wiederkehren. Für den Sparer hingegen gilt: Er ist heute der Dumme, war frü­her der Dumme, und wird es aller Voraussicht nach auch bleiben.

Dieser Beitrag erschien in leicht abgewandelter Form zuerst in „Mit ruhiger Hand“ Nummer 23 vom 3. März 2014.

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