Die Finanzindustrie im Kampf für eine gerechtere Welt

by Jakob Wega on 16. Mai 2014

Die Reichen werden im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung immer reicher. Die Einkommensungleichheit in allen Gesellschaften nimmt scheinbar unaufhaltbar weiter zu. Dies hat der französische Ökonom Thomas Piketty, 42, Professor an der Paris School of Economics, herausgefunden. Er hat ein Buch (“Capital in the Twenty-First Century”) geschrieben, das innerhalb weniger Tage zum Weltbestseller avancierte. In ihm ist er den bisher üblichen Erklärungsmustern entgegengetreten, die materielle Ungleichheit der Menschen sei entweder gottgewollt oder Ergebnis einer kapitalistischen Verschwörung.

Stattdessen hat er die Begründung geliefert, dass in unserer Welt schlicht und einfach diejenigen, die im Besitz des Kapitals sind, aufgrund der grundsätzlich hohen Renditen mehr verdienen als der Rest der Bevölkerung. Insofern ist es auch ganz logisch, wenn Leute, die mit Aktien oder Immobilienanlagen ihren Wohlstand vermehren, am Ende mehr haben als diejenigen, die sich mit Sparbuchzinsen verscheißern lassen.

Weil das zu immer mehr Ungleichheit führt und diese ja schrecklich ungerecht ist, muss hier laut Piketty unbedingt der Staat eingreifen. Ich sehe das nicht unbedingt als zwingend an, wofür es zwei Gründe gibt. Denn erstens ist finanzielle Ungleichheit nicht die einzige Ungerechtigkeit auf dieser Welt. Sie kann auch zum Ausgleich anderer Ungerechtigkeiten dienen. Wenn ich schon alt, fett und hässlich bin, so möchte ich wenigstens mehr Geld haben als der Tennislehrer meiner Frau, der jung, sportlich und schön ist.

Dumm ist natürlich, wenn man gleichzeitig alt, hässlich und nicht wohlhabend ist. Solche Menschen gibt es angeblich immer mehr, und hier liegt das Problem. Piketty empfiehlt zur Lösung der Misere zum einen eine Vermögensteuer, die bei einem Vermögen von 200.000 € mit einem Prozent jährlich beginnt, bei mehr als eine Million € auf 2% steigt und bei Vermögen ab einer Milliarde auch bis zu 10% betragen kann. Weiterhin möchte er eine Einkommensteuer von bis zu 80 % für Spitzenverdiener. Letzteres wird übrigens demnächst in Frankreich zur allgemeinen Begeisterung in der Variante mit 75% praktisch erprobt.

Piketty hat in seinem Buch einen Lösungsansatz für das Problem leider nicht berücksichtigt, mit dem die deutsche Finanzindustrie schon seit Jahren erfolgreich arbeitet, um dem Auseinanderdriften der Wohlstandsklassen entgegenzuwirken. Dies ist der zweite Grund, warum man staatliche Umverteilung nicht unbedingt dringend benötigt. So gelingt es uns hier auch ohne staatliche Eingriffe, die materielle Ungleichheit nicht wie in USA oder Großbritannien ausufern zu lassen.

Schon seit jeher lautet der Wahlspruch deutscher Private Banker: “Wir schaffen Ihnen ein kleines Vermögen, wenn Sie nur ein großes vorher mitbringen.” Diesen Service genießen inzwischen nicht nur die ganz Reichen, auch für mittlere und sogar geringe Einkommen steht er zur Verfügung. Besonders stolz können wir in Deutschland darauf sein, dass eine Reihe von Finanzprodukten geschaffen wurde, mit denen überschüssiges Geld Wohlhabender nicht einfach nur sinnlos vernichtet, sondern stattdessen in sozial ungemein nützliche Zwecke umgeleitet wurde.

Hier nur einige Beispiele:

  • Ostimmobilien: Aufbau eines permanenten Überangebots an Wohnraum in entlegenen Gegenden Ostdeutschlands zur Sicherung eines sozial verträglichen Mietniveaus.
  • Schiffsfonds: Förderung der Globalisierung durch Schaffung von massiven Überkapazitäten im Seetransport, wodurch jahrelang tiefste Frachtraten garantiert sind.
  • Medienfonds: Künstlerisch ungemein wertvolle Filme konnten realisiert werden, die kein normaler Mensch sich sonst angesehen hätte.
  • Fonds für Gewerbeimmobilien: Fertigstellung von überdimensionierten Büros, Einkaufszentren oder Fabrikhallen zur Förderung der Bauwirtschaft in strukturschwachen Gebieten.

Seit der Finanzkrise gibt es noch mehr tolle Sachen (wobei man allerdings feststellen muss, dass sich hierbei auch ausländische Finanzinstitute sehr innovativ gezeigt haben):

  • Mittelstandsanleihen: Sie vereinfachen es Banken erheblich, faule Kredite maroder Unternehmen abzulösen.
  • Pflichtwandelanleihen und Optionsgenussscheine: Sie erhöhen das Spielgeld einer Bank, ohne neue Aktien ausgeben zu müssen.
  • Katastrophenanleihen: Sie entlasten die Versicherer von den unkalkulierbaren Folgen des Klimawandels.

Man muss also nicht unbedingt die Steuern erhöhen und das Geld dann mit Prestigeprojekten wie dem Berliner Flughafen oder der Elbphilharmonie verbrennen, um soziale Gerechtigkeit herzustellen. Es finden sich auch viele privatwirtschaftliche und damit marktkonforme Lösungen, um die Wohlhabenden um ihr Vermögen zu erleichtern. Die deutsche Finanzindustrie spielt hiebei sei Jahrzehnten eine Vorreiterrolle, die leider bisher nicht richtig gewürdigt wurde. Es ist daher an der Zeit, ihren Einsatz im Kampf für eine gleichere und gerechtere Welt im Lichte der neusten Forschungsergebnisse von Piketty noch einmal besonders zu würdigen und lobend herauszustellen.

Fritz (@Fritz) Mai 18, 2014 um 07:57

Sehr schön zu lesen. Lässt man den Ernst beiseite: Vielleicht unterschätzt Piketty den alltäglichen Vermögensabrieb, der alle, die sich dagegen stemmen möchten, ins Risiko zwingtm also auf das Feld, wo Vermögen angreifbar werden. Weswegen Loomann seine Hochverdiener-Klientel ja auch immer wieder daran erinnert, dass der einträglichste und verlässlichste Vermögensgegenstand ihre Arbeitskraft sei. Die mehreren hundert Neo-Milliardäre der vergangenen Jahre haben ja auch alle durch den Unternehmensaufbau ein ” family fortune” gebildet. Inzwischen bieten nicht einmal mehr Staatsanleihen eine risikolose Rendite, das drängt die Höchstverdiener und Besitzenden noch mehr in die Spielsäle …
Es bleibt allerdings die Frage, ob es ein gewisses Niveau geben kann, auf dem dann tatsächlich der erbliche Geldadel geschafft werden kann, wenn man sich nur risikoavers genug verhält wie z.B. Flicks Erben, die sich ja seinerzeit freudestrahlend aus den Wirtschaftsrisiken zurückgezogen haben und sich nicht um den unproduktiven Erhalt alter Schlösser kümmern müssen (daran sind ja unzählge Adelige beinahe mehr zugrunde gegangen als durch Kriege). Vermutlich schaffen diejenigen Reichen den Sprung auf das dynastische Level, die ihr Geld von einer risikoaversen Stiftungskonstruktion verwalten lassen – alle anderen werden früher oder später Opfer der Risiken.
Vielleicht ist es mit Piketty so wie immer mit den ökonomischen Theorien und Modellen: Die Realität ist um mehrere Level kompexer und reicher an verwirrenden Phänomenen, als sich das in einfachen Formeln einfangen lässt.

Stephan Goldammer (@StephGoldammer) Mai 16, 2014 um 13:03

Warum verbindet man nicht einen einheitlichen prozentualen Steuersatz (für alle) mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen (für alle). Meines Erachtens hätte man damit die allermeisten Probleme auf einen Schlag gelöst.

Charalampos Gotsis Mai 16, 2014 um 10:16

Nachdem die Finanzgeier das Weltkapital gesammelt haben, investieren sie jetzt in Sacheinlagen ( Beteiligungen in Firmen, Grundstuecke, Gebauede etc). Die Politiker schauen an ohne Widerstand!

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