Die aktuellen Modelle des Finanzbetrugs – Teil 3

by Karl-Heinz Thielmann on 18. November 2014

„Es gibt drei Wege, in diesem Geschäft Geld zu verdienen: Sei der Erste, sei schlauer, oder betrüge.“(“There are three ways to make a living in this business: be first, be smarter, or cheat.”)

Aus dem Film “Margin Call” (2011)

Dies ist die Fortsetzung der Beiträge vom 11. und vom 13. November.

Moderner Finanzbetrug ist viel zu einfach

Die Gefahr des modernen Finanzbetruges sollte man nicht verdrängen. Er ist zwar nicht die Regel an den heutigen Kapitalmärkten, kommt aber häufiger vor, als man gemeinhin denkt. Denn moderne Betrüger haben es viel zu einfach. Dies liegt einerseits an der Arglosigkeit vieler Anleger. Denn heimtückischerweise kommt der Betrug als eigentlich legitime Methode besser getarnt daher denn je:

  • Die Grundidee bei „Fair-Value“-Accounting ist völlig nachvollziehbar: das vorher übliche Verstecken von Vermögenswerten soll verhindert und ein unverfälschtes Bild der Finanzkraft eines Unternehmens gezeichnet. Wenn allerdings die Wahl der Bewertungsmethode für potenzielle oder tatsächliche Vermögenswerte mehr oder minder willkürlich erfolgen kann, ist dies geradezu eine Einladung zum Finanzbetrug.
  • Backtests sind unabdingbar, um Zusammenhänge an Finanzmärkten zu untersuchen. Allerdings müssen sie wissenschaftlich sauber und unvoreingenommen durchgeführt werden. Wenn Modelle und Daten an erwünschte Ergebnisse angepasst werden, um bestimmte Finanzprodukte besser verkaufen zu können, ist dies das Gegenteil von wissenschaftlichem Vorgehen, es ist klarer Betrug.
  • William F. Sharpe ist ein renommierter Wissenschaftler, dessen Kennzahl durchaus Sinn macht. Wenn sie aber unter grober Missachtung der von Sharpe definierten Voraussetzungen berechnet, publiziert und angewendet wird, so ist dies entweder Dilettantismus oder Betrug.

Andererseits hängt das leichte Spiel für moderne Finanzbetrüger auch damit zusammen, dass sie eine relativ hohe Erfolgschance haben. Wenn sie erwischt werden, sind kaum Sanktionen zu befürchten; es sei den, sie verbinden ihren Betrug – wie Madoff – noch mit Unterschlagungen oder andern Delikten. Dies hängt nicht zuletzt daran, das ein echtes Problembewusstsein gegenüber den modernen Formen des Finanzbetrugs nach wie vor fehlt.

Eine böswillige Manipulation einer Bilanz ist oft nur schwer nachzuweisen. Betrüger rechtfertigen sich, dass sie völlig legale Bewertungsspielräume lediglich einseitig auslegen. Bilanzfälschung wird speziell in Europa noch wie ein Kavaliersdelikt behandelt, in Asien wird sie teilweise als legitim angesehen. Zudem wird sie oft nicht einmal bemerkt bzw. die Analysten trauen sich nicht, darüber zu schreiben. Nur gelegentlich rutschen Leute wie Dave Lewis oder Michael Woodford auf Vorstandposten, die sich von den Grundsätzen des ehrbaren Kaufmanns noch nicht verabschiedet haben. Sie decken interne Skandale auf, dennoch dürfen sie Ausnahmeerscheinungen bleiben. Leerverkäufer wie Jim Chanos sind außerhalb der USA bisher nur selten aktiv gewesen. Dabei kann es sich gerade in Europa lohnen: Im Juli 2014 enthüllten Analysten von Gotham, dass beim spanischen Börsenstar Gowex die Zahlen gefälscht waren, was direkt zum Zusammenbruch dieser Schwindelfirma führte.

Die Verfasser pseudowissenschaftlicher Analysen werden sich immer mit „das konnten wir zum Zeitpunkt unserer Untersuchung noch nicht wissen“ herausreden, solange sie nicht alle Backtestergebisse bei verschiedenen Annahmen transparent machen. Nur äußert selten gelingt es, vor Gericht eine bewusste Manipulation von Modellannahmen nachzuweisen; wie z. B. 2012 in Australien, als die Rating-Agentur Standard & Poors gemeinsam mit der Bank ABN-Amro wegen bewusster Verfälschung ihrer Risikomodelle bei der Bewertung von Anleihen zu Schadensersatz verurteilt wurden.

Finanzaufsichtsbehörden und Verbraucherschützer sind keine Hilfe im Kampf gegen den modernen Finanzbetrug, ganz im Gegenteil. Einerseits sind beide Gruppen noch stark auf herkömmliche Vorgehensweisen der Schwindler fixiert. Neuere Formen des Finanzbetruges werden noch nicht wahrgenommen oder teilweise schlicht und einfach nicht verstanden. Manchmal sind die Behörden auch erschreckend langsam. So die bedurfte es z. B. bei Mittelstandsanleihen erst 14 Insolvenzen, bis die Aufsicht BaFin zumindest einmal Informationen bei den beteiligten Banken einholte.

Zum anderen kann gerade der heute üblichen Form von Finanzmarktregulierung vorgeworfen werden, dass sie Finanzbetrug in seiner modernen Form sogar begünstigt. Professor Jonathan R. Macey von der Yale Law School hat in seinem 2013 erschienenen Buch „The Death of Corporate Reputation: How Integrity has Been Destroyed on Wall Street“ die Anreize beschrieben, warum speziell Finanzaufseher in den USA praktisch nichts zur Verhinderung von modernem Finanzbetrug machen.

Zum einen ist das Vorgehen gegen klassische Delikte wie z. B. Insider Trading einfacher und gilt als karrierefördernder. Zum anderen ist auffällig, dass gerade bei der US-Aufsicht SEC viele führende Mitarbeiter gerne nach ein paar Jahren in hoch bezahlte Positionen bei Investmentbanken oder Rating-Agenturen wechseln. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Aber selbst, wenn ernsthaft gegen Banken vorgegangen wird, so geht es fast immer nur darum, möglichst hohe Strafzahlungen gegen die angezeigten Institutionen herauszuhandeln, wobei dann als Gegenleistung auf ein Schuldeingeständnis oder weitere Strafverfolgung verzichtet wird. Dies macht Betrug für Banker persönlich relativ risikoarm: Wenn sie erwischt werden, wird die Rechnung durch die Firma und damit indirekt durch die Aktionäre bezahlt. Gefängnis oder auch nur Bewährungsstrafen muss keiner befürchten; schlimmstenfalls muss man den Job wechseln. Und auch für US-amerikanische Finanzaufseher ist klar: Sie profitieren am meisten, wenn sie Betrug nicht verhindern, sondern erst im Nachhinein aufdecken. Nur dann können sie richtig abkassieren.

Wie kann man sich vor modernem Finanzbetrug schützen?

Man sollte sich immer bewusst sein: Wenn Warren Buffett hereinzulegen ist, dann sind auch Sie und ich hereinzulegen. Letztlich muss man sich damit abfinden, dass man sich vor cleveren Finanzbetrügern nie vollkommen schützen kann, auch wenn aggressive Bilanzierungsmethoden, unverständliche Modelle oder irreführende Kennzahlen ein Warnsignal sein können. Die erste Maßnahme gegen Finanzbetrug sollte daher eine ganz banale sein: Risiken breit zu streuen.

Eine weitere Maßnahme sollte sein, bei Behauptungen über angebliche Sicherheit nicht auf Zahlen oder Modelle zu vertrauen. Dies gilt insbesondere, wenn sie nur schwer nachzuvollziehen sind oder ohne eine aussagekräftige Vergleichszahl präsentiert werden. Professionelle Investoren fühlen sich Privatanlegern meist überlegen, denen Finanzprodukte aufgeschwatzt werden, die hohe Rendite und Sicherheit verbinden sollen. Sie fallen aber im Prinzip auf das gleiche Muster herein, wenn sie sich ein Anlagekonzept andrehen lassen, das eine „konsistente Outperformance in verschiedenen Marktphasen“ verspricht und der Investmentprozess auf undurchschaubaren Backtestergebnissen beruht. Wenn sich die Logik von Anlagestrategien nur mit undurchsichtiger Mathematik zu vermitteln scheint, liegt dies vermutlich daran, dass diese im Grunde selbst unlogisch sind.

Der Risikoforscher Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin propagiert im Umgang mit den Unsicherheiten im täglichen Leben (zu denen auch Betrug gehört), dass man sich lieber auf einfache Faustregeln als auf komplizierte Modelle verlassen soll. Die damit gewonnenen Aussagen werden zwar von einer optimalen Lösung abweichen. Da unter realistischen Alltagsbedingungen optimale Lösungen sowieso nicht zu erreichen sind, kann sich ihnen man mit Hilfe von Faustregeln zumindest annähern und vor allem folgenschwere Fehler vermeiden.

Im Investmentbereich hat sich Warren Buffett als Meister der Faustregeln erweisen. Mit relativ einfachen Tipps – wie „investiere in nichts, was du nicht verstehst“ – hat er viel effektivere Anlageratschläge zur Hand, als sie je aus einem finanzmathematischen Modell abgeleitet werden können. Und auch wenn Buffett bei Tesco hereingelegt wurde, so ist er doch sehr viel seltener auf Schwindel hereingefallen als die meisten anderen Investoren. Immerhin dies ist heutzutage ein großer Erfolg.

 

Dieser Artikel erschien in leicht abgewandelter Form ebenfalls in Mit ruhiger Hand“ Nummer 31 vom 3. November 2014.

Previous post:

Next post: