Die Zukunft hat schon längst begonnen

by Karl-Heinz Thielmann on 19. Juni 2015

In Kalifornien sind seit einigen Jahren Fahrzeuge mit seltsamen Aufbauten auf den Straßen zu sehen. Menschen fahren mit, aber keiner hält das Steuer fest. Die Wagen bewegen sich wie von Geisterhand gesteuert selbst.  Inzwischen gibt es auch immer mehr selbstfahrende Autos ganz ohne von Menschen zu bedienende Lenkung. Denn es erwies sich als relativ überflüssig, dass die ersten Modelle noch mit Lenkrädern aussgestattet waren und immer jemand auf dem Fahrersitz sitzen musste, um im Notfall eingreifen zu können. Die automatische Steuerung bekam nur dann Probleme, wenn a) Unwetter für Extremwetterlagen sorgten; oder b) andere – menschliche – Verkehrsteilnehmer einen Unfall verursachten.

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Ca. 1,24 Mio. Menschen sterben nach Schätzungen der WHO jährlich weltweit im Strassenverkehr; fast alle aufgrund von menschlichem Versagen. Betrunkene, übermüdete oder sonstwie fahrlässige Verkehrsteilnehmer verursachen durch ihre Fehler nicht nur zu viele Tote, sondern auch unzählige Verletzte. Dies ließe sich weitgehend vermeiden, wenn auf defensive Fahrweise programmierte autonome Autos über unsere Strassen fahren würden.

Die auf technisch anspruchsvolle Werbefilme spezialisierte Hamburger Medienfirma „The Marmalade“ hat eine besondere Attraktion: Sie kann in ihre Produktionen Bewegungssequenzen integrieren, die in Zeitlupe z. B. fallende Gläser und den aus ihnen herausschwappenden Wein nachverfolgen können. Dies ermöglicht faszinierende Aufnahmen von einer bisher nicht gekannten Genauigkeit, die gleichzeitig in der Lage sind, die Dynamik der Situation einzufangen.

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Möglich macht dies die Kombination von einem traditionellen Industrieroboter aus der Automobilproduktion; einer umgebauten High Speed Kamera sowie selbst geschriebener Steuerungssoftware. Damit steht der Kamera-Roboter stellvertretend für eine neue Generation von Automaten, die ihre Anwendungsmöglichkeiten außerhalb von Fabrikhallen sucht: Sie basiert auf der Technologie der bisherigen Anbieter von Industrieautomation. Durch ihre erleichterte Programmierbarkeit sowie die Kombinationsmöglichkeit mit anderen technischen Geräten – wie z. B. Kameras – wird der Einsatz in völlig neuen Einsatzgebieten ermöglicht.

Irgendwo auf der Welt, es ist unwegsamens Gelände. Eine Gruppe von Soldaten geht gegen den Feind vor. Begleitet werden sie von Maschinen, die ihre Ausrüstung tragen, Robotern, die vorweglaufen und Minen suchen, sowie die vielleicht eines Tages sogar das Kämpfen übernehmen. Aufgeklärt wurde das Kampfgebiet vorher von Drohnen. So ungefähr stellen sich Planer beim Militär die Zukunft des Krieges vor.

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Ein Kampfeinsatz bei minimalem Einsatz für Menschenleben bei den eigenen Truppen. Unterstützt durch Roboterkämpfer, die keine Angst kennen. Werden Kriege zu einfach und steigt deswegen wieder das Risiko von bewaffneten Auseinandersetzungen? Viele Friedensaktivisten befürchten dies.

In London lernt die die künstliche Intelligenz DeepMind selbstständig Computerspiele zu spielen. Dabei gelingt es ihr nicht nur, menschliche Spieler aufgrund höherer Schnelligkeit bei der Rechenleistung zu übertreffen. DeepMind entwickelt sogar selbstständig Spielstrategien, die es ermöglichen,möglichst viele Punkte zu erzielen.

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Traditionelle Computer können zwar schneller und genauer als ein Mensch kalkulieren, aber keine Probleme lösen, die nicht für sie in einer spezifischen Form vorstrukturiert sind. Damit sind sie zwar in der Lage, hervorragend in vorgegebener Weise Daten verarbeiten. Sie können aber nicht wirklich denken; geschweige den Lösungen für neuartige Probleme finden. Sie sind ebenfalls nur sehr eingeschränkt dazu in der Lage, mit ihrer Umwelt kommunizieren. Der Nutzer muss sich einer an Computererfordernissen angepassten Eingabeweise bedienen; wie z. B. die Eingabe von Daten über eine Tastatur oder deren Übermittlung durch spezielle Schnittstellen.

In den vergangenen Jahren hat es dramatische Fortschritte bei den Bemühungen gegeben, diesen „Autismus“ von Computern zu überwinden und Fähigkeiten zur Problemlösung und zur Kommunikation zu entwickeln. DeepMind steht repräsentativ für eine neue Generation von Programmen, die vier Fähigkeiten hat, die vorher von Rechnern nicht darstellbar waren:

• komplexe Situationen zu erfassen und zu analysieren;
• Werturteile zu fällen und auf deren Basis Entscheidungen zu treffen;
• für neuartige Probleme kreative Lösungen zu finden;
• selbstständig mit ihrer Umwelt zu kommunizieren.

In Deutschland findete die Diskussion über neue Technologien derzeit vor allem unter den Schlagworten „Big Data“ sowie „Industrie 4.0“ statt. Die Big Data-Diskussion befasst sich mit den Auswirkungen massenweiser Datenerfassung, hierzu sind ja auch in diesem Blog vor einigen Tagen zwei Beiträge von Yvonne Hoffstetter sowie Evgeny Morozov erschienen. Industrie 4.0 ist ein Schlagwort, das im Zusammenhang mit dem verstärkten Einsatz von  vernetzten Robotern derzeit durch die Medien geistert. Hiermit wird ein Prozess beschrieben, der die Informatisierung der Fertigungstechnik vorantreiben soll. Das Ziel ist die „intelligente Fabrik“ (Smart Factory).

Beide Themen sind sehr wichtig, stellen aber nur Teilaspekte einer viel größerern  Welle von Veränderungen dar, die im Wesentlichen auf drei Entwicklungen basieren:

  • verbesserte mobile Datenübertragung ermöglicht den drahtlosen Austausch auch großer Datenmengen.
  • künstliche Intelligenz ermöglich es Rechnern, selbständig zu denken und zu kommunizieren
  • bisher weitgehend auf industrielle Anwendungen beschränkte Roboter werden alltagstauglich, d. h. sie kommen aus den Fabrikhallen heraus und übernehmen immer mehr Aufgaben.

Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee haben in ihrem 2014 erschienen Buch „The Second Machine Age“ die These entwickelt, dass wir kurz vor einer strukturellen Umwälzung stehen, die mit der Einführung der  grossen Basis- und Universaltechnologien wie die Dampfmaschine, des Verbrennungsmotors oder der Elektrizität vergleichbar ist. Da meiner Ansicht nach sehr viel für diese Ansicht spricht, werde ich in den kommenden Wochen mit meinen Beiträgen eine Bestandsaufnahme dieser neuen Entwicklungen versuchen; sowie über die Konsequenzen schreiben, soweit sie heute schon absehbar sind.

Die Beitragsreihe startet am nächsten Dienstag mit einem Artikel über mobiles Internet.

 

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