Game of Thrones in der Eurozone: Warten auf die eiserne Drachme?

by Dirk Elsner on 29. Juni 2015

Westeros ist ein großer Kontinent im äußersten Westen der bekannten Welt. Er wird durch die Meerenge vom im Osten liegenden Kontinent Essos getrennt. Beinahe der gesamte Kontinent, abgesehen von den Ländereien jenseits der Mauer, gehören in ihrer Gesamtheit zu den Sieben Königslanden, über die der König auf dem Eisernen Thron in Königsmund herrscht.” (Quelle: gameofthrones.wikia)

An Westeros und die Spiele um den Thron der "Sieben Königslande" fühlte ich mich erinnert als ich am Samstagnachmittag durch die Wirtschaftsgazetten browste und am Abend das Finale der 5. Staffel von “Game of Thrones” schaute. Das war ja am Samstag dann doch ein echter Knaller. Nein, ich meine nicht den überraschenden Tod von “Spoiler Spoiler” ganz am Ende der Folge “Die Gnade der Mutter”.  Weil ich den ganzen Tag über mit eher privaten Themen beschäftigt war, hatte ich erst am Nachmittag die unten stehende Schlagzeile gesehen.

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Screenshot Handelsblatt vom 27.06.15

Wir waren ja aus den vergangenen Monaten und Jahren viele Drehungen und Wendungen aus Athen, Brüssel, Frankfurt und der Hauptstädten der Eurozone gewohnt. In dieser Woche rieben sich die unzähligen an den Gläubigerverhandlungen mit Griechenland Beteiligten in einem unübersichtlichen Stellungsgefecht gegenseitig auf. Da drängt sich der Kampf der sieben Königsreiche um den eisernen Thron in Königsmund fast auf.  Dieser Kampf in der TV-Serie Game of Thrones zeichnet sich vor allem durch nutzlose Kämpfe aus, bei denen vor allem die Zivilbevölkerung leidet.

Die Grenzen zwischen Bösen und Guten verschwimmen bei den Figuren wie bei den Verhandlungen um die griechischen Schulden. Die jeweiligen Lords der "Sieben Königslande" und ihrer Strippenzieher versuchen durch Geschick, Kniffe, brutale Drohungen und blutrünstiges Verhalten sich Vorteile zu verschaffen. Die Sympathien der Zuschauer schwanken mit den Hauptfiguren, die oft überraschende Metamorphosen durchmachen.  So erinnert mich der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis an Stannis Baratheon. Baratheon stellt sich zunächst gegen seinen als finster und brutal etikettierten Neffen Joffrey und wird als Held aufgebaut. Im weiteren Verlauf der Serie lässt sich Stannis von einer Priesterin an den Herrn des Lichts beraten und wandelt sich unter ihrem Einfluss zu einem brutalen Finsterling, der nicht einmal Gnade für das eigene Blut kennt. Varoufakis hat sich anfangs ebenfalls gut verkauft und viele Punkte auch außerhalb Griechenlands gesammelt. Mit Finten und Tricks sowie einer “Dialektik vom Feinsten” (Süddeutsche) hat er mittlerweile zu viel Glaubwürdigkeit und Sympathien verspielt.

Vor Ablauf einer wieder einmal letzten Frist für Griechenland scheint nun ein neues Kapital aufgeschlagen zu werden. Das Staffelfinale endet mit einem Paukenschlag:

“Das Angebot der internationalen Geldgeber lehne seine Regierung ab, bekräftigte Varoufakis, wie das Handelsblatt aus Teilnehmerkreisen erfuhr. Man stört sich an den damit verbundenen Auflagen. Deshalb, so soll Varoufakis weiter ausgeführt haben, planten er und Premier Alexis Tsipras ein Referendum. Das griechische Volk solle die Regierung anweisen, das Reformpaket zu akzeptieren.” (Quelle: Handelsblatt).

Das mit dieser Aussage verbundene Rauschen ist atemraubend. Es macht heute wenig Sinn sich mit der jeweiligen Rhetorik und den jeweiligen Begründungen auseinanderzusetzen. Jeder wird sicher irgendwo einen die eigene Position bekräftigenden Kommentar finden.

Regierungschef Alexis Tsipras beherrscht die Schuldzuweisung-Rhetorik, die uns wenn schon nicht nach Westeros so doch in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts zurückversetzt. Kostprobe aus dem Liveticker des Handelsblatts von gestern:

“Er machte die europäischen Partner für die Entscheidung verantwortlich, dass Griechenland Banken am Montag geschlossen bleiben. Tsipras sprach von „Erpressung“ und „flagranter Verletzung der europäischen Prinzipien“. Die Partner Griechenlands versuchten „mit allen Mitteln“ die für den kommenden Sonntag geplante Volksabstimmung zu verhindern. Das griechische Volk solle daran gehindert werden, frei seine Meinung zu äußern. „Aber sie werden damit keinen Erfolg haben“, sagte Tsipras.”

Tsipras ändert einseitig die Spielregeln und gibt dann den Mitspielern die Schuld, wenn sie nicht mehr mitspielen wollen. So einen Winkelzug hätte sich auch Tyrion Lennister einfallen lassen können.

Die Drehbuchschreiber für die verschiedenen Schauplätze in “Game of Thrones” hätten den Showdown in Brüssel nicht spannender inszenieren können. Ich finde diesen Vorgang unglaublich aber passend zum Verhalten der griechischen Regierung, die offenbar in der letzten Wochen nicht mit offenen Karten gespielt hat. Ich habe grundsätzlich kein Problem mit einem Referendum. Nur, man kann nicht ständig die Rahmenbedingungen von Verhandlung einseitig ändern. So mag man im Mittelalter von Westeros miteinander umgegangen sein, nicht aber in der Neuzeit in Europa.

 

Was passiert in der nächsten Staffel?

Während die Fans von “Game of Thrones” (GoT) nun fast ein Jahr auf die sechste Staffel warten müssen, geht das europäische Drama bereits heute weiter. “Der Tanz der Drachen” hieß die vorletzte Folge von GoT. Folgt nun in Europa der “Tanz der Drachme”?  Wird die “Eiserne Bank von Braavos” – sorry ich meine natürlich die EZB – dem Stecker nun für die Hilfskredite für griechische Banken ziehen? Oder lässt sich die EU doch noch auf das vom griechischen Parlament beschlossenen Referendum ein?

Es ist müßig über die vielen Optionen und deren Konsequenzen zu spekulieren. Ich meide daher die verschiedenen Vorhersagen, wie es in Europa weiter gehen könnte.  Bereits seit vielen Wochen wissen “Experten” angeblich, welche Konsequenzen die Einstellung der Griechenlandhilfen hat. Ich lese solche Analysen bestenfalls als Anekdoten.  Gerade die abgelaufene Woche hat gezeigt, wie unberechenbar der gesamte Prozess ist.  Die Vermutungen über den Ausgang sind so spekulativ, wie die Diskussionen der GoT-Fans , wer den eisernen Thron in Königsmund besteigen wird.  Man kann aber heute schon fast sicher sein, dass irgendjemand richtig liegen wird, denn es wurde im Prinzip alles vorhergesagt. Von die Pleite Griechenlands sei der “Lehman-Moment für Europa” über ein “Grexit würde auch Europa gefährden”  bis hin es bestünde kein Grund zur Panik, lesen wir jede Menge Mutmaßungen über die künftige Entwicklung.

Ich habe natürlich längst nicht alle Meldungen gelesen. Mir wäre aber sicher aufgefallen, wenn ein “Experte” gesagt hätte: "Sorry, ich habe keine Ahnung was nun passiert."  Das ist aber nicht das was gewöhnlich von einem Ökonomen und/oder politischen Analysten erwartet wird. Die Öffentlichkeit ist es gewohnt von Experten  einfache Antworten zu hören und Erklärungen, für das, was jetzt passiert.

Eines ist aber die mutmaßlich Staatspleite ganz sicher nicht: Ein Schwarzer Schwan, wie das Handelsblatt gestern schrieb. Ein Pleite Griechenlands und sein Ausscheiden aus der Eurozone gehören seit Jahren zu den Szenarien der Finanzmärkte. Dennoch haben die Finanzmärkte in der vergangenen Woche eher auf Einigung gesetzt und ihre Unsicherheit abgelegt. Das wird sich nun ändern. Wir müssen wohl mit unruhigen Börsenzeiten rechnen.

Wie es in Westeros weitergeht weiß übrigens nur George R.R. Martin, der Autor der als Basis der TV-Serie dienenden Buchserie “"A Song of Ice and Fire". Aber selbst er schreibt noch an dem nächsten Roman und lässt sich auch von Zufällen beeinflussen. So gestand er vergangene Woche in Hamburg,

"Erst gestern Abend hatte ich eine Offenbarung. Es gibt da diese Figur, von der ich immer wusste, dass sie sterben wird, vom Moment ihrer Einführung an war sie dem Tod geweiht. Aber ich wusste nicht, wie sie sterben würde. Seit gestern Abend weiß ich es. Vielleicht lag es an Hamburg, keine Ahnung.” (zitiert nach Spiegel Online)

In Griechenland selbst ist den Menschen sicher erst einmal mulmig. Glaubt man den Medienberichten, dann stehen sie Schlange vor den Geldautomaten und stimmen hier bereits ab. Bekannt ist außerdem, dass die Banken Kapitalverkehrskontrollen einführen und für mindestens sechs Tage geschlossen bleiben sollen.

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