Griechenlandkrise dürfte nicht auf den Rest der Eurozone überspringen

by Karl-Heinz Goedeckemeyer on 3. Juli 2015

Über die Staatsschuldenkrise in Griechenland ist in den letzten Monaten vieles geschrieben wurden, nicht immer lagen die Kommentatoren dabei mit ihren Einschätzungen richtig. Wie auch immer diese Krise ausgehen wird, eines scheint sicher, diese Tragödie wird in die Geschichtsbücher eingehen.

Mit dem Abbruch der Verhandlungen mit der Euro-Gruppe hat die Krise in der vergangenen Woche eine unerwartete wie dramatische Wende genommen. Nunmehr soll am 5. Juli per Volksentscheid über den Vorschlag von EU, EZB und IWF (die „Institutionen“ bzw. „Gläubiger“) entschieden werden. Erwartungsgemäß hat die griechische Regierung die fällige Zahlung an den Internationalen Währungsfonds (IWF) versäumt. Dieser wird jetzt ein Mahnverfahren einleiten, dass mehrere Monate andauern kann. Wenngleich es nach Lesart des IWF bis zum Ende dieses Verfahrens nicht um einen Zahlungsausfall handelt, gilt Griechenland in Finanzkreisen als zahlungsunfähig. Aufgrund der Einführung von Kapitalverkehrskontrollen hat die Ratingagentur Fitch am 29. Juni den vier griechischen Banken den Ratingstatus ‚RD‘ (= Restricted efault = teilweiser Zahlungsausfall) erteilt. Zu den vier Instituten zählen National Bank of Greece S.A. (NBG), Piraeus Bank, S.A. (Piraeus), Eurobank Ergasias S.A. (Eurobank) und die Alpha Bank AE’s (Alpha). Einen Tag später hat Standard & Poor´s die Bonitätsnote für Griechenland auf „CCC-„ mit negativen Ausblick gesenkt. „Eigentlich die unterste Sprosse der Leiter“, wie Dr. Moritz Kraemer, Chief Rating Officer Souvereign Ratings bei S&P auf einem Seminar in Frankfurt betont.

Kapitalverkehrskontrollen notwendig

Selbst wenn das Referendum mit einem „Ja“ endet geht Kraemer davon aus, dass die Griechen versuchen werden, ihr Geld von den Konten zu holen, deshalb müssen die Banken weiter geschlossen bleiben und die Kapitalverkehrskontrollen aufrechterhalten werden. Wenn die griechische Bevölkerung für die Reformvorschläge stimmt, dürfte die Hängepartie um Griechenland weitergehen. Es ist kaum vorstellbar, dass die Regierung Tsipras im Amt bleiben könnte, nachdem sie das Land mit ihrer Verhandlungsstrategie ins Chaos gestürzt hat. Welche politische Konstellation aus Neuwahlen hervorgeht, ist allerdings kaum abschätzbar. EZB und Eurogruppe könnten indes Wege finden, trotz der de facto eingetretenen Zahlungsunfähigkeit Griechenlands die Banken weiter mit Notfallkrediten zu versorgen und die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Bei einem „Nein“ dürften sich die Fronten weiter verschärfen und einen Grexit wahrscheinlich machen. Als Folge des Liquiditätsengpasses dürfte die Regierung Schuldverschreibungen ausgeben und diese in eine neue Währung abgleiten lassen, ist sich Kraemer sicher. Mit denen könnte die Bevölkerung z. B. Lebensmittel kaufen. In seinen Ausführungen hat der S&P-Manager auch auf die nächsten Zahlungstermine Griechenlands hingewiesen, die zu einem förmlichen Zahlungsausfall des Landes führen könnten. Allein im Juli werden laut Kraemer am 10. und 17. Juli T-Bills über 2 Milliarden und 1 Milliarden Euro fällig. Außerdem werde am 14. Juli eine Yen-Anleihe über 83 Millionen Euro fällig. Zudem müssten am 17. Juli 71 Millionen Euro Zinsen auf eine nach britischem Recht begebene dreijährige Anleihe gezahlt werden. Nicht erfasst sind von S&P hingegen die Zahlungen an die EZB, die im Juli und August im Umfang von über sieben Milliarden Euro fällig werden.

Südeuropäische Banken anfällig

Vor dem Hintergrund der Turbulenzen dürfte Griechenland im laufenden Jahr wieder in die Rezession rutschen. S&P rechnet mit einem BIP-Einbruch auf minus 3%-4%. Gleichwohl dürften die Ansteckungseffekte in der Eurozone beherrschbar sein, da die Krise in Griechenland weitaus tiefer ausgeprägt ist als in den anderen Peripherieländern. Hinzu kommt, dass in der die Eurozone mit dem ESM (der noch ziemlich vollgefüllt ist) und der EZB ausreichend Brandmauern vorhanden seien. Festzustellen ist, dass die Banken in den letzten Jahren ihr Exposure gegenüber Griechenland weltweit massiv reduziert haben. Summierte sich das Gesamtexposure von Banken gegenüber Griechenland Mitte 2008 nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) noch auf knapp über 300 Mrd. USD, lag es Ende 2014 bei knapp 47 Milliarden USD. Von diesem wiederum entfällt der Großteil auf deutsche, britische und US-amerikanische Banken. Dabei zeigt sich, dass die meisten Banken selbst im Extremfall des Totalausfalls ihrer Forderungen keine großen Rückgänge bei der CET1 Quote befürchten müssen.

Dennoch ist nicht auszuschließen, dass vor allem die südeuropäischen Banken im Falle eines Auseinanderbrechens des Euros erneut in Turbulenzen geraten könnten. Einige Kreditinstitute könnten unter den Kursschwankungen bei Staatsanleihen in ihrem Portfolio leiden. So halten italienische Banken im April Staatsanleihen ihres Landes im Volumen von ca. 450 Milliarden Euro, wie aus einer Studie von S&P hervorgeht. Auch die spanischen Institute halten Staatsanleihen ihres Landes im Volumen von rund 300 Milliarden Euro, portugiesische Banken kommen auf knapp 400 Milliarden Euro.

In Verhältnis zum Eigenkapital belaufen sich die Anleihebestände italienischer und spanischer Banken auf über 100% (2007: ca. 70%) bzw. rund 90% (2007: 45%). Wenngleich sich die Kreditbedingungen in diesen Ländern in den zurückliegenden zwei Jahren verbessert haben, sind die Kredite, die italienische und spanische Mittelständler aufnehmen, im Vergleich zu deutschen Unternehmen um 100-200 bp teurer. Im Vergleich zu den Peripherieländern sind die westeuropäischen Bankensysteme als stabil einzuschätzen. Allerdings verzeichnen einzelne Länder wegen der in Verbindung mit den gestiegenen Hauspreisen verstärkten Kreditnachfrage negative ökonomische Trends wie Belgien, Norwegen und Deutschland, sagt Salla von Steinäcker von S&P. Trotzdem wiesen deutsche Banken derzeit noch das geringste Risikoprofil (1) unter den europäischen Instituten auf. Industriebezogen weise der schweizerische Bankensektor (2) das niedrigste und der griechische Bankensektor (10) das höchste Risiko auf.

Falls die Krise um Griechenland beherrschbar ist und die Krise nicht auf andere Länder übergreift, rechnet S&P für das laufende Jahr mit einem BIP-Wachstum in der Eurozone von etwa 1,5%. Angesichts des um 17% (yoy) ermäßigten Euros, der um 62% gesunkenen Ölpreise und der deutlich gefallenen Bondrenditen sind die Wachstumsraten enttäuschend, betont der Chief Rating Officer Souvereign Ratings von S&P. Kraemer führt das niedrige Wachstum vorrangig auf die geringe Investitionsquote, der ungünstigen demografischen Entwicklung und der hohen Arbeitslosenquoten in der Eurozone im Vergleich zu anderen Regionen zurück. So ist die Wirtschaftsleistung Italiens rund sieben Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise noch immer 8% unter dem Vorkrisen-Niveau. Im Tiefpunkt 2013 ist auch die spanische Wirtschaftsleistung um 7% eingebrochen. Seit 2014 ist das BIP wieder spürbar angezogen. Im ungünstigsten Fall dürften die BIP-Prognosen im laufenden Jahr spürbar zurückgenommen werden, was sich wiederum negativ auf die Bankensysteme auswirken könnte.

Previous post:

Next post: