Die Herausforderungen für das analoge Deutschland: Digitalisierung und Antifragilität

by Dirk Elsner on 5. Oktober 2015

Vorvergangene Woche benannte ein durch die Finanz- und Eurokrise bekannter Staatssekretär, der namentlich nicht genannt werden wollte, auf einer Konferenz die zwei größten Herausforderungen für die deutsche Wirtschaft: “Demographie und Digitalisierung”. Er sagte sinngemäß: "Während wir über die Demographie sehr viel wissen, wissen wir über die Digitalisierung fast nichts."

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In fragile Großprojekte steckt Deutschland viel Geld: Elbphilarmonie

Glaubt man den Berichten über den Global Innovation Index 2015 dann ist laut Gründerszene ein “spezifisch deutsches Problem ist es, dass aus unserem Land viele Patente und Ideen stammen, diese aber nur selten in Produkte umgesetzt werden. Mit deutschen Ideen verdienen häufig Firmen aus dem Ausland viel Geld.” Es mangelt an risikobereiter Investitionskultur. Risikokapital ist in Deutschland offenbar besonders scheu.

Gründer für digitale Projekte bestätigen in Hintergrundgesprächen, dass es einfacher ist, Geld bei ausländischen Investoren einzusammeln als hierzulande. Wenn überhaupt einem Vertreter der digitalen Wirtschaft zugehört wird, dann oft mit einem herablassenden Lächeln nach dem Motto: "Spiel Du schön mit Deinen Apps, ich kümmere mich um das richtige Geld."

Nimmt Deutschland die Digitalisierung also nicht wirklich ernst? Claudia Obritzhauser schrieb in einem Beitrag für die Huffington Post:

“Geht es um den Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologien, liegt Deutschland weltweit gut positioniert auf einem starken fünften Platz. Bei der Nutzung eben jener Technologien belegt unser Land jedoch nur Rang 24.“

Investiert wird offenbar eher zögerlicher in neue Technologien, wenn sie außerhalb der klassischen deutschen Ingenieurskunst liegt. Aus dem Finanzbereich höre ich außerdem von Gründern, die über die schwerfällige Bürokratie klagen, die deutlich der digitalen Zeit hinterherhinkt. Aber nicht nur das wird beklagt.

Der Fall VW zeigt deutlich, wie fragil die analoge Wirtschaft ist. Die deutsche Wirtschaft lebt von ihren gefeierten “Superstars”. Diese sind aber sehr empfindlich gegen Störungen, wie wir gerade feststellen dürften. Was wird eine Reaktion darauf sein? Genau, strengere Vorschriften und noch mehr Kontrollen. Es soll verhindert werden, dass ein solcher “Schwarzer Schwan” erneut auftritt. Das erinnert an Nassim Nicholas Taleb.

Taleb arbeitet in seinem Buch “Antifragilität” unser ständiges Bemühen heraus, dass wir versuchen, uns gegen negative Schwarze Schwäne zu schützen. Meistens gelingt uns das nicht. Sein Buch “Antifragilität” ist ein Plädoyer dafür, unsere Gesellschaft und Unternehmen “antifragil” zu gestalten. Er schreibt in seinem Buch (Position 571 ff.):

Das Antifragile steht Zufälligkeit und Ungewissheit positiv gegenüber, und das beinhaltet auch – was entscheidend ist – die Vorliebe für eine bestimmte Art von Irrtümern. Antifragilität hat die einzigartige Eigenschaft, uns in die Lage zu versetzen, mit dem Unbekannten umzugehen, etwas anzupacken – und zwar erfolgreich –, ohne es zu verstehen. Um es noch schärfer zu formulieren: Wir sind im Großen und Ganzen besser, wenn wir handeln, als wenn wir denken, und das verdanken wir der Antifragilität. Ich bin auf jeden Fall lieber dumm und antifragil als hyperintelligent und fragil.”

Weiter schreibt er etwas später (Position 587 ff.)

“Daraus ergibt sich eine Lösung für das, was ich als Problem des Schwarzen Schwans bezeichnet habe:   für die Unmöglichkeit, die Risiken zu kalkulieren, die sich aus seltenen Ereignissen ergeben,sowie die Unmöglichkeit, ihr Eintreten vorherzusagen. Mit der Anfälligkeit für die schädlichen Folgen von Unbeständigkeit, von Volatilität, kann man besser umgehen als mit der Voraussage des Ereignisses, das möglicherweise diese schädlichen Folgen herbeiführen kann.”

Seine Empfehlung lautet daher, unsere heute übliche Vorgehensweise im Bereich Vorhersagen und Risikomanagement auf den Kopf zu stellen:

”Für jeden Bereich schlage ich Regeln vor, mit denen man sich vom Fragilen weg- und auf das Antifragile zubewegen kann durch Reduktion von Fragilität und Nutzbarmachung von Antifragilität. Dabei lässt sich Antifragilität (und Fragilität) fast immer durch einen einfachen Asymmetrietest erfassen: Alles, was von zufälligen Ereignissen oder Erschütterungen mehr profitiert, als dass es darunter leidet, ist antifragil; das Umgekehrte ist fragil.”

Die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft ist mit Sicherheit nicht die alleinige Antwort auf die Fragilität der deutschen Wirtschaft. Aber die breite Förderung von Ideen und Investitionen in verschiedenste Projekte, das kann zumindest ein Weg sein.

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