Auf der Suche nach dem neuen El Dorado

by Karl-Heinz Thielmann on 12. Juli 2017

Als die spanischen Konquistadoren vor 500 Jahren Südamerika eroberten, waren viele von einer Vision angetrieben: Irgendwo in den Bergen sollte ein versteckter Ort liegen, an dem Gold im Überfluss vorhanden ist. Man musste ihn nur finden, und schon konnte man schnell und ohne größere Anstrengungen reich werden. Und tatsächlich schien eine solche Idee nicht unplausibel: Zum einen gab es alte Indianerlegenden, die auf die Existenz eines solchen Ortes hindeuteten. Zum anderen hatten die europäischen Eroberer schon bei den ersten Expansionsschritten in Südamerika überraschend viel Gold erbeutet, sodass die Vermutung nahe lag, dass dies erst der Anfang weiterer bedeutender Goldfunde war.

Für diesen geheimnisvollen Ort bürgerte sich die Bezeichnung „El Dorado“ ein. Allerdings wurde er nie gefunden, weil er nie existiert hat. Die Spanier beuteten zwar südamerikanisches Gold im großen Maßstab aus, mussten dabei aber feststellen, dass dies weder einfach noch unbegrenzt möglich war. Und eine alte Indianerlegende war alles andere als eine zuverlässige Informationsquelle. Dennoch faszinierte die Vision vom Gold, das quasi auf der Straße liegt und nur aufgehoben werden muss, um Reichtum zu bescheren, unzählige Generationen von Abenteurern. Sie zogen los, um El Dorado zu finden, und einige verloren neben ihrem Vermögen auch ihr Leben. Keiner wurde reich.

Inzwischen steht die Idee von El Dorado deshalb weniger für eine mysteriöse Goldquelle, sondern für die selbstzerstörerische Tendenz einiger Menschen, bei der Suche nach Reichtum leichtfertig irrsinnige Risiken einzugehen und sich dabei zu ruinieren. In der modernen Zeit haben sich die Finanzmärkte zu dem Ort entwickelt, an denen Menschen bevorzugt nach ihrem El Dorado suchen. Die Vorstellung eines einfachen Weges zu viel Geld verführt Anleger immer wieder dazu, ihre Liquidität in Projekte zu investieren, die genauso glaubwürdig und plausibel sind wie die alte Indianerlegende vom geheimnisvollen Goldort. Bei Spekulationsblasen wird die Suche nach El Dorado sogar zum Massenphänomen, das Hunderttausende von Menschen mitreißen – und ruinieren – kann.

Das neue El Dorado liegt im Cyberspace

In den vergangenen Monaten hat eine neue Legende das Denken vieler Anleger ergriffen, die derjenigen von El Dorado nicht unähnlich ist. Doch diesmal basiert das Spekulationsfieber nicht auf Indianergeschichten, sondern auf den Zukunfts-Visionen von Internet-Nerds.

2008 wurde unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto eine scheinbar geniale Idee veröffentlicht: Als Alternative zum konventionellen Geld sollte ein digitales Internetgeld entstehen – Bitcoin. Im Rahmen eines Bitcoin-Netzwerks, dessen Kern eine dezentrale Datenbank auf der Basis der Blockchain-Technologie ist, können Zahlungen durchgeführt werden. Das System unterliegt keinen geografischen Beschränkungen und kann daher länderübergreifend eingesetzt werden. Kryptografische Techniken beschränken die Schaffung von neuen Geldeinheiten und stellen sicher, dass Transaktionen mit Bitcoins nur vom jeweiligen Eigentümer vorgenommen werden können. Die hohen Sicherheitsstandards bewahren die Knappheit und garantieren damit den Geldwert. Bitcoin war damit die erste sog. Kryptowährung: Geld, dessen Wert nicht durch staatliche Institutionen oder die Unterlegung mit Edelmetallen gesichert werden soll, sondern durch Verschlüsselungs-Algorithmen.

2011 wurde der Handel mit Bitcoins aufgenommen, seit dem Tiefststand hat sich der Wert eines Bitcoins ca. vertausendfacht. Bitcoins werden inzwischen vielfach als Zahlungsmittel im Internet akzeptiert, in Japan seit 2016 sogar amtlich anerkannt. Somit sieht Bitcoin auf den ersten Blick wie ein sensationeller Erfolg aus. Dennoch ist sehr fraglich, ob er sich fortsetzt.

Zum einen ist die Einstellung von Regulierern zu Kryptowährungen außerhalb Japans bisher eher negativ, weshalb man Verbote oder Verwendungs-Einschränkungen nicht ausschließen kann. Insbesondere die Eignung zum Verschleiern illegaler Transaktionen ist Behörden ein Dorn im Auge. Zudem ist die Blockchain-Technologie noch keineswegs problemfrei. In den vergangenen Wochen gab es zeitweise Kapazitätsengpässe bei der Transaktionsabwicklung. Zudem ist der Energieverbrauch extrem hoch. Neue Bitcoins können nur sehr geschickte Bitcoin-Miner schaffen – Programmierer, die den Algorithmus beherrschen. Doch am wichtigsten ist: Bitcoin hat Konkurrenz bekommen.

Bitcoin ist nicht mehr alleine: Die Kryptowährungen nehmen inflationär zu

Gerade die größte Stärke von Bitcoin – die kontrollierbare Knappheit – ist die größte Schwäche in Hinblick auf die weitere Verbreitung. Für ein weithin akzeptiertes Zahlungsmittel fehlt Bitcoin schlicht und einfach das Volumen. In diese Bresche springen weitere Anbieter von Kryptowährungen, die ein ähnliches Konzept verfolgen, wie Etherum, Litecoin oder Ripple. Die Übersichtsplattform coinmarketcap.com verzeichnet inzwischen schon 810 Angebote. Die Gesamtmarktkapitalisierung aller Kryptowährungen beträgt derzeit (12.7. morgens) ca. 81 Mrd. US$; hiervon sind nur noch 47% Bitcoin.

Doch mit der Vielzahl der Anbieter steigt die Gefahr eines Überangebots an Kryptowährungen. Eine inflationäre Überschwemmung des Marktes mit anschließender Bereinigungsphase scheint derzeit unausweichlich. Wer dann am Schluss zu den Gewinnern zählen wird bzw. ob überhaupt einer der derzeitigen Anbieter überlebt, ist momentan jedoch noch völlig unklar.

Bitcoins und andere Kryptowährungen werden derzeit hauptsächlich unter spekulativen Aspekten gekauft, was die Kurse dramatisch in die Höhe getrieben hat. Dahinter steht die Hoffnung, dass sie als zukünftig breit akzeptiertes Geld noch weiter an Wert gewinnen, und man sich heute schon seinen Anteil hieran sichern sollte. Selbst wenn die Grundidee von auf Blockchain basierenden Kryptowährungen an sich überzeugend ist und möglicherweise sogar die Basis für das Geld von übermorgen bildet, so müssen für eine breite Praxistauglichkeit doch die eklatanten Schwächen der heutigen Versionen überwunden werden. Dies ist vielleicht mit Weiterentwicklungen von Bitcoin möglich, aber kaum mit Bitcoin selbst, das rein technisch betrachtet nach wie vor nichts anderes ist als der Praxistest eines Programmierexperiments. Moderne Autos haben mit der Benz-Benzinkutsche von 1885 ja bis auf das Grundprinzip auch nicht mehr viel gemeinsam.

Dieses Mal ist wieder mal nicht alles anders

This time is different“ – „Dieses Mal ist alles anders“ seien die „teuersten Worte für Investoren“ hat Sir John Templeton einmal geschrieben. Die anfängliche Erfolgsgeschichte von Bitcoin ist wieder mal nichts Neues, sie folgt einem Muster, das man seit der ersten großen Börsenblase, der Tulpenzwiebelhausse in Amsterdam Anfang des 17. Jahrhunderts, schon oft gesehen hat: Eine disruptive ökonomische Veränderung löst einen Nachfrageanstieg nach neuen Produkten aus, der zunächst vom Markt nicht gedeckt werden kann.

Die folgenden Preisanstiege verselbstständigen sich dann irgendwann aber selbst: Sie werden von enthusiastischen Finanzmarktteilnehmern nicht mehr als Ausdruck momentaner Knappheit angesehen, sondern als Beginn eines Haussetrends, der unendlich anhalten soll. Als Begründungen dienen dann jeweils Legenden von einer „neuen Zeit“, die alles ändert und bei der man als Erster dabei sein muss. Doch selbst wenn disruptive Veränderungen – wie z. B. die Erfindung und Verbreitung der Dampfmaschine – Wirtschaft und Gesellschaft tief greifend verändern, so heißt dies noch lange nicht, dass die Pioniere reich werden.

Die Blockchain ist das eigentlich innovative an Bitcoin – doch hierauf lässt sich schlecht spekulieren

Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson haben in ihrem neuen Buch „Machine Platform Crowd“ darauf hingewiesen, dass das eigentlich interessante an Bitcoin und anderen Kryptowährungen wahrscheinlich nicht ihre Verwendung als alternatives Geld ist, sondern 1) die dahinterstehende Blockchain-Technologie; sowie 2) ihre Funktion als Inspirationsquelle für weitere Innovationen.

Völlig unabhängig davon, ob Bitcoin oder andere Kryptowährungen wirklich als Geld geeignet sind, hat sich die Blockchain zu einem virtuellen Grundbuch des Internetzeitalters entwickelt. Mit ihr lässt sich relativ schnell und sicher dokumentieren, zertifizieren und Eigentum übertragen. Sie bildet damit eine mögliche Basis für den weitverbreiteten Einsatz von Smart Contracts – Computerprotokolle, die Verträge abbilden und eine schriftliche Fixierung von Verträgen überflüssig machen.

Im Moment arbeiten Zehntausende von Programmierern weltweit daran, praxistaugliche Anwendungen für die Blockchain zu finden, von denen einige garantiert unser Leben verändern werden. Doch welche dies sind und wie man hiermit Geld verdient, ist derzeit noch völlig unklar.

Der Weg nach El Dorado führt finanziell immer in die Irre

1636/37 explodierten die Preise für Tulpenzwiebeln in Amsterdam. Zwiebeln seltener Sorten wurden mit bis zu 2500 Fl. bewertet – dem damaligen Gegenwert z. B. von 8 Schweinen. Der folgende Crash bei den Zwiebelpreisen hat an der Beliebtheit der Tulpe nichts geändert. Sie ist inzwischen ein traditioneller niederländischer Exportschlager, wenn auch zu deutlich niedrigeren Preisen als damals.

Kryptowährungen sind wie die Tulpenzwiebeln vor 380 Jahren: Sie werden die zukünftige Welt verändern, dies rechtfertigt aber keine Fantasiepreise. Wer heute schon das Geld von morgen kaufen will, bevor es ausgeht, vertraut ähnlich unplausiblen Geschichten wie den Indianerlegenden von El Dorado. Hohe Verluste sind der Lohn der Naivität … früher, heute und gleichfalls in der Zukunft!

Dieser Text erschien in leicht abgewandelter Form ebenfalls in „Mit ruhiger Hand“ Nummer 53 vom 10. Juli 2017

 

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