Schlendrian und Eigentum, eine generelle Betrachtung

by Gastbeitrag on 19. November 2008

Kennen Sie das? Sie müssen am frühen Morgen eine Behörde aufsuchen. Kalt und unfreundlich geht es da meist zu, das heißt unfreundlich meist immer, aber das „Kalt“ bedarf einer Differenzierung. Also so rein von der Temperatur des bürokratischen Zimmers her gesehen, sollte man als Besucher unter seinen Wintersachen immer ein kurzärmeliges Hemd tragen. Ich kenne kaum eine andere Berufsgattung als Beamte und Angestellte des öffentlichen Dienstes, die ein so hohes Wärmebedürfnis zu haben scheint und diesem in Staatsräumen recht extensiv frönt.

Verlassen wir die Ebene der einzelnen Erscheinung und versuchen, eine allgemeine Erklärung des Phänomens zu finden. Die Überlegung, das sei am Rande bemerkt, dass die Auswahlkriterien des öffentlichen Dienstes: Eignung, Befähigung und fachliche Leistung auch ein ausgeprägtes Wärmebedürfnis umfassen, erscheint dann nämlich doch zu abwegig.

Viel wahrscheinlich ist es, wenn man das nachfolgende Zitat analog anwendet:

„Das Problem ist auch als Allmendeproblem, Tragik der Allmende oder Allmende-Dilemma bekannt. Wenn ein Umweltgut, wie die Natur kostenlos ist, wird es jeder solange nutzen, wie es geht. Da der Nutzen dem einzelnen zukommt, der Schaden aber der Allgemeinheit, wird der Mensch als Nutzenmaximierer den bis ins Unendliche steigern wollen.“

http://www.nachhaltig-leb…

So mag man übertemperierte Räume in Amtsstuben nunmehr recht unschwer zu erklären: Da der Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes die Heizkosten nicht selbst bezahlen muss, wird die Heizung eben bis zum Anschlag aufgedreht und verharrt Tags wie Nachts in diesem Zustand.
Das „Allmende-Problem“ beschränkt sich jedoch nicht nur auf bundesrepublikanische Behörden, sondern liefert –wie das obige Zitat zeigt- auch Erklärungsansätze für ganz andere Phänomene, z. B.:

– die Sahelzone, http://books.google.com/b…

– „Eigentum des Volkes“ in der ehemaligen DDR und der Zustand der Bausubstanz vor der Wende und heute,

– Wer es allgemeiner und weitere Beispiele haben möchte: http://de.wikipedia.org/w…

Nehmen wir zur Kenntnis: ein Gut, das allen gehört und für das alle „(un)verantwortlich“ sind, tendiert dazu verschwendet, über Gebühr ausgebeutet, ja vernichtet zu werden.

Welche Möglichkeit besteht nun, das Allmende-Problem zu lösen? Sehen wir uns um: Wo Verantwortlichkeiten klar zugewiesen wurden oder wo übermäßige Nutzung eines Gutes an den privaten Geldbeutel geht, verschwindet das Allmende-Problem quasi wie von Zauberhand. Das ist ja auch irgendwie klar: gehört z.B. ein Auto mir, gehe ich anders mit ihm um, behandele es pfleglicher, als wenn es als „Eigentum des Volkes“ einer Schar unverantwortlicher Nutzer anheim fällt.

Halten wir fest: Wenn mir eine Sache gehört, sorge ich aus eigenem Interesse dafür, dass sie nicht übermäßig genutzt, in Stand gehalten wird oder allgemein überhaupt existent bleibt. … Das Haus wird renoviert und verschönert, der Fischteich nur soweit genutzt, dass der Fischbestand erhalten bleibt, das Auto wird schon mal gewaschen und notwendigen Reparaturen zugeführt, die Herdplatten werden gereinigt, die Heizung reguliert, unnötige Beleuchtung von Räumen ausgeschaltet… und was der Beispiele mehr sind. Nun stellen Sie sich das Haus, den Fischteich, das Auto, die Heizung, den Herd und die Beleuchtung mal als „Eigentum des Volkes“ vor…

Warum schreibe ich dies alles? Nun, an der ein oder anderen Stelle erscheint es mir so, dass in Leserkommentaren von Artikel 14 Grundgesetz

„(1) Das Eigentum und das Erbrecht werden gewährleistet. Inhalt und Schranken werden durch die Gesetze bestimmt.
(2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.
(3) Eine Enteignung ist nur zum Wohle der Allgemeinheit zulässig. Sie darf nur durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes erfolgen, das Art und Ausmaß der Entschädigung regelt. Die Entschädigung ist unter gerechter Abwägung der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten zu bestimmen. Wegen der Höhe der Entschädigung steht im Streitfalle der Rechtsweg vor den ordentlichen Gerichten offen.“

nur Absatz 2 eine prominente Rolle zu spielen scheint. Es dünkt, dass die segensreiche Wirkung, die mit Privateigentum als solchem verbunden ist, stark unterbelichtet bleibt.

Um zum Eingangsbeispiel zurück zu kehren. Wie kann der Energieverbrauch in öffentlichen Gebäuden gesenkt werden? Indem man (abgesehen von möglicher automatischer Regelung der Heizungsanlage) z. B. den Büroinhaber über ein Prämiensystem in Verantwortung nimmt, ihm mithin die Rolle eines Quasi-Eigentümers überträgt: Ausgehend von den üblichen Heizkosten vergleichbarer Räume in Privateigentum erhält der Büroinhaber eine Prämie, wenn er diese Heizkosten unterschreitet und darf ggf. persönlich für seinen gehobenen Anspruch an Raumtemperatur gerade stehen. Für die Besucher einer so organisierten Behörde würden dann Winterbekleidung und Ärmellänge des Hemdes auch wieder in Einklang miteinander stehen können.

PS. Auch lesenswert und zudem mit kritischen Anmerkungen zum Eigentum:

http://de.wikipedia.org/w…

Die dort aufgeführten, tlw. heftigen Probleme sollte man nun keinesfalls ausblenden, wie ich das en Detail hier gerade bewusst tue. Wichtig war mir, das Allmendeproblem (das uns als Menschheit insgesamt bis in den „Untergang“ führen kann; Stichworte z. B.: leer gefischte Meere, Desertifikation, Umweltprobleme) mit der zunächst wohltuenden Wirkung des Privateigentums ins Verhältnis zu setzen oder mit anderen Worten: Artikel 14, Abs. 1 Grundgesetz den Platz zuzuweisen, der ihm gebührt: Bevor ich verpflichtet bin oder mit meinem Eigentum der Allgemeinheit diene, sollte zunächst klar sein, dass ich es haben darf und warum es vielleicht sinnvoll ist, dass es Privateigentum überhaupt gibt.

Das Spezielle, nämlich die Auswüchse, die mit Privateigentum einher gehen können: bitte erlauben Sie mir, dass ich diesem Themenkomplex demnächst einen Extra-Artikel widmen werde.

Comments on this entry are closed.

Previous post:

Next post: