Märklin entgleiste auch an Kommunikationsstörungen und Beratungsunternehmen

by Dirk Elsner on 4. Februar 2009

Abandoned train trucks in Stockholm (HDR)

Zug auf dem Abstellgleis: (Quelle: flickr/Morgennebel)

Ein trauriger Fall für die Mitarbeiter und Eisenbahnfans und eine Blamage für die Beratungsbranche. Der Göppinger Modellbahn-Hersteller Märklin ist zahlungsunfähig und hat beim Amtsgericht Göppingen Insolvenz angemeldet. Zuvor waren Verhandlungen über neue Kredite gescheitert, berichtet Spiegel Online. Es wird nun versucht, den Geschäftsbetrieb ohne Einschränkungen weiterlaufen zu lassen und die Sanierung während des Insolvenzverfahrens anzustreben.

Die Schuldzuweisungsdebatte hat bereits begonnen (Details dazu in Spon und im Handelsblatt, Links siehe unten). Bestandteil dieser Debatte sind auch die Beratungsunternehmen, die sich offenbar bei Märklin erfolglos die Klinke in die Hand gaben. Nach Angaben des Handelsblatts schütteln viele Mitarbeiter in Göppingen den Kopf darüber, dass Märklin trotz der desolaten Finanzlage eine Unternehmensberatung nach der anderen ins Haus geholt hat, ohne dass sich die Lage wesentlich änderte. Weiter schreibt das Blatt:

„Allein die US-Beratung Alix Partners trug 2006 und 2007 Millionen aus dem Unternehmen und schlug Märklin sogar für den Preis des besten Turn-Around des Jahres vor. Die Worte des Alix-Managers Ulrich Wlecke vom 4. Dezember 2007 klingen für die Märklin-Mitarbeiter, die jetzt auf ihr Geld warten, wie Hohn: „Wir sind stolz, dass Märklin als Musterfall einer gelungenen Restrukturierung prämiert wurde.“

Im Sommer hatte Märklin Honorare in siebenstelliger Summe von den Unternehmensberatern zurückgefordert, die eigentlich helfen sollten, das Unternehmen zu sanieren. Weil der Nutzen der Leistungen nicht erkennbar sei und das Unternehmen weiter nicht vernünftig auf die Schienen komme, wollte Märklin die Gelder zurück.

Unter den Mitarbeitern gilt außerdem der ständige Geschäftsführerwechsel als ein Grund, warum das Unternehmen nicht zurück in die Spur gekommen ist. Innerhalb der letzten Monate haben allein drei ihren Rückzug erklärt, schreibt das Handelsblatt. Hier kann in der Tat ein Problem gelegen haben, weil so schnelle Wechsel gar nicht die notwendige Bindung der Geschäftsführung zu Führungskräften und Mitarbeitern aufkommen lassen.

Entlastend für die Geschäftsführer ist aber zu bedenken, dass diese in einer Sanierungssituation ein sehr hohes persönliches zivilrechtliches und strafrechtliches Risiko eingehen. Ich nenne hier nur als Stichworte Geschäftsführerhaftung und Insolvenzverschleppung. Allein die Furcht vor derartigen Konsequenzen schreckt aber einen guten Manager nicht ab, es sei denn er sah die Kommunikation zwischen den Stakeholdern als erheblich gestört an.

Und aus der Ferne betrachtet spricht noch mehr für heftige Kommunikationsprobleme. Ein weiteres Indiz dafür ist, dass der Streit zum Teil in der Öffentlichkeit ausgetragen worden ist. Eine derartige Krisensituation erfordert eine enge Kommunikation zwischen den beteiligten Stakeholdern (Eigentümer, Banken, ggf. staatliche Institutionen). Häufig sind auch in solchen oder schlimmeren Situationen Lösungen machbar, wenn die Beteiligten eng und vor allem vertrauensvoll an Lösungen arbeiten und alle Parteien ihre Beiträge leisten.

Die Reißleine ziehen beteiligte Geldgeber (egal ob Banken oder Eigenkapitalgeber) erst dann, wenn sie das Vertrauen in die anderen Stakeholer verloren haben und sie annehmen, dass die Lasten einseitig verteilt werden. Und offenbar gab es Anlaß, an dem Vertrauen erheblich zu zweifeln. Anders ist es nicht zu erklären, dass so schnell Empörungen der Eigentümer an die Öffentlichkeit dringen: „Das Verhalten der Banken ist sehr merkwürdig“, sagte ein Insider zu SPIEGEL ONLINE, „vor allem zu Beginn der Spielwarenmesse“.

Von wem die Störungen hier ausgegangen sind, lässt sich aus der Distanz nicht beurteilen. Meine Erfahrung sagen mir, dass derartige Kommunikationsstörungen auf allen Seiten zu suchen sind. Es hat außerdem keine Instanz gegeben, die kommunikativ diese Defizite ausgeglichen hat. Das hätte z.B. Job der Geschäftsführung oder eines beteiligten Unternehmensberater sein können. Dann hätte dieser auch seine hohen Honorare verdient.

Märklin stand bereits vor fast drei Jahren kurz vor der Insolvenz. Damals hatte der britische Finanzinvestor Kingsbridge Märklin nach langem Tauziehen übernommen und damit gerettet. Er fuhr seitdem einen harten Sparkurs und schloss unter anderem die Produktionsstätte im thüringischen Sonneberg mit rund 220 Mitarbeitern. Im vergangenen Jahr hatte der Investor zuletzt angekündigt, die Personalkosten von derzeit 50 Millionen Euro um 5 Millionen Euro drücken zu wollen.

Ich drücke mal die Daumen, dass das Unternehmen die Wende schafft. Eine Insolvenz muss nicht den Untergang bedeuten, sondern kann eine gute Ausgangsbasis für einen neuen Anfang darstellen.

Weitere Berichte

FAZ: Merkel, Märklin und die anderen

Spon: Märklin-Pleite: Untergang der heilen Welt

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NWZ: KOMMENTAR · MÄRKLIN: Das Prinzip Hoffnung

HB: Boni verweigert Kunert stellt US-Beratung Alix bloß
Blick Log: Märklin entgleist Unternehmensberatung

Breaking News: Finanziell entgleist: Märklin – Insolvenz in H0

HB: Märklin wird für Berater zur Goldgrube (April 2008)

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