Rotkäppchen und der Böse Wolf oder Wir sind Ackermann

by Gastbeitrag on 16. März 2009

Zunächst einmal möchte ich darauf hinweisen, dass mit dem Rotkäppchen nicht Joe Ackermann gemeint ist auch wenn er mit seinem jungenhaften Lächeln dafür geradezu prädestiniert erscheint. Aber diese Tarnung macht ihn auch zum perfekten bösen Wolf. Weiterhin möchte ich klarstellen, dass der Joe nicht etwa ein guter Freund von mir ist, ich ihn deshalb eigentlich gar nicht Joe nennen dürfte. Da der Joe aber ein american style banker ist und ich im Folgenden nur Gutes über ihn schreibe, wird er mir das sicher verzeihen.

Nichts macht den Paradigmenwechsel in der deutschen Bankenlandschaft so deutlich wie die Gegenüberstellung von Hilmar Kopper und Joe Ackermann.

Hilmar Kopper, der sich vom Banklehrling über die Leitung der Filiale Leverkusen bis zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank hochgearbeitet hat, gab letzte Woche in der ZEIT (Ausgabe 12) in einem Interview mit Roger Willemsen unumwunden zu, dass er die Jahrhundertkrise nicht hat kommen sehen. Im gleichen Interview lamentiert er: „Es werden immer wieder die gleichen Fehler gemacht. Die Blase kommt. Die Blase platzt. Immer wieder.“ Und weiter: „Der Wettbewerb ist erbarmungslos.“ Kopper ist selbst als Rentner noch nicht in der Jetztzeit angekommen.

Josef Ackermann studierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der renommierten Hochschule St. Gallen. Sein Promotionsthema lautete: Einfluss des Geldes auf das reale Wirtschaftsgeschehen. Nach Führungspositionen bei der Credit Suisse wechselte er zur Deutschen Bank und übernahm dort zunächst den Geschäftsbereich Kreditrisiken, später die Bereiche Marktrisiken, Treasury und Volkswirtschaft. Niemand scheint besser qualifiziert, eine Großbank in der heutigen Zeit zu führen.

Leider hatte ich keine Gelegenheit, den Inhalt dieses Beitrags mit Joe Ackermann abzustimmen. Ich hätte dieses gerne bei einer Flasche guten Weins in irgendeiner Hotelbar dieser Welt getan. Diese Flasche hätte ich mir durchaus etwas kosten lassen. Aber ich behaupte dennoch, dass Ackermann von Anfang an die Spielregeln des großen Spiels verstanden hat. Ansonsten wäre die Deutsche Bank längst unter Staatskuratel, insbesondere deshalb, weil sie mangels Trennung von Kreditgeschäft und Investmentbanking, anders als in den USA, sowohl die Risiken, welche die Citibank als auch jene die Lehman Brothers in den Abgrund gezogen haben, in sich vereint.

Ackermann war es, der, wie es der Berliner Tagesspiegel vom 26.11.2008 so schön formulierte, den Umbau der Deutschen Bank zum T-Rex unter den Banken-Dinosauriern forcierte. Er trimmte die Deutsche Bank auf Ertrag, weil er erkannte, dass die Deutsche Bank angesichts ihrer geringen Marktkapitalisierung selbst von einem Hedge Fonds übernommen werden konnte. Die Spielregeln wurden ihm dabei von den erfolgreichen britischen und amerikanischen Banken vorgegeben, die längst Eigenkapitalrenditen jenseits von Gut und Böse erzielten (so erzielten britische Banken bereits im Jahr 2004 eine durchschnittliche Eigenkapitalrendite von 22,3%, während deutsche Banken eine solche von 4,2 % erzielten und damit Schlusslicht in Europa waren; Quelle: Bankenbericht 2006, S. 50). Im Gegensatz zu diesen hat Ackermann aber offensichtlich auch die Risiken dieses Treibens gesehen, nämlich dass es besser ist, den Giftmüll nicht in die eigenen Bücher zu nehmen.

Ackermann ging dabei auch durchaus listig vor. So holte er den ehemaligen Finanzstaatssekretär Cajo Koch-Weser und den obersten deutschen Bankenaufseher des BaFin, Helmut Bauer an Bord. Und er erkannte, welches die geeigneten Opfer waren, nämlich die Landesbanken, denen er die auf dem amerikanischen Markt erworbenen Ramschpapiere andrehen konnte. Landesbanken, die mangels Geschäftsmodell bereits seit Jahrzehnten von einer Kalamität in die nächste stolpern, die Versorgungsposten für verdiente Politiker zur Verfügung zu stellen haben und von anderen, ebenso unfähigen Politikern beaufsichtigt werden. Unvergessen der Ausspruch von Frau Matthäus Meier, damals noch Vorstandsvorsitzende der staatlichen KfW: man habe nun wirklich nicht wissen können, dass im Kleingedruckten der Verträge auf den Seiten 92 bis 94 etwas von einem event of trigger default stand.

Soll man Joe Ackermannjetzt böse sein, dass er das arme Rotkäppchen und damit den deutschen Steuerzahler über den Tisch gezogen hat?

Ich behaupte: Nein! Ackermann hat im Grunde genommen nur das getan, was auch jeder Anleger versucht, nämlich seine Rendite zu maximieren. Er hält uns den Spiegel unseres eigenen Verhaltens vor. Ich erinnere mich an einen BILD Artikel zu Zeiten der Neue-Markt-Blase. In diesem Artikel kamen Lehrer zu Wort, die bekundeten, ihren Beruf an den Nagel hängen zu wollen, weil sie mit Börsengeschäften schnelles und einfaches Geld verdienten. An das eigene Handeln werden eben andere Maßstäbe angelegt als an das Handeln eines im Rampenlicht der Öffentlichkeit stehenden Josef Ackermann. Wir alle sind Ackermann.

Insofern muss sich jeder fragen lassen, ob sein eigenes Anlageverhalten nachhaltiges Wirtschaften erlaubt. Auf dem Umweltsektor ist ein derartiges Bewusstsein längst akzeptiert. Es wird Zeit, dass es auch im Finanzsektor ankommt.

Heute morgen schon in den Spiegel geschaut? Keinen Wolf gesehen? Gratuliere!

Michael Krause

Previous post:

Next post: