Setzt EZB jetzt auf Psychologie?

by dels on 2. April 2009

Die gesamte Wirtschaftswelt hatte auf eine Senkung der Leitzinsen um 0,5% und mehr spekuliert. Die EZB hat dieser Erwartung eine klare Absage erteilt und den Zins nur um 1/4 Prozent gesenkt. Die Überraschung dabei: Unmittelbar nach Bekanntgabe um 13.46 verlor der DAX zwar, kurze Zeit später schoss er trotzdem in die Höhe. Der Markt hat sich also überhaupt nicht erschrocken. Eigentlich hätte man wegen der enttäuschten Erwartung der Märkte das Gegenteil erwarten können. Aber wie so häufig, reagieren die Märkte anders als erwartet.

Und möglicherweise hat die EZB diesmal ganz anders kalkuliert. Von einer sehr starken Zinssenkung wäre nämlich auch die Botschaft ausgegangen, mit der Konjunktur stehe es sehr schlecht. So haben die Märkte jedenfalls in den vergangenen Monaten jede deutliche Zinssenkung interpretiert und anschließen die Kurse wieder Richtung Süden gesendet. Eine deutliche Zinssenkung enthält somit eine psychologisch negative Botschaft. Ihr Signal könnte damit kontraproduktiv auf die Erwartungsbildung von Unternehmen und Konsumenten wirken, weil der Kontraktionsprozess weiter hätte verstärkt werden können. Der Effekt der günstigeren Refinanzierungsmöglichkeiten wäre schnell verpufft.

So könnte man das Signal der EZB also positiv interpretieren, dass es so schlimm um unsere Wirtschaft gar nicht stehe. Dies wiederum könnte einen positiven Impuls auf die Erwartungsbildung der Unternehmen haben. Aber wenn die EZB tatsächlich so kalkuliert hätte, dann käme das schon fast einem Paradigmenwechsel gleich, weil sie erstmals verhaltenspsychologische Ansätze berücksichtigt hätte. Ich jedenfalls vermag mehr in der Entscheidung zu erkennen als eine kleine Geste. Dennoch bin ich gespannt auf weitere Erklärungsansätze.

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