Vom Rätsel der Ehrlichkeit bis zum Broken Window

by Dirk Elsner on 16. Mai 2009

Warum sind Menschen ehrlich? Diese viele Menschen bewegende Frage versucht Florian Meyer in dem Beitrag “Das große Rätsel Ehrlichkeitanhand wissenschaftlicher Untersuchungen zu beantworten. Das Schöne ist, dass Experimente zeigen, dass die meisten Menschen sich nicht so verhalten, wie es die einige Wirtschaftswissenschaftler vermuten. Dazu schreibt Meyer:

“Menschliches Handeln, so die übliche Annahme des Fachs, unterliegt der Nutzenmaximierung. Wer so agiert und sicher sein kann, nicht erwischt zu werden, der hätte keine Hemmungen, beschädigte Ware anzubieten, seinen Kunden zu täuschen oder seinen Geschäftspartner zu betrügen. In der Realität jedoch, das haben verhaltensorientierte Ökonomen seit Mitte der 90er-Jahre festgestellt, agieren viele Menschen ganz anders.”

Längst nicht nur die Angst vor der Strafe macht den Menschen ehrlich. Ginge es nur um die Frage, wie hoch das Risiko ist, entdeckt zu werden, und wie hoch eine mögliche Strafe ausfällt, würden sich weit mehr Menschen unredlich verhalten….  Menschen aus Fleisch und Blut sind viel ehrlicher, als es rein egoistische Nutzenmaximierer wären, stellte auch der Chicagoer Ökonom Steven D. Levitt in einer Fallstudie fest. … Als entscheidend dafür, wie ehrlich ein Mensch ist, erweist sich sein soziales Umfeld. So stellte Levitt fest: In kleineren Büros gab es weniger Diebstahl als in Abteilungen mit einigen Hundert Beschäftigten. Je persönlicher die Umgebung, desto höher offenbar der soziale Druck.“

Die Feststellung, dass sich Menschen selbst umso ehrlicher Verhalten, je ehrlicher sich ihr Umfeld verhält, ist beruhigend. Sie erinnert mich aber an die Broken Window Theorie der US-Sozialforscher George L. Kelling und James W. Wilson (Originalaufsatz hier). Dieses Konzept diente bekanntlich als Erklärung, wie ein zerbrochenes Fenster in einem leerstehenden Auto später zu völliger Zerstörung des Autos durch das Umfeld führen kann. Daraus wurde dann später die erfolgreiche Null-Toleranz-Strategie der New Yorker Polizei abgeleitet.

Denkt man etwas über die beiden Ansätze nach, dann könnte man befürchten, dass moralische Verwerfungen weitere Verwerfungen nach sich ziehen könnten. Ich denke dabei z.B. an den Skandal um MAN und viele andere Regelverstöße (ich will heute einmal nicht die Bonuspraxis herausgreifen), mit denen Menschen in Unternehmen „Fenster“ einschlagen und damit die Hemmschwellen senken könnten.

Aber man braucht gar nicht in die Gesetzeswidrigkeit von Handlungen zu schauen. Broken Windows funktioniert auch an anderen Stellen, wie z.B. bei Staatshilfen. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass Regierungen weltweit so intensiv stützend in Wirtschaftsabläufe eingreifen? Mittlerweile regen sich selbst ordnungspolitische Ästheten kaum auf, wenn Arcandor um Staatshilfe ersucht, die Regierung für die Autoindustrie Beteiligungspartner sucht oder die Banken durch Bad Banks stabilisiert werden.

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