Medienkritik: Was die Wirtschaftskrise mit einem Wohnwagen in Malibu zu tun hat

by Dirk Elsner on 2. Juni 2009

Viele Medien versuchen in diesen Monaten mit wuchtigen Schlagzeilen, die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise mit Bildern zu verdeutlichen. Das dabei so mancher Griff daneben geht, wird an einem Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung (nur Printausgabe) deutlich. Niklas Maak schreibt von einem US-Ehepaar, das sich mit seinem Sohn am Strand in Kalifornien erholte und plötzlich von einem Kamerateam belagert wird. Ein Mann mit einem Mikrofon wollte wissen, ob und wenn, wie der Mann sein Haus verloren habe und wie es sich nun lebe. Dem Paar ging es gut, sie verbrachten lediglich einen Urlaubstag am Strand.

Maak berichtet, dass seit einem Beitrag in der US-Talkshow Oprah über einen Obdachlosensiedlung bei Sacramento Reporter im gesamten Bundesstaat ausgeschwärmt sind, um nach Opfern der Immobilienkriese zu suchen, um diese vor die Kamera zu bekommen. Ich will hier die Not nicht verharmlosen, die die Wirtschaftskrise anrichtet. Aber diese Zeltstadt z.B. in Sacramento (Fotoserien hier in der FTD) gab es schon lange vor der Wirtschaftskrise. Schaut man die Bilder in der FTD oder hier bei stern.de scheint es weniger darum zu gehen, die Aufmerksamkeit auf die Schicksale der Personen zu konzentrieren, sondern sich für das World Press Photo bewerben zu wollen. Obdachlosenhelfer haben lt. Tagesanzeiger erklärt, dass das Lager schon seit Jahren existiere und rund 150 Bewohner habe. Die meisten von ihnen zählen zu der ständig obdachlosen Einwohnerschaft von Sacramento.

Nun soll der Verdienst von Oprah nicht gemindert werden, die durch den Beitrag in ihrer Show erst auf das Phänomen aufmerksam gemacht hat. Dies zeigt aber eher, wie reflexartig Medien auf bestimmte Multiplikatoren reagieren. Oprah gehört zu den sogenannten Superspreadern, also Personen, die besonderen Einfluss auf die Verbreitung von Nachrichten haben. Was dort berichtet wird, wird zum Bestandteil der Welt. Überspitzt könnte man sagen, das was von ihr nicht berichtet wird, existiert medial nicht. Die Berichte über die Finanzkrise werden also getunnelt auf ein paar weniger Auswirkungen. Dabei vergessen wir zu fragen, ob diese Wirkungen tatsächlich mit der Finanzkrise zusammenhängen und ob das alle Auswirkungen der Krise sind. Das Schlimme ist, dass im Anschluss an solche Berichte, die Krisenhilfe auf diese medialen Fälle konzentriert wird und nicht auf die Fälle, die es nötiger haben. Die anderen Fälle geraten als “stumme Zeugen” (Taleb) in Vergessenheit oder, was noch schlimmer wäre, ihnen wird sogar Hilfe genommen.   

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