Konsumkultur: Über die warenästhetische Erziehung des Menschen

by Gastbeitrag on 3. Oktober 2009

Von Wolfgang Ullrich

Die Konsumgesellschaft hat viele Gegner. Sie werfen dieser vor, die Menschen zu täuschen, auszubeuten, abhängig zu machen, ihnen nur Ersatzbefriedigung zu bieten, sie von sich selbst zu entfremden, auf Fetischisten zu reduzieren und in Schuldenfallen zu treiben. Ein weiterer Vorwurf ist in den letzten Jahren beliebt geworden. Er besteht darin, die Konsumgesellschaft als große Infantilisierungsmaschine zu beschreiben. Prominent vertreten wird diese Auffassung etwa von Benjamin Barber. In seinem Buch " Consumed!" behauptet der amerikanische Politikwissenschaftler, dass die Angebotsfülle an Produkten aus Bürgerinnen und Bürgern Kinder gemacht habe.[1]

Da nur ausschweifender Konsum die Wirtschaft am Laufen halte, müsse man den Menschen nämlich auch Dinge verkaufen, die sie gar nicht benötigten. Aus diesem Grunde habe alles leicht und nicht schwierig, flott und nicht umständlich zu erscheinen. Damit aber werde den Konsumenten fortwährend ein "infantiles Traum-Weltbild (bestätigt), wo man nur zu sagen braucht: Ich will, dass es so ist, und schon ist es so":[2]"Easy listening" statt klassischer Musik, Infotainment statt ernster Nachrichten, der Boom der Computerspiele – all das zeugt für Barber von einer kindlichen, ja kindischen Haltung. Da "Harry Potter" auch von vielen Erwachsenen gelesen wird und die erfolgreichsten Filme noch lieber von den Eltern als von den Kindern angeschaut werden, für die sie produziert werden, und da diese zudem den Genres Fantasy, Zeichentrick und Abenteuer angehören, fühlt sich Barber erst recht dazu veranlasst, eine Infantilisierung zu diagnostizieren.

Skeptisch hinsichtlich dieser Diagnose kann jedoch werden, wer weiß, dass gerade der Infantilisierungsvorwurf eine lange Tradition besitzt, ja offenbar zu jeder Zeit passt. So veröffentlichte etwa im Jahr 1698 der Schweizer Theologe Gotthard Heidegger, Repräsentant der reformierten Kirche, einen Traktat, in dem er sich mit der Romanliteratur auseinandersetzte, damals eine junge, aber boomende Branche. Er lehnte das Lesen von Romanen aus vielerlei Gründen ab, unter anderem, weil "die Roman-Schreiber den Leser zum Narren" machten, ihn also absichtlich verdummen wollten, um ihm immer noch abstrusere und spektakulärere Geschichten zu verkaufen. Wer Romane lese, müsse sich daher "den Titel eines albernen Kinds" gefallen lassen.[3]

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* Beitrag aus Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 32-33/2009). Wolfgang Ullrich, Dr. phil., geb. 1967; Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, Lorenzstraße 15, 76135 Karlsruhe. Internet: http://solaris.hfg-karlsruhe.de/hfg/ inhalt/de/Lehrende/8461

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