Alfred Herrhausen: Der letzte Banker

by Dirk Elsner on 30. November 2009

Heute vor 20 Jahre wurde Alfred Herrhausen ermordet. Ich erinnere mich selbst noch gut an den früheren Chef der Deutschen Bank, der für mich damals der Vorzeigebanker überhaupt war. Geschäftlich sehr gut sortiert, strategisch denkend und nie die gesellschaftlicher Verantwortung vergessend. Marietta Kurm-Engels schreibt im Handelsblatt, dass viele Bankchefs heute gerne ein Bankier wären, wie Alfred Herrhausen einer war. Was sie nicht schreibt ist, dass kein Bankchef in Deutschland jemals wieder das Format eines Alfred Herrhausen erreichte. Und gerade in diesen Zeiten fehlt ein Mann an der Spitze eines deutschen Instituts, der seine Eigenschaften mitbringt.

Kurm-Engels, die Herrhausen persönliche kannte, schreibt zu seiner Persönlichkeit:

Nur ein Jahr lang war Alfred Herrhausen alleiniger Vorstandssprecher der Deutschen Bank. Aber er prägte sein Institut und das Bild des modernen Bankiers wohl mehr als jeder andere deutsche Bankchef. Herrhausen verband unternehmerischen Erfolg mit sozialem Engagement. … In seiner zupackenden Art und mit seiner eleganten Erscheinung wirkte Herrhausen ausgesprochen jugendlich. Niemand merkte ihm an, dass er auf die 60 zuging. Eine in jeder Hinsicht respekteinflößende Erscheinung, ohne die üblichen Eitelkeiten. Und ein philosophischer Kopf, der besonders den 1994 verstorbenen Karl Popper schätzte. „Seine Fragen zielten immer über die vordergründigen Daten und Fakten hinaus. Er interessierte sich für den Hintergrund, wo andere nur nach den Zahlen fragten“, sagt Gert Dahlmanns heute. …

Herrhausen war ein ungewöhnlicher Bankchef. „Small Talk“, wie ihn seine Nachfolger gern pflegten, war ihm fremd. Dafür war ihm seine Zeit zu kostbar. Vielleicht fühlte er aber auch, dass ihm nicht mehr viel Zeit gegeben war. Menschen in seinem Umfeld spürten Ende 1989 eine besondere Ungeduld, die ihn trieb.

Was Herrhausen als Bankier auszeichnete, ist für seine Wegbegleiter heute schwer zu fassen. Sein damaliger Assistent Matthias Mosler sagte vor einigen Jahren: „Herrhausen war eigentlich gar kein Geldmensch. Ihn trieben vor allem politische und gesellschaftliche Ziele. Er wollte eine gerechte Gesellschaft, in der jeder eine faire Chance bekommt.“

Die Tageszeitung Welt überschlägt sich fast:

“Der beste Bankier ist der, über den man nicht spricht. Mit dieser tradierten Weisheit mahnt sich das Geldgewerbe zur Seriosität und wendet sich gegen Dampfplauderer. An den Ausnahmebankier Alfred Herrhausen, dessen Ermordung sich am Montag zum zwanzigsten Mal jährt, legt die deutsche Bankgeschichte andere Maßstäbe an. Er beherrschte souverän die öffentliche Debatte, er mischte sich ein, trieb und eckte an, er gab sperrige Denkanstöße. Sein Name steht für eine neue Ära der Deutschen Bank, für ihren Sprung in Modernisierung und Globalisierung.”

Wenn man den Rückblick auf Herrhausen in der Wirtschaftswoche liest, verfestigt sich der Eindruck, dass mit Herrhausen der letzte Banker gegangen ist:

“Herrhausens frappierende Aktualität drückt sich zunächst einmal darin aus, dass er die Ambivalenz der Moderne als ihr entscheidendes Merkmal respektiert und scheinbar Gegensätzliches mühelos zusammen denkt: Macht und Verantwortung, Freiheit und Bindung, Staat und Wirtschaft, Führung und Moderation. Herrhausen weiß, dass das eine nicht ohne das andere zu haben ist – es sei denn auf Kosten des Gesamtüberblicks, zum Preis der Wirklichkeitsverzerrung. Herrhausen verabscheut Einseitigkeiten, die „geistige Verengung“ seiner Zunft und ihrer Vertreter, den „Ressortegoismus“, die Fokussierung auf den „Wachstumszwang“, die „Konzentration auf das Nur-Ökonomische“. Als Sprecher der Deutschen Bank, der er seit 1985 ist, hat er eben nicht nur die schwarzkünstlerischen Selbstvermehrungskräfte des Geldes an den Kapitalmärkten, die Verwöhnung seines Instituts mit ausreichend Eigenkapital und Rendite im Sinn, sondern auch und vor allem das „Rollenverständnis“ der Banken. Die gewinnträchtige Bewirtschaftung von Kapital empfindet er als selbstverständliche Managerpflicht; die ständige Standortbestimmung der Wirtschaft in der Gesellschaft als seinen staatsbürgerlichen Auftrag.”

Alfred Herrhausen lässt keinen Zweifel daran, dass die Deutsche Bank sich „nicht allein darauf beschränken“ kann, „gute Geschäfte zu machen“; dass sie im Gegenteil „auf Akzeptanz angewiesen“ ist, je größer ihre Gebäude, je abstrakter ihre Produkte, je globaler ihre Geschäfte werden. Sein unternehmerisches Handeln stellt er daher unter „dauernden Begründungszwang“. Stets ist er um eine „bestimmte Autorität“, um „gesellschaftliche Verantwortung“ und um die „Auslegung unserer Funktion“ bemüht, also darum, „sich und anderen die Bezogenheit unserer… Einzelaufgabe zum Ganzen“ bewusst zu machen. Man könnte auch sagen, dass Alfred Herrhausen der letzte Kapitalist in Frankfurt ist, der ein echtes, ehrliches Interesse an der Einbettung von Quartalszahlen in den gesamtgesellschaftlichen Kontext offenbart: Handlungsreisender und Verantwortungsethiker in einer Person, zugleich „homo oeconomicus“ und „zoon politicon“, gleichzeitig Globalmanager und demokratievernarrter Patriot.

Wenn Banker heute Herrhausen nacheifern wollen, dann sollten sie an folgende Sätze denken, mit denen die Süddeutsche Herrhausen zitiert:

„Wir müssen das, was wir denken, sagen. Wir müssen das, was wir sagen, tun. Wir müssen das, was wir tun, dann auch sein.“

Das letzte Interview Alfred Herrhausen mit dem Spiegel (erschienen am 20.11.1989). Die Spiegel Titel-Geschichte vom 4.12.1989 befasste sich ausführlich mit dem Attentat.

Videos: Gero von Boehm im Gespräch mit Deutsche Bank-Chef Alfred Herrhausen

Alfred Herrhausen 1989 (1/5)

Alfred Herrhausen 1989 (2/5)

Alfred Herrhausen 1989 (3/5)

Alfred Herrhausen 1989 (4/5)

Alfred Herrhausen 1989 (5/5)

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