Keine vorweihnachtliche Lektüre über den finanziellen Arm des Vatikans

by Dirk Elsner on 23. Dezember 2009

Vatican Bank (IOR) - Apostolic Palace - Sovereign State of the Vatican City - Unacountable to The Holy See

Dieser Hintergrundbericht von Katharina Kort passt eigentlich so gar nicht in die vorweihnachtliche Stimmung. Unter dem Titel “Selig sind die heimlich Reichen” schreibt sie im Handelsblatt über das IOR (Istituto per le Opere di Religione oder (Institut für religiöse Werke), dem finanziellen Arm des Vatikans, über geheime Konten und den Verdacht der Geldwäsche. Der Artikel passt eigentlich viel besser in das Umfeld eines neuen Romans von Dan Brown, denn auch Frau Kort kommt wegen der Intransparenz der päpstlichen Finanzgeschäfte nicht drum herum, sich mit allerlei Spekulationen zu befassen.

Keine Spekulationen sind das Immobilienvermögen der Kirche, der 20 bis 22 Prozent aller Immobilien in Italien gehören sollen. Dabei sei der Gesamtwert des vatikanischen Immobilienvermögens nur schwer zu schätzen, schreibt Kort, da die Gebäude nur mit ihrem historischen Kaufpreis, also mit insgesamt einigen wenigen Millionen Euro, in den Büchern stehen.

Kort schreibt über die Finanzgeschäfte, den vermeintlichen Bankstatus des IOR und über jüngere Geschäfte. Für Verschwörungstheoretiker sicher keine neue Erkenntnis, dass der letzte Papst, der beim IOR aufräumen wollte, Johannes Paul I., nur einen Tag nach der Ankündigung, die Führungsriege zu entmachten, am 28. September 1978 unter merkwürdigen Umständen starb.

Joss Dezember 23, 2009 um 09:29 Uhr

Vielleicht von Interesse in einem erweiterten Kontext,
ein Buchtipp:
James J. O’Donnell: Augustine. A new biography
hier der Link zu amazon.com
http://www.amazon.com/Augustine-Biography-James-J-ODonnell/dp/0060535385

Wer eigentlich ganz obenauf auf die Liste problematischer
Theologie und Religion gehoert, ist Kirchenvater und
Kirchenlehrer Augustin von Hippo.
In Stichworten zusammengefasst:
Von Augustin stammt, zusammengefasst, der fuerchterlich
und schreckliche Gott mit dem die Kirche den Leute, den
Laien die laengste Zeit das Leben schwer gemacht hat.
U.a. gehoert zur augustinischen Theologie die
Drohbotschaft (Gott / Jesus als Richter und Raecher,
mit dem Weltuntergang als Inferno), die Kreuzesideologie
(die Forderung nach dem Lebensopfer als hoechstem
moralischen Gebot), die Welt als Jammertal, alles
(genau genommen von Menschen verursachte Elend gilt als
Pruefung, fuer die Menschen auch noch dankbar zu sein
haben)und dgl. Elend mehr.
Aber auch, und deswegen als Kirchenlehrer so verehrt
und damit legitimiert, die Gesinnungsrichterei, die
Glaubensrichterei, der Manichaeismus (die Verteufelung
anders Denkender), die Ritualglaeubigkeit, Priester-
glaeubigkeit und Kirchenglaeubigkeit. Das heisst, der
ganzen komplexen Theologie mit ihren, ironisch gesehenen,
mindesten 140 000 Widerspruechen.
Ebenso dazu gehoert die Gleichsetzung von Gott mit dem
Tod, auswechselbar mit dem Mann / Skelett mit der Sichel,
Gott als Lebensnehmer.
(Wenn viele Menschen nicht an Gott glauben koennen und
wollen, hat das, gruendlicher besehen, in Einzelfaellen
damit zu tun, dass sie nicht Todesglaeubigkeit sind.
Das kommt bei Medizinern schon mal in diesem Kontext vor,
die nicht den Tod ganz einfach als unausweichlich
akzeptieren und hinnehmen, wenn tatsaechlich in der
Praxis und wirklich realistisch besehen, einem Unfall-
opfer mittels entsprechender Hilfeleistung der sonstige
Tod mit selbst einfacher Hilfe erspart werden kann.)

Bezeichend an der Augustin ist auch dessen Januskoepfigkeit. Einerseits bringt er hoch problematische
Theologie hervor, wirft etwa mit seiner Lehre von der Determination den Grossteil der Menschen als Verdammte
in die Hoelle. Andererseits macht er sich feinsinnigst
Gedanken ueber die Freundschaft, ist ein unwahrscheinlich
lieber Mensch, uebergehend ins Weinerliche, weil dem
Tragischen verhaftet, hilflos seufzt ueber das theologische Elend das er selber anrichtet, daran nichts
aendern kann („Alles ist Gottes Wille!“) Dass dazu
Sexualneurosen aller Art gehoeren, bedarf wohl keiner
weiteren Erwaehnung.
Natuerlich auch dies, und das ist wesentlich: er fuehrt
erst die Probleme – in diesem Fall theologisch – herbei
und bietet sich dann selber mit seiner Heilslehre als
Loesung all dieser Probleme an. So entstand die
Anhaengigkeit von Kirche.
Augustin ist was fuer Katastrophenliebhaber, Leute, die
sich im selbst mitverursachten Elend so lange es geht,
einhausen, teils gemuetlich machen, einen eigenartigen
Sinn fuer Humor haben.
Die Januskoepfigkeit der Theologie zeigt sich denn
auch in Spannweite wie auch Widerspruechlichkeit:
Dem Konzept des Jammertals dieser Welt, woran mitgearbeitet wird, festgehalten wird, das dann nahtlos
uebergeht in die Produktion der Guete, naemlich dem
vielbeschworenen Trost fuer die Armen, Kranken und
Schwachen. Insbesondere die Kriegsbefuerworter und
Kriegshetzer unter den Theologen hatten da auf ihre
sehr oft joviale Art staendig die kirchlichen Kranken-
haeuser, die Pflege der Kranken, als Ausflucht parat.

Das Buch von O’Donnell zeichnet sich durch seine
Seltenheit aus. Es gibt nicht sehr viele, die eine
brauchbare kritische Darstellung von Augustin liefern
– jener extrem komplexen Theologen, Laien schon deswegen
eigentlich unzumutbar -, und damit ein gesamtes
Verstaendnis dessen, was den Laien an Theologie so
untergejubelt wird.

Dass es die Kirche gar nicht gerne hat wenn von
Augustin die Rede ist, ist wohl klar. Dieser wird im
Kontext der breiten Oeffentlichkeit mittlerweile bewusst totgeschwiegen, erst gar nicht mehr erwaehnt. Den gibt
es in gewisser Weise schon gar nicht mehr. Da koennte
man Witze darueber machen. Weil ja sonst gleich wieder
mal ein paar guten Gewissens Sonntags zu Hause bleiben,
sich dem Elend dieser Theologie auf diese Weise
entziehen (was dann jeweils die „Kirche in Not“ und
Bedraengnis oder gar Verfolgung zur Folge hat).

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