Das schlechteste Börsenjahrzehnt seit 1820 wirft grundsätzliche Fragen auf

by Dirk Elsner on 29. Dezember 2009

Hubble

Foto (Hubble, Quelle flickr/ex.libris)

Dass das gerade ablaufende Börsenjahrzehnt nicht gerade zu den Highlights gehörte, kann ich täglich in meinem Depot ablesen. Da schlummern nämlich noch ein paar Aktien, die ich Ende der 90er Jahre des letzten Jahr Jahrhunderts gekauft habe. Dass die vergangenen 10 Jahre aber zu den 10 schlechtesten seit 1820 zählen, erfuhr ich erst aus dem Blog Zeitenwende:

“Das Wall Street Journal hat nachgerechnet. Seit 1820 gab es nie eine solch schlechte Dekade an den Finanzmärkten. Selbst Oma’s Matratze war die bessere Zufluchtsstätte für den Sparbatzen als die an der New York Stock Exchange gelisteten Aktien. Im Schnitt gab es die letzten zehn Jahre ein Minus von 0.5 Prozent. Nicht eingerechnet Gebühren, Kommissionen und Beratungshonorare. “

Und irgendwie erstaunt mich diese Entwicklung, die ich für diesen Beitrag auch gar nicht nach Regionen, Branchen oder Finanzmarktprodukten differenziert wissen will (siehe dazu aber hier die NYT). Aktienindizes sind so etwas wie das kollektive Spiegelbild der Leistungsfähigkeit und Performance von Unternehmen. Treten die auf der Stelle, dann mag der eine oder andere dies mit methodischen Einwänden kontern. Das lenkt aber von grundsätzlichen Fragen ab, die wir uns gerade zum Ende eines Jahrzehnts stellen sollten.

Haben uns nicht gerade in den letzten 10 Jahre so viele Fachleute wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte geraten, wie wir alles besser machen können? Noch nie war wissenschaftlich gesichertes Wissen über Organisationen, Methoden und Technologien so einfach und schnell verfügbar wie in dieser Dekade. Ohne Beispiel ist es, wie wir weltweit gute und schlechte Erfahrungen über Geschäftsmodelle austauschen konnten. Und haben wir nicht ebenfalls alle Register und Weisheiten der Management- und Mitarbeitermotivation ziehen können, um die optimale Performance hinzulegen? Preisen nicht seit Jahren Gurus und Berater in der Wirtschafts- und Managementpresse ihre Tipps, wie wir Unternehmen noch effizienter und Märkte noch erfolgreicher erobern können?

Woran liegt es also, dass wir uns trotz dieser Informationen wirtschaftlich in der Summe nicht wirklich fortentwickeln? Hat uns der so gern propagierte wirtschaftliche Egoismus, der von vielen in opportunistischer Weise ausgelebt wird, doch in ein kollektives Gefangenendilemma geworfen, das in der Summe keine Gewinner kennt? Schadet vielleicht doch die individuelle Interessenmaximierung mehr als die kooperative Suche nach der gemeinsamen Nutzenerhöhung? Sitzen in den Unternehmensspitzen doch nicht, wie viele glauben, trotz bester Bezahlung die besten Leute? Kosten die persönlichen Machtkämpfe der Alphatiere in den Unternehmen zu viel Performance oder vergeuden wir die durch Informationstechnologie gewonnene Zeit mit zu viel Ablenkung von betrieblich relevanten Themen? Können wir uns möglicherweise gar nicht mehr auf langfristige Ziele konzentrieren, weil uns die Wissensgesellschaft täglich neue Ziele “empfiehlt”?

Das jedenfalls sind Fragen, die mir spontan bei der Lektüre durch den Kopf gegangen sind. Kritiker unserer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung werden sicher noch viel tiefere Fragen aufwerfen können. Und bestimmt bieten “Fachleute” uns wieder einfache Erklärung für diese Entwicklung an und wissen, wie man das künftig verhindert. Mich interessieren diese Post-hoc-Erklärungsansätze nicht. Vermutlich kommen nämlich solche Erklärungen von den gleichen “Expertentypen”, die Anfang 2000 erklärten, warum das Internet die Wirtschaft auf neue Bewertungslevel heben und die Finanzkrise schon Ende 2007 hätte vorbei gehen sollen.

Persönlich habe ich weder Antworten noch Erklärungsversuche auf diese Fragen. Natürlich knete ich die eine oder andere Vermutung, das lassen schon die Fragen erahnen. Einige dieser Vermutungen ließen sich möglicherweise auch plausibel erklären, vielleicht sogar empirisch untermauern. Aber dazu wären hier Abhandlungen notwendig, mit denen sich dieser Blog wohl eines weiteres Jahr füllen ließe. Manchmal sollte es reichen, zunächst einfach nur Fragen zu stellen. Vielleicht haben Unternehmen in diesem Jahrzehnt in der Summe auch deswegen so schlecht performt, weil sie zu schnell einfachen Antworten auf komplexe Fragen vertraut haben.

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