Recession de Luxe in New York City

by Dirk Elsner on 2. Januar 2010

Shopping Hölle (Foto: flickr/Incandenzafied)

New York gilt ja bekanntlich als Melting Point und als Ort, an dem Trends sich viel früher bemerkbar machen, als an vielen anderen Plätzen dieses Planeten. Wenn die Melting-Point-These richtig ist, dann muss die aktuelle Wirtschaftskrise, sofern dieser Begriff überhaupt gerechtfertigt ist, entweder als Krise de Luxe oder als beendet bezeichnet werden. Vielleicht hat es sie hier am Ground Zero der Finanzkrise auch nie gegeben.

Wir haben zwischen Weihnachten und Neujahr den Vorzug, in der Stadt am Hudson River ein paar Tage verbringen zu dürfen. Ich schaute bei dem Blick in die Stadt auch nach äußeren Anzeichen der vielzitierten Rezession. Aber was ich im Big Apple erleben sollte, wich dermaßen stark von dem “Medienbild” der US-Rezession ab, dass mein gesundes Urmistrauen gegen aufbauschende Berichterstattung einmal mehr eine deutliche Bestätigung erhielt.

Die Geschäfte der Stadt quellen über. Egal, ob an 5th Avenue, Park oder 6th Avenue oder in It-Shopping-Vierteln wie Tribeca oder Soho, es wurde gekauft als gäbe es kein Morgen mehr. In Geschäften wie Abercrombie & Fitch oder dem Apple Store stehen die Menschen draußen Schlange, um überhaupt hinein zu kommen. Im Geschäft des Wäschelabels Victoria Secret´s  (da wollte meine Frau rein) war es wuseliger als bei H&M in Hamburg vor Weihnachten. Für Männer ist es kein Spaß, wenn sie allein für die Anprobe in der Warteschlange stehen müssen, wie etwa bei Macy´s, dem unübersichtlichsten Kaufhaus der Welt.

Äußere Anzeichen einer Rezession, wie sie einige Medien gesehen haben wollen, sucht man in New York, zumindest in den Stadtteilen von Manhattan, vergebens. Ich erinnere mich an Zeitungsartikel, die von leerstehenden Geschäftsräumen an der 5th Avenue schrieben. Das ist eine reine Fiction. Zwischen Central Park und Empire State Building habe ich einen einzigen Geschäftsraum gesehen, der zur Vermietung leer stand. Auch wenn ich keine persönliche Statistik führe, selbst bei früheren Besuchen erinnere ich mich an das eine oder andere leer stehende Geschäft. Ein gefühlt höherer oder gar auffälliger Leerstand auch in anderen Stadtteilen liegt jedenfalls unter der Wahrnehmungsschwelle.

Und auch die Globalisierung der Rezession entpuppt sich als Mythos, denn die Stadt quillt so mit Touristen über, dass allein die Masse der Besucher den Grenznutzen in der Stadt erheblich senkt. Auch wegen der gestiegenen Sicherheitsanforderungen wartet man stundenlang an allen Points of Interests in langen Schlangen. New York zu besuchen ist harte Arbeit.

Gefühlt herrscht in New York Optimismus wie eh und je. Sonderpeise? Klar, beim Einkaufen locken viele Sales, genau wie in früheren Jahren. Aber Preise für einen Tiefgaragenplatz für eine halbe Stunde von 12 US$, Broadway-Tickets für 130 US$ und Eintritt in das Guggenheim-Museum für 18 US$ zeugen davon, dass der Begriff Rezession hier nicht zur Standardvokabel gehört.

Und auch die offiziellen Zahlen sprechen für eine Luxusrezession. Die Einzelhandelsumsätze im Weihnachtsgeschäft sind im Vergleich zum allerdings schwachen Vorjahr wieder gestiegen. Die Kriminalitätsrate, sonst ein Anzeichen für wirtschaftlich schlechtere Zeiten, ist auf dem niedrigsten Stand seit Aufzeichnung der Statistik. Nach Zählung der New York Times gab es bis zum Sonntag nach Weihnachten “nur” 461 Morde in der Stadt. Das bisherige Tief seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1963 war 497 im Jahre 2007 (Rekord 1990 mit 2.245).

Einen Indikator, der ein Indiz für schlechte Zeiten sein könnte, möchte ich hier nicht auslassen. Noch nie habe ich so wenig Baustellen in der Stadt gesehen. Nur einen einzigen Wolkenkratzer im Bau ist in Midtown auszumachen, in Downtown sind es drei oder vier Baustellen, darunter die Stelle, an der früher die Zwillingstürme des World Trades Centers standen. Freilich habe ich keine “abgebrochene” Baustelle finden können (habe aber auch nicht gezielt danach gesucht).

Ein letzter Indikator ist das Anschnorren auf der Straße um Kleingeld. Gut möglich, dass die Stadt rigoroser gegen Bettelei vorgeht, jedenfalls ist die Ansprachefrequenz deutlich gesunken. In 5 Tagen wurde ich nur ein einziges Mal um ein “spare of change” gebeten.

Natürlich könnte man für einen Stimmungsbericht noch wesentlich tiefer bohren. Man wird dann in den Statistiken Auswirkungen der Rezession finden und ebenso ihre Wirkung bei verschiedensten Menschen feststellen können. Aber mir ging es hier nicht um ein umfassendes und gar nicht zu leistendes Big Picture der größten Weltwirtschaftskrise seit 70 Jahren, sondern nur um eine subjektive Momentaufnahme, die nach meiner Wahrnehmung nicht dem verbreiteten Bild oder einer Recession de Luxe entspricht.

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