Update Mindmap Paid Content: Bizarrer Streit um Springers Bezahlstrategie

by Dirk Elsner on 7. Januar 2010

Der Spiegel hatte Anfang Dezember unter dem Titel “Die Qualitätslüge” plastisch die Auswirkungen des wirtschaftlichen Drucks auf die Ausdünnung der redaktionellen Arbeit der Medien zusammengefasst. Nach dem Motto aus 2 mach 1 1/2  und verkaufe dem Leser dies als Qualitätssteigerung zeigen die Autoren auf zahlreiche Baustellen in verschiedenen Verlagshäusern.

Eine andere Baustelle, auf der die Verlage derzeit intensiv ackern ist der Paid Content, also die Monetarisierung von Verlagsinhalten über das Internet. Der Blick Log hatte sich im vergangenen Sommer geoutet und gestanden, dass er für Inhalte zahlen würde. In der Folge entspann sich mit einigen Verlagsvertretern (Handelsblatt, FAZ und Humane Wirtschaft) sowie einem Web 2.0-Fachmann (Florian Semle) eine sehr spannende Diskussion zu den Gestaltungsmöglichkeiten. Im Verlauf dieser Diskussion entstand die Mindmap zum Brainstorming Paid Content.

Seit der ersten Veröffentlichung Mitte September habe ich die Map weiter entwickelt, weil sich seit der Ankündigung von Rupert Murdoch im Sommer, mit für Qualitätsjournalismus müsse im Netz Geld verdient werden, eine Menge bewegt. Ob dies zum Erfolg führt, ist freilich noch vollkommen offen.

Derweil ist in Deutschland eine schrille Debatte unter Medienschaffenden ausgebrochen, die mich als außenstehende Beobachter stark wundert. Anlass sind die Versuche des wenig geliebten Springer Verlags mit seinen verschiedenen Bemühungen, um Erlöse aus seinen journalistischen Inhalten zu generieren.

Die Wucht der Kollegenschelte in verschiedenen Beiträgen und den Kommentarthreads erstaunt mich. Ich denke beispielhaft für die Kritik ist der viel zitierte Beitrag von Stefan Niggemeier “Aussichtslos, selbstmörderisch, unverschämt” und den mittlerweile über 400 Kommentaren. 

Experimente mit neuen Geschäftsmodellen sind in Deutschland offenbar verpönt. Die in vielen Äußerungen durchscheinende Haltung wirkt äußerst bizarr. Würden sich die Verlage nur nach den Schlaumeierkommentaren richten, dann dürfen sie entweder nur etwas einführen, was sofort Erfolg verspricht oder sollten am Status Quo festhalten. Scheitert man mit seinem Experiment, gilt man als Versager, gehört rausgeschmissen und darf sich der Häme der Beobachter sicher sein. Wenn das ein Abbild des Mainstreams der deutschen Medienschaffenden ist, dann wundert mich die Medienkrise nicht. Es fehlt ganz offensichtlich eine unternehmerische Kultur, die über Experimentierfreude nach neuen profitablen Geschäftsmodellen sucht.

Robin Meyer-Lucht schrieb in Carta ganz richtig:

“Der Paid-Content-Debatte fehlt es derzeit vor allem an einem: Es wird zu wenig gespielt. Es gibt zu wenig und erst recht zu wenig überzeugende Experimente. Es gibt sehr viele Appelle, dass doch endlich für Qualitätsjournalismus gezahlt werden möge. Aber es gibt (abgesehen von Apps) wenig überzeugende Ansätze für digitale Bezahlmodelle.”

Meyer-Lucht gehört zu den wenigen Autoren, die weniger an bestehende Versuchen herummäkeln, und auf neue Ansätze verweist (hier konkret auf die Crowdfunding-Applikation “Kachingle”). Und tatsächlich zeigt die Übersicht in der Mindmap, dass mittlerweile mit sehr vielen Modellen experimentiert wird. Ob und welche davon erfolgreich sind, lässt sich derzeit kaum ausmachen. Möglich ist sogar, dass alle scheitern. Dennoch, ohne Versuche wird sich die Medienwelt erst recht nicht weiter entwickeln. Ich bin ganz sicher, dass am Horizont erfolgversprechende Modelle auftauchen werden. Diese lassen sich aber nicht mit Powerpoint darstellen und Excel planen, die müssen ausprobiert werden.

Es gehört nicht viel Prophetie dazu, vorauszusagen, dass der Handlungsdruck mit der Verbreitung des mobilen Internets erheblich gestiegen ist und weiter ansteigen wird. Schon jetzt sieht man in Zügen, U-Bahnen mehr Menschen im Internet Nachrichten lesen als eine klassische Zeitung. Mit dem Tablet-Rechner von Apple, dessen Modell sicher schnell nachgeahmt wird von anderen Herstellen, wird sich dieser Trend noch einmal deutlich verstärken.

Hier jetzt die aktuelle Mind Map zum Paid Content, die auch über diesen Link direkt erreichbar ist.

Für die Navigation in der Mindmap: Auf das Symbol image_thumb klicken, um die Ansicht zu vergrößern. Durch Drücken der linken Maustaste kann man in der Mindmap navigieren. Durch Anklicken des Symbols image_thumb1 erhält man weitere Informationen mit Links zu weiterführenden Artikeln.

Die Mindmap hat für mich immer noch den Charakter eines Brainstormings. Gern ergänze ich weitere Vorschläge und bin offen für eine andere Strukturierung.

Ausgewählte Beiträge zum Thema Paid Content

Kress:  "Paid Content ist keine Lösung"

Meedia: Springer-Portale riskieren Paid Content

Onlinejournalismus: Selbstmörderisch? Hamburger “Abendblatt” startet mit Paid Content

Niggemeier: Aussichtslos, selbstmörderisch, unverschämt

Focus: “Bild” auf dem iPhone Angriff auf die Kostenloskultur

Zeit: Paid Content Bei Axel Springer hat die Zukunft des Netzes Lücken

Carta: Die Zukunft von Paid Content: Hier wäre ein Ansatz

Netzeitung: Kompromissangebot für Google News: Google kann auch «Paid Content»

Carta: Faires Geschäftsmodell in Sicht? Google, die Zeitungen und Paid Content

MM: Paid Content: Verlage wollen gemeinsame Plattform

Spon: Online-Journalismus: M. DuMont Schauberg setzt auf Paid Content

 

Joerg Januar 7, 2010 um 15:57

Naja wenn man damit anfängt seine Leser zu beschimpfen wenn man sein Bezahlmodell umstellt, muss man sich nicht wundern wenn so ein Versuch zum Scheitern verurteilt sind. Außerdem finde ich den Ansatz des abendblattes an sich wenig vielversprechend. Durch das Aussperren der normalen Internetleserschaft und google, dürften dort wohl erstmal an die 60 oder 70% der Seitenbesucher wegfallen. Viel besser wäre es doch weiterhin ein kostenloses Nachrichtenportal wie dem Abendblatt zu betreiben und dann kostenpflichtige Zusatzartikel oder Dienstleistungen anzubieten. Aber die meisten Onlineartikel der Zeitungen taugen halt nur wirklich darum Aufmerksamkeit zu bekommen.

Joss Januar 7, 2010 um 05:54

Also mal abgesehen von paid content Modellen kann es
sich bei der Ablehnung solcher Konzepte schon auch mal
darum handeln, dass die Leute keine grosse Wertschaetzung
haben fuer die diversen Medienprodukte. Und verstaendlich
waere und ist so ein Motiv, so eine Verachtung vielleicht
auch.
Den Begriff „Qualitaet“ legen sich etwa Springer wie auch
Murdoch schon selber zu.
Und da ist vielleicht auch die Einstellung Doepfners,
wie er die Leser sieht, auch recht interessant. Beispiels-
weise in seinem Gespraech mit Arianna Huffington in
Monaco, wo er u. a. meinte:

Es gebe nicht viel, was die Leute wirklich interessiere, so Döpfner weiter. Im wesentlichen seien das Sex und Crime oder, wie er für die „gebildeten Schichten“ hinzufügte, „Eros und Thanatos“. Diese Geschichten müssten gut erzählt und konsumentenfreundlich aufbereitet mit einfachen Bezahlsystemen zur Verfügung gestellt werden, so Döpfner. Dann funktioniere auch Paid Content.
http://meedia.de/nc/details-topstory/article/dpfners-streit-mit-arianna-huffington_100024548.html

Comments on this entry are closed.

{ 1 trackback }

Previous post:

Next post: