Paid Content für journalistische Medien: Der Blick Log würde ja zahlen, wenn …

by Dirk Elsner on 10. August 2009

Es war klar, dass alle Medien gleich auf den Vorschlag von Rupert Murdoch anspringen, die “Kostenloskultur” im Netz abzuschaffen. Unter dem Druck schrumpfender Einnahmen wittern Verlage nun Morgenluft und wollen intensiver nachdenken, wie sie die Internetnutzer zur Kasse bitten können. Der “technologische Analphabet” Rupert Murdoch will ausgerechnet mit der „Sun“ vorangehen, der Springer-Verlag gleich (mit der Bild?) hinterher. Konkrete Strategien bleiben derweil im Morgennebel verdeckt. Ich bin daher sehr gespannt, wie Murdochs Wende in der Praxis umgesetzt wird.

Eine hohe Aufmerksamkeit ist ihm garantiert. Die professionellen Pressemedien begrüßen die Initiative, bleiben aber skeptisch, was den Erfolg betrifft.  So schreibt etwa das Handelsblatt:

Bei den meisten Verlagen dürften die Netz-Abo-Einnahmen nicht reichen, um den Einbruch bei den Anzeigenerlösen auszugleichen. Andererseits fehlen wirtschaftliche Systeme, um ein Bezahlen pro Artikel zu ermöglichen – abgesehen davon, dass die Nutzer sich bei diesen Diensten zunächst registrieren müssten.

Tatsächlich scheinen die Ideen zur erfolgreichen Monetarisierung weiter zu fehlen. Als Vorbilder werden zwar durchgehend das Wall Street Journal und die Financial Times genannt. Starke Zweifel bestehen indes, ob dieses Modell von Fachmedien auch auf andere Rubriken ausgedehnt werden kann. Erfolgreich wäre eine Monetarisierung dann, wenn der Barwert durch in welcher Form auch immer erfolgte Berechnung von Content höher wäre als der Verlust an Werbeeinnahmen, der wegen des erheblichen Besucherrückgangs erwartet wird.

Unbestritten ist, dass der Traffic stark abnehmen würde, wenn der gleiche und bislang kostenlose Inhalt künftig berechnet würde. Nutzer, die sich jetzt täglich Meinungen zu ihren Lieblingsthemen von verschiedenen Medien holen, sind nicht bereit, sich bei vielen Websites für einen fixen Monatsbeitrag registrieren zu lassen. Ich scanne regelmäßig (täglich bis wöchentlich) zwischen 30 und 50 journalistische Medienseiten (ohne Blogs), einige davon nur zu speziellen Themen. Es ist doch klar, dass ich dafür nicht jeweils 5 € zahlen werde.

In Deutschland wäre ich bereit, für Handelsblatt Online, dessen Printausgabe ich ohnehin abonniert habe, sogar noch zusätzlich für den Onlineauftritt zu zahlen. Je nach Preis vielleicht zusätzlich für FAZ oder FTD. Aber eigentlich möchte ich mich nicht auf drei Medien beschränken.

Eine Preis für Einzelbeiträge aus dem Archiv wäre im Prinzip ok, wobei die Preishöhe hier entscheidend ist. Vor kurzem habe ich für den Abruf eines Artikels aus der C´t 30 Cent bezahlt. Der Preis war fair und ich habe ihn bezahlt, obwohl ich die Zeitschrift ebenfalls im Abo beziehe. 2 € dagegen für einen Einzelartikel aus der FAZ mögen im kommerziellen Umfeld gerechtfertigt sein, in keinem Fall allerdings für die private Nutzung. Da braucht mir auch keiner mit “Qualitätsjournalismus hat seinen Preis” zu kommen.

Ich habe mal darüber nachgedacht, was mir der Internet-Informationskonsum insgesamt pro Monat wert wäre. Auf jeden Fall mehr als GEZ-Entgelt, Digital-Kabel und Pay-TV, also in der Summe etwa 30 bis 50 Euro je nach Nutzungsvolumen. Allerdings wäre es für mich ein absolutes No-Go jeweils einzelne Artikel über eine umständliche Prozedur (wie jetzt bei click and buy) freischalten zu müssen.

Aus dem gerade geschriebenen wäre also eine Schlussfolgerung, die Qualitätsmedien schließen sich in welcher Form auch immer zusammen, schaffen eine einheitliche technische Abrechnungsform, die z.B. in einer Art Qualitätscontainer einen pay-per-view oder noch besser eine Flatrate ermöglichen. Abgerechnet werden könnte dann etwa über ein Browser Add-on. Bei einer Flatrate würde dann einfach das gezahlte Entgelt vom Container-Owner auf die Medien nach Nutzung verteilt werden. Skeptiker werden hier Probleme sehen, weil triviale Nachrichten mehr Klicks anziehen als anspruchsvolle Informationen.

Beim Pay-per-View bleibt aber das Problem des Informationsparadoxons. Das Informationsparadoxon nach Arrow beschreibt die Problematik, dass der Wert von Information erst ermittelbar ist, wenn die Information bereits bekannt ist. Ist die Information jedoch bereits bekannt, muss sie nicht mehr beschafft werden. Bewertung und Handel von Information wird so vor die schwierige Aufgabe gestellt, die Information auf der einen Seite unter Verschluss zu halten, auf der anderen Seite aber einen marktgerechten Preis zu bilden.

Den besten Ausweg aus diesem Paradoxon hat für mich bisher PaperC entwickelt. Hier kann ich den Content kostenlos ansehen und in tausenden Büchern ohne Zahlung blättern und lesen. Man zahlt dann, wenn man eine Seite weiterverwenden will, also Textteile kopieren, speichern, ausdrucken will. Das System ist einfach zu bedienen. Man loggt sich einmal ein und löst mit wirklich einem Klick die Zahlung aus. Den Preis von 5 Cent pro Seite halte ich dabei für ausgesprochen freundlich. Ich persönliche wäre auch bereits 10 Cent pro Seite zu bezahlen oder eine bestimmte Nutzungspauschale.

Natürlich gibt es weitere Möglichkeiten, die Inhalte professioneller Medien zu monetarisieren. So verstehe ich bis heute nicht, warum Zeit und Spiegel ihre kompletten Archive kostenlos zur Verfügung stellen. Archive sind bares Geld wert. Man könnte aus meiner Sicht hier mehr verlangen als nichts, sicher aber nicht 2 € pro Artikel wie die FAZ.

Die FTD macht das übrigens sehr clever. Artikel, die ursprünglich mal frei erhältlich waren, werden nach einer bestimmten Zeit quasi “zugedeckt”. Klick man etwa über einen Link eines Blogbeitrags einen ursprünglich frei erhältlichen Artikel an (Beispiel: Überlebensfähigkeit von Geldinstituten: Banken unter Generalverdacht), dann kann man ihn nach einem bestimmten Zeitraum nur gegen Entgelt lesen. Dazu ist bei der FTD der Erwerb eines Tagestickets für 2,20 € notwendig. Die Preisgestaltung erinnert an die des Pay-TV Senders Sky. Man darf für die 2,20 bis zu 10 kostenpflichtige Artikel aufrufen, zahlt diesen Preis damit aber auch dann, wenn man nur einen Artikel abruft. Das Modell ist also in der derzeitigen Ausgestaltung keine tragfähige Lösung für einen Massenmarkt.

Dennoch ist der Ansatz grundsätzlich clever. Ähnlich macht es übrigens Harvard Business Manager. Die Webseite stellt immer wieder Einzelartikel ihres Printmagazins für einen bestimmten Zeitraum frei. Ebenfalls geschickt werden zu kostenlosen Inhalten weitere passende Artikel angeboten werden, die dann berechnet werden (mit 4 € pro Artikel aber ebenfalls zu teuer für die private Nutzung).

Dennoch Harvard Business Manager bereitet das eigenen Archiv im Gegensatz zu Spon oder Handelsblatt zumindest klug auf, so dass man zumindest neugierig wird. Beim Handelsblatt werden zwar auch zusätzliche ältere Artikel angeboten, allerdings fallen mir häufig mehr qualitative Ergänzungen ein als die dort zur Auswahl gestellten drei Artikel, die wohl automatisiert zusammen gestelzt werden.

Aktuell scheint den Verlagen noch die Fantasie für Modelle zu fehlen. Dabei zeigt dieser Beitrag, dass es durchaus Möglichkeiten des Paid Content gibt, wenn man die Bedürfnisse der Nutzer ernst nimmt. Ich persönlich wäre wie geschrieben bereit, zusätzlich für Qualitätsjournalismus zusätzlich zu zahlen, möchte aber nicht in der Breite beschränkt werden.

Ich sehe dem Paid Content damit recht gelassen entgegen. Das Angenehme an den derzeit diskutierten Maßnahmen wäre außerdem, ich würde längst nicht mehr so viele Seiten ansteuern und wohl viel Zeit sparen.

Aus Sicht eines Blogs bedeutet die Einführung von Paid-Content das Ende der Verlinkungskultur. Ein Ende der Blogkultur sehe ich nicht, sondern erwarte eher einen Zulauf für Blogs, die sicherlich keine Entgelte verlangen und einen Teil des dann “frei” werdenden Traffics absorbieren werden. Möglicherweise sehen wir damit künftig einen Trend zu noch mehr Blogmeldungen. Blogs könnten sogar noch mehr Traffic generieren, wenn sie beginnen, ihre Artikel untereinander zu syndizieren.

Das Thema ist spannend. Ich hätte großes Interesse an einem gemeinsamen Brainstorming über verschiedene Modelle, ihren ökonomischen Konsequenzen und die Auswirkungen auf die Webnutzung.

Dieser Text ist übrigens gratis und darf unter Angabe des Verfassers und der Nennung sowie Verlinkung der Quelle übernommen, vervielfältigt, kopiert und in welcher Form auch immer weiterverarbeitet werden.

Nachtrag

Am Montag Abend habe icheinen hervorragenden Artikel auf Wirtschaftswoche Online entdeckt zum Thema Neuromarketing, scheint auch die Titelgeschichte der aktuellen Printausgabe zu sein. Jedenfalls hatte mich der Titel bereits neugierig gemacht und ich hätte das Heft ganz sicher in dieser Woche gekauft. Mit der kostenlosen online-Bereitsstellung des Aufmachers kann ich mir das Geld nun sparen.

Weitere Berichte zum Thema

FTD: Werbekrise treibt Medien ins Risiko

wissen.de: Werbekrise treibt Medien ins Risiko

HB: Nachrichten im Internet sollen Geld kosten

Abendblatt: Das Ende der Kostenlos-Kultur?

HB: Murdoch wagt den Sprung

Spektrum: Das Informationsparadoxon bei Schwarzen Löchern – Spektrum der …

Hans Markus: Unmöglichkeit vollständiger Informationseffizienz

IS-FrankfurtBetriebliches Informationsmanagement SS 1998 Vorlesungsskript

FAZ: Journalismus im InternetGratis war gestern

Previous post:

Next post: