Neuer Trend? Entnetzwerken aus Facebook, Xing und Co.

by Dirk Elsner on 31. Januar 2010

social network hub

Hub für soziale Netzwerke (Foto: flickr/Mathias Pastwa)

Seit einiger Zeit frage ich mich, ob es tatsächlich einen neuen Trend des Entnetzwerkens gibt. Ich weiß gar nicht, ob diese Bezeichnung es richtig trifft, gemeint ist jedenfalls der Rückzug von Menschen aus den diversen Web 2.0-Netzwerken. Mittlerweile gibt es ja sogar eine eigene Website, die web 2.0 suicide machine, die eine virtuelle Sterbehilfe für diverse Netzwerke bietet.

Offenbar macht sich in Teilen der Web-Community eine gewisse Networking-Müdigkeit breit. Das kann ich nachvollziehen, denn das virtuelle Networken droht immer mehr unser täglich begrenzten Zeit zu beanspruchen. Und das wollen wir nicht. Ich selbst habe vor einigen Monaten meinen Facebook-Konto stillgelegt, weil ich es nicht zusätzlich pflegen wollte und es nicht mag, wenn flüchtige Bekannte als Freund bezeichnet werden. Allein die Entwertung des Freund-Begriffs ist dies schon wert gewesen (siehe auch “Freunde treffen statt Freunde adden” auf ausgestiegen.com).

Gleichzeitig telefonieren, tippen, smsen, twittern und unterhalten? Das geht nicht. Immer häufiger empfinde ich die Unterbrechung persönlicher Gespräche durch Blicke auf das Blackberry, des Nebenbeimailschreibens oder smsen als Störung. Insbesondere Männer können ohnehin ihre nicht Aufmerksamkeit teilen.

Die “Zerstreuungsmaschine” bestimmt zunehmend unser Leben. Früher galt man als wichtig, wenn man unentwegt kommunizierte, heute empfinde ich das als Wichtigtuerei. Die Zeit Online schrieb vor einigen Wochen über die sozialen Ausseiger:

“Zurzeit verabschieden sich die ersten Abtrünnigen aus den Sozialen Netzwerken, deren Nutzerzahlen sich seit Jahren nur in eine Richtung zu entwickeln scheinen: steil aufwärts. Früher oder später, dachte man, wäre wohl jeder Mensch auf diesem Planeten über seine Profilseite anklickbar. … Bisher sind es nur vereinzelte Hinweise. Vielleicht belegen die Austritte nur, dass der grenzenlose Hype der Anfangsphase vorbei ist. Vielleicht sind sie auch nur dessen unweigerliche Begleiterscheinung: Wo das Wachstum in Hunderten Millionen Nutzern gemessen wird, wäre es ein Wunder, wenn ein paar von ihnen sich nicht früher oder später wieder abmelden würden. Und doch gibt es bei genauerem Hinsehen noch ein paar andere Verschiebungen. … Kürzlich gelangte eine Studie der Universität Zürich zu dem Ergebnis: Menschen, die nirgends ein Onlineprofil angelegt haben, seien im Durchschnitt ein wenig glücklicher und erfolgreicher als Netzwerknutzer.”

Tatsächlich raubt das Rauschen der sozialen Netzwerke unglaublich viel Zeit. Unter dem Rauschen verstehe ich den Zeitverlust durch neugieriges aber weitergehend sinnentleertes Herumstöbern in den Netzen sowie den technischen Aufwand, der man benötigt, um seine Profile zu optimieren. Dazu gehört aber auch die Zeit, die man sich Gedanken darüber macht, was man denn nun im Forum X oder Y auf Xing nun schreibt, wenn man sich dort angemeldet hat.

Der Trend zum Aussteigen wird dadurch verstärkt, dass viele nun feststellen, dass allein die Mitgliedschaft in einem virtuellen Netzwerk automatisch keine “verwertbaren” Kontakte generiert. Diese aufzubauen, zu pflegen und vielleicht sogar “Mehrwerte” daraus zu generieren, braucht Zeit. Aber genau dieses “Mehrwerte generieren” ist es auch, was stört.

Wer sich zu stark vereinnahmen lässt und alles auf einmal tun will, macht mehr Fehler, verschwendet Zeit und konzentriert sich nicht mehr auf seine Ziele. Forscher jedenfalls habe bisher vielfach bestätigt, dass wir Menschen nicht multitaskingfähig sind. Bewusste Entscheidungen kann unser Gehirn nur nacheinander fällen. Daher kostet jede Ablenkung von unseren eigentlichen Aufgaben viel Energie und vor allem Zeit, die wir zusätzlich zur Wiederaufnahme der ursprünglichen Tätigkeit nach einer Ablenkung benötigen.

Ist die virtuelle Ablenkung vielleicht auch eine Ursache für die rückläufige Arbeitsproduktivität, die Volkswirte festgestellt haben wollen. Die Ökonomen David Brackfield und Joaquim Oliveira Martins machen die rückläufige Produktivität sogar als eine Ursache der Finanzkrise aus (siehe Beitrag auf Voxeu hier). Sie stellen diesen Produktivitätsrückgang fest anhand statistischer Daten, suchten aber keine Ursache für den Produktivitätsrückgang. Zufällig fällt dieser aber recht genau in die Zeit, in der die Verfügbarkeit des Internets auch am Arbeitsplatz immer leichter wurde. Ich jedenfalls halte es für sehr wahrscheinlich, dass das virtuelle Rauschen des Internets einen großen Teil des aus den neuen Medien generierbaren Produktivitätsvorteils wieder aufzehrt.

Weitere Beiträge zum Thema

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