Ich muss mir nicht hunderte Pressemeldungen und Berichte durchlesen, um zu dem Schluss zu kommen, dass mit dem gerade beschlossenen Euro-Bailout und der EZB-Helikopterpolitik etwas nicht stimmt. Da wird Hokuspokus gemacht und plötzlich sollen alle Probleme gelöst sein? Sorry, nein! Ein paar Kreditgarantien und gigantische Geldschöpfung lösen keine Probleme, sondern verschleiern und verlagern sie nur auf andere Märkte und vor allem auf andere Subjekte. Die Botschaft an die Finanzmärkte ist doch: Moral Hazard lohnt immer noch. Vielleicht feiern die Börsen deswegen heute mit einem Kursfeuerwerk. Der Kater kommt aber ganz sicher.
Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung, welche konkreten Auswirkungen diese wundersame Geldmehrung haben könnte. Die heterogenen Erklärungsteppiche der “Experten” lohnen meines Erachtens nicht der tieferen Betrachtung und der Diskussion. Wie immer bieten Politik und Ökonomie für und gegen alle möglichen Szenarien zig Argumente und sägen damit weiter an der eigenen Glaubwürdigkeit. Irgendein Szenario wird schon eintreffen. Vielleicht wird es eines sein, mit dem heute noch niemand rechnet.
Ärgerlich finde ich die Irreführung der Öffentlichkeit. Wir, die für diese Vereinbarung in welcher Form auch immer haften werden, werden über die Hintergründe nicht ausreichend informiert. Das wäre aber erforderlich für eine vernünftige Urteilsbildung. Die Öffnung der Kredit- und Geldschleusen in diesem Umfang lässt wahrhaft Böses über den Zustand der Staatsfinanzen und vieler Kreditinstitute vermuten. Ich erwarte jetzt eine ehrliche, offene und sehr ausführliche Information der Öffentlichkeit. Wenn man wegen der Kundus-Affäre eine Untersuchungsausschuss einrichtet, dann muss dies hier erst recht gefordert werden. Bei den Risiken, die hier die Bevölkerungen der EU-Länder tragen, haben sie ein tiefgehendes Recht auf Informationen und nicht auf die Abspeisung mit PR-Gesäusel, das irgendwelche Spindoktoren diktiert haben.
Presse- und Blogreaktionen zum Bailout und der EZB-Politik
HB: Börse Frankfurt: Dax mehr als fünf Prozent im Plus
VG: Länderspreads nach dem EU-Hammer
FTD: EZB feuert letzten Schuss zur Euro-Rettung ab
SB: Die EU öffnet die Schleusen
WSJ: EU Bailout Sparks New Challenge: Enforcing Fiscal Rigor in Euro Zone
HB: Börse New York: Wall Street geht auf auf Rekordjagd
acemaxx-analytics: EU-Rettungspaket: 750 Mrd. Euro
GB: Die EU versucht zum Schutz des Euro einen Bluff
FTD: Die Löcher im Rettungsschirm
HB: Bankaktien: Anleger greifen gierig zu
FAZ: Im Schatten des Rettungsschirms
HB: Internationale Marktberichte: Rettungsplan beflügelt Asiens Börsen
FAZ: Wie der Euro-Rettungstopf funktioniert
HB: Pro Rettungspaket: „Der Angriff der Spekulanten ist abgewehrt“
Spon: Showdown im größten Pokerspiel aller Zeiten
HB: Contra Rettungspaket: „Das Inflationsrisiko ist deutlich gestiegen“
Spon: Willkommen in der Inflationsunion
HB: Geldpolitik: EZB-Programm stößt bei Volkswirten auf Skepsis
HB: Bundesbank-Chef Weber: „Erhebliche stabilitätspolitische Risiken“
Ihre Einschätzung zur Sache ist natürlich korrekt: das mit dem Helikopter ist erstens die Domäne eines Friedman und letzten Endes auch der FED! Wenn man so will, hat es die EZB zu lange versäumt, auch die Helikopter ausschwärmen zu lassen. Zweitens ist das Quantitative Easing der FED als Folgeerscheinung von Friedman der Vorläufer dessen, was die EZB nun nachholen soll, eine Geschichte, der sie sich bis jetzt – zu Recht – immer versucht hat zu verweigern.
Das sind jedoch nur Metaphern für etwas, was im Euro – Raum seit Jahren zu einer Lebenslüge geworden ist. Denn die Theorie, daß die großflächigen Banken – Bailouts durchlaufen würden, ohne daß irgendeine Rückwirkung auf die Sicherheit von Lebensversicherungen, Sparfonds und Spareinlagen entstehen würde, ist nie von überragender Überzeugungskraft gewesen (und der bundesdeutsche Hosenanzug auch nicht). Vielleicht für die „betroffenen“ Politiker, nur für die Finanzmärkte eben nicht. (Nur mal zur Erinnerung: Lebensversicherer haben Zeithorizonte von plus/minus 30 Jahren, was sollen sie da mit Politentscheidungen, die einen Tellerrand von 3 Jahren haben? Lebensversicherer sind das für die Ökonomie, was die Kirche für die Volksseele ist – und das nicht nur wegen des vergleichsweise ähnlichen Zeithorizontes.) Denn die Lebenslüge der Politik besteht doch seit (angeblich) Lehman darin, daß die Finanzanlagen der (eigenen) Bürger (vulgo: Sparer) vor jeder Entwertung zu schützen sind. Klingt erst mal plausibel, und hat den Effekt gehabt, daß das Vertrauen, was 20 Jahre in einen „effizienten“ Finanzmarkt gesetzt wurde, auf einmal von dem sonst so verpönten Staat garantiert werden sollte. Kurios nicht?
Was heißt das? Nun ganz einfach: Nachdem sich der Sparer hinter dem ungeliebten Staat mit seinen „Garantien“ verstecken konnte, stellt man jetzt fest, daß die Staaten mit ihrer langjährigen (wahlkampforientierten) Schuldenpolitik keine Reserven mehr haben, um sich selber zu retten. Woran liegt das? Auch ganz einfach: 1. Ersparnis KANN zu Investitionen führen, MUSS aber nicht. 2. Der positive Finanzierungssaldo eines Sektors führt unweigerlich zur Gegenposition des Komplementärsektors. Und möchte man die Gegenposition nicht im Unternehmenssektor haben, muß entweder der Staat oder das Ausland als Komplementärsektor einspringen. 3. Macht der Staat Schulden, weil die private Sparquote hoch ist, erzeugt er die (sogenannten) Q-Gewinne im Unternehmenssektor, die ihrerseits nach einer Geldanlage schreien und die sie in der Staatsschuld finden. Dann ist aber die logische Konsequenz 4: Der Finanzsektor, dermaßen aufgepäppelt setzt ALLES ein, damit dieser Kreislauf nicht ins Stocken gerät, auch wenn man sich ausrechnen könnte, oder wenigstens realistischerweise sich vorstellen könnte, daß aus Geldkreisläufen kein Nettoeinkommen erzielbar ist (Lester C. Thurow: The Zero-Sum Society) – denn Wohlstand läßt sich nun mal nur aus Produktion von Gütern und Dienstleistungen erzielen, eine Angelegenheit, welche die Banken sehr genau wissen, weswegen sie ihre Finanzverschiebegeschichten als „Produkte“ bezeichnen. Das hat nur noch was mit Mimikry zu tun. Vermögensstabilität wird jedoch von allen Finanzanlagefuzzis versprochen, obwohl sie inzwischen nicht mal mehr wissen, wie der (lächerliche) LV Garantiezins von 2.25% noch „garantiert“ werden soll.
Und auf einmal ist glasklar, was der Bankenbailout und jetzt der Staatenbailout bewirken soll: es geht darum, daß LV-, Spar- und Fondsanlagen großflächig gesichert werden sollen. Zum einen sind das diejenigen, die den größten Lobbyeinfluß auf die Politik haben. Zum anderen hat jede Politeuse einen Horror davor, erklären zu müssen, daß der Sparstrumpf geplündert worden ist. (Da sind die aktuellen Besoldungserhöhungen der Politik für sich selbst geradezu Peanuts.) Das darf nicht sein, jedenfalls nicht, solange die eigene Legislaturperiode dauert. Ansonsten gilt: nach mir die Sintflut.
Wer bleibt auf der Strecke? Na, wie immer der Bürger, der nichts absetzen kann.
Wo liegt jetzt der Hase im Pfeffer? Ganz einfach: der Sozialstaat, der bei erheblichen(!) Wachstumsraten noch finanzierbar war, gerät bei Nullwachstum sofort in eine Schieflage. (Nicht mißverstehen, der Sozialstaat ist für eine Geldwirtschaft – meist – die conditio sine qua non, das kapiert allerdings kaum jemand.) Und zwar deswegen, weil die – vermeintlich – notwendige, sozial verbrämte Schuldenpolitik postwendend die s.o. Q-Gewinne erzeugt, die nach einer soliden Verzinsung schreien. Dieser Kreislauf geht so lange gut, wie die Zinsbelastung des Staatshaushaltes nachhaltig ist (der Schwachsinn, von einer Netto-Rückzahlung zu reden, ist allerdings derzeit irgendwie en vouge). Die Finanzkrise hat diesen Kreislauf so etwa 15 Jahre in seiner Lebensdauer verkürzt. Das ist mittlerweile dem letzten blöden Versicherer klar geworden, so daß man sich nicht mehr wundern muß, warum auf die Bonität (da haben´s wir wieder) so viel Wert gelegt wird.
Und nun? Wo gibt es noch Renditen? Ach ja, im Dollarraum! Ach ja, und gleichzeitig ist der Dollarraum davon geprägt, das US-Defizit zu finanzieren. Ach ja, und die Chinesen haben auch keine Lust mehr, großflächig Dollar“wert“papiere zu kaufen. Oh, die EZB will (wollte) keine Staatsanleihen aufkaufen? Wo soll jetzt die Rendite her? Hmm, Dollarpapiere kaufen, aber wo bekommt man jetzt Dollars her? Ach ja, bei der EZB. Nur leider, ist für diese Kapitalflucht kein ausreichender Dollarbestand (mehr, aufgrund der Finanzierungsnotwendigkeiten der USA) vorhanden. Was muß man aus Sicht der EZB gegen diese „Spekulanten“ machen? Die Wertpapierbestände im Euro-Raum verkleinern, indem man Euro-Wertpapiere vom Markt nimmt und die übrigen in ihrer Bonität verbessert. Das entlastet die Staaten von ihrer (unmittelbaren) Schuldenlast – mit der EZB kann man ja verhandeln – und nimmt gleichfalls den Druck aus der Dollarnachfrage, die den Euro ein bißchen abwertet (wobei die Amis offenbar keine Lust haben, der EZB größere Dollarkontingente einzuräumen – ihr persönliches Pech). Und 750 Mrd. Euro sind ja für die Sicherheit der deutschropäischen Sparer nicht zuviel, oder?
Und die Lebenslüge? Hat was mit der Fehlinterpretation von I=S zu tun. Alternativ: Geld kann nicht „arbeiten“! Das ist eine Fehlinterpretation des Kapitalismus´. Wie kann man das begreifen? Nun, ein bißchen Kreislauftheorie, und alles wird gut…
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