23 Jahre nach erstem vollautomatischen Börsenkrach: Putzige Forderung nach Regulierung des Hochfrequenzhandels

by Dirk Elsner on 11. Mai 2010

Der Hochgeschwindigkeitscrash ist weiter Thema an den Finanzmärkten. Beim Hochfrequenzhandel werden Wertpapiere innerhalb von Millisekunden gekauft und verkauft werden. Gern wird es in diesen Tagen auch als Algorithmic Trading bezeichnet, wobei Handelsgeschäfte durch Programme ausgelöst werden, die nach quantitativen Methoden bzw. mathematischen Modellen automatisch Handelsentscheidungen treffen, ohne, dass menschlich eingegriffen wird.

In Verruf könnte der Hochfrequenzhandel durch eine Tatsache geraten, auf die zwei Autoren bereits im letzten Jahr auf risknet hingewiesen haben:

Was jedoch der ins Zwielicht geratenen Handelstaktik einen gewissen "Haut Gout" verleiht, ist die Tatsache, dass sich die Robotic Trader an der Wall Street einen kleinen unfairen Vorteil verschaffen. Ihr Sekundenhandel basiert auf Orderinformationen, die sie gegen eine Gebühr Bruchteile von Sekunden früher als andere erhalten. Bruchteile, die ausreichend sind, damit die hochgezüchteten Rechenkerne ihrer Computer eigene Orders um die entscheidende Millisekunde früher an den Markt schleusen können.

Von wem erhalten die Makler diese Orderinformationen? Die Informationen kommen von den Börsen selbst. Gegen eine Gebühr können Händler Orderinformationen von der NASDAQ vor anderen erwerben. 30 Millisekunden sind ausreichend, um diesen kleinen unfairen Vorteil in Millionen-Gewinne zu verwandelt.

Fast Putzig mutet es an, wenn jetzt die Börsianer selbst nach Regulierung rufen. Bei Spon ist dazu zu lesen:

“Jetzt schlagen selbst Börsianer Alarm: Nach den nie gesehenen Kursturbulenzen an der Wall Street am Donnerstagabend rufen selbst hartgesottene Aktienhändler nach der sonst so oft verschmähten ordnenden Hand des Staates. "Dieser Irrsinn schreit nach Regulierung", sagt Klaus Stabel von der Wertpapierhandelsbank ICF. Experten wie der Bankenprofessor Hans-Peter Burghof fordern schon länger härtere Auflagen für den computergesteuerten Handel und sehen sich jetzt in ihrer Einschätzung bestätigt. "Wir müssen Regeln finden, wie wir mit der zunehmenden Abhängigkeit vom computergesteuerten Handel umgehen," sagt er.”

Klar, dass der Computerhandel nun also wieder unter die Lupe genommen wird und neue Regelungen gesucht werden. Allerdings überrascht dies, weil die Tatsache, dass automatisiertes Programmtrading einen Börsenkrach auslösen kann, keineswegs neu ist. Der “Schwarze Montag” am 19.10.1987 gilt gemeinhin als der erste vollautomatische Börsenkrach. Dazu schrieb die FAZ vor einigen Jahren (Unterstreichungen durch Blick Log):

 

“An diesem "Schwarzen Montag" verlor der Dow-Jones-Index 22,6 Prozent – der mit Abstand größte Tagesverlust aller Zeiten. Nach den Erkenntnissen der amtlichen Untersuchungskommission unter dem ehemaligen Finanzminister Nicholas Brady trug zu dem Kurssturz vor allem ausgerechnet eine Finanzstrategie bei, die den Investoren eigentlich Schutz vor Einbußen hätte gewährleisten sollen, die sogenannte Portfolio Insurance.

Das Konzept der Portfolio Insurance baut auf dem finanzmathematischen Modell zur Bewertung von Aktienoptionen auf, das die Ökonomen Fischer Black und Myron Scholes 1973 veröffentlicht haben. Demnach lässt sich ein Aktienportefeuille mit geringen Kosten so steuern, dass es an Kurssteigerungen teilnimmt, gleichzeitig aber gegen Einbußen abgesichert ist – ähnlich wie über den Erwerb einer normalen Verkaufsoption. Eine Konsequenz des Modells ist freilich, dass die Manager von "versicherten" Portefeuilles Aktien nach einer bestimmten Formel in größerem Stil verkaufen müssen, wenn die Kurse fallen. Die Steuerung des Portefeuilles wird weitgehend auf Computer übertragen, die die Börsenkurse fortlaufend überwachen und dann gegebenenfalls automatisch Kauf- oder Verkaufsaufträge auslösen und elektronisch an die Börsen weiterleiten.”

Erstaunlich also, wie wenig die US-Märkte seit damals gelernt haben.

Siehe zum Börsenkrach von 1987 auch

NZZ: Der Börsencrash von 1987 – ein Schock für die damaligen Handelssysteme – Wenn grundlegende Marktmechanismen ihre Wirkung nicht mehr entfalten können (13.10.07)

Unifr: Eine Katastrophentheoretische Erklaerung des Boersenkrachs 1987

Telepolis: Von Kettenreaktionen, Spekulanten und  Aktiencrashs

FAZ: Ein Verlust von 22,6 Prozent an einem Tag (1.7.2007)

Diverse Artikel der NYT zwischen dem 19.10. und 21.10.1987

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