Talebs “Schwarze Schwäne” mit einer falschen zweiten Auflage in Deutschland

by Dirk Elsner on 20. Juli 2010

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Im März hatte der Blick Log bereit darüber berichtet, dass Nassim Nicholas Taleb an der zweiten Auflage seines “Schwarzen Schwans” arbeitet. In den USA ist das Buch bereits erschienen. In Deutschland soll laut Amazon “Der Schwarze Schwan – Konsequenzen aus der Krise” am 2. September erscheinen. Schade, denn für die Urlaubslektüre ist das zu spät.

Allerdings, und das ist äußerst ärgerlich, ist die deutsche Ausgabe keine echte zweite Auflage wie in den USA, sondern ein eigenständiges Buch, dass nur die neuen Ergänzungsabschnitte enthält. Taleb schrieb dazu auf seiner Webseite:

I added close to 100 pages to The Black Swan (new material On Robustness & Fragility) for the paperback version (May 2010). The addition will be published as a separate book Réflexions philosophiques in France (Les Belles Lettres) –as well as Italy, Russia,Germany, Finland, The Netherlands, Japan, etc.”

Änderungen im übrigen Teil des Buch (wie etwa hier dokumentiert) bleiben den deutschen Leser so verschlossen. Das Buch wird uns in der deutschen Ausgabe als Nachfolger zum Schwarzen Schwan verkauft und kommt laut Amazons Produktbeschreibung als Lektüre mit praktische Ratschlägen, wie man „Schwarze Schwäne“ besser verkraftet. Das klingt nicht gerade vielversprechend und steigert meine Skepsis. Ich weiche dann doch lieber auf die bereits erschienene US-Ausgabe aus und werde auf die deutsche Ausgabe verzichten. Und damit kann ich das Buch auch in den Urlaub mitnehmen.

Bei dieser Gelegenheit noch kurz zur Kritik an der ersten Auflage. Wenig überraschend ist, dass Taleb nicht unumstritten ist. Wikipedia fasst die Kritik gut zusammen:

“Talebs Vorbringen, dass sich Statistiker als Pseudowissenschaftler herausstellten, sobald finanzielle Risiken auftauchen, weil dann die Statistiker versuchten, ihre mangelnde Kompetenz durch komplizierte mathematische Gleichungen zu verdecken, hat allgemein Kritik von Statistikern hervorgerufen. Dabei hat die US-Statistiker-Vereinigung insbesondere Talebs Schreibstil und dessen Bezugnahme auf die statistische Literatur angegriffen. Robert Lund meint, dass Black Swan manchmal „unbekümmert vorgeht und zu großartigen Übertreibungen neigt; der berufsmäßige Statistiker wird das Buch für universell naiv halten“[23]. Für Aaron Brown scheint es, als ob „Taleb nie etwas von nicht-parametrischen Methoden, Datenanalysen, Visualisierungsinstrumenten oder belastbaren Schätzungen“ gehört habe[24]. Westfall und Hilbe beklagen trotz ihres Lobes, dass Talebs Kritik „oftmals unzutreffend und manchmal unerhört ist.“[25].”

Lesenswert ist die Kritik von Dr. Christian Donninger auf der deutschen Amazon-Seite:

“Taleb zeichnet eine Karikatur von moderner Statistik und haut dann fest auf diese Karikatur ein. Er argumentiert, dass sich die statistischen Techniken hauptsächlich um das arithmetische Mittel drehen und man dieses Mittel mit Hilfe der Normalverteilungsannahme schätzt. Aber das (Finanz-)Leben ist nicht Normalverteilt und es kommt nicht auf das Mittel sondern auf die Extremwerte (insbesondere negativer Natur) an. Tatsächlich trägt Taleb Eulen nach Athen. Es gibt eine umfangreiche statistische Literatur, die diese Probleme behandeln … .

Die Black-Scholes-Merton Formel ist die Standardformel zur Berechnung von Optionen. Diese Formel geht tatsächlich von einer Normalverteilung aus. Natürlich haben die Erfinder gewusst, dass die Returns (Gewinn/Verlust) von Aktien nicht Normalverteilt sind. Aber aus der NV-Annahme ergibt sich eine sehr einfache Formel. Die Formel hat sich durchgesetzt, weil man sie auch auf einem Taschenrechner leicht programmieren kann. Selbstverständlich wissen auch die Händler, dass die Formel nicht korrekt ist. Sie korrigieren die Formel durch den sogenannten Volatility-Smile. D.h. sie geben größere Parameterwerte ein um die „fat-tails“ zu kompensieren. P.Wilmott hat es in seinem Standardwerk über Finanzmathematik so auf den Punkt gebracht „Man gibt in eine falsche Formel falsche Werte ein um das richtige Ergebnis zu bekommen“. Es sind natürlich auch wesentlich komplexere Optionenformeln entwickelt worden. Von N.Taleb kenne ich keinen wissenschaftlichen Beitrag zu diesem Thema. “

Die Kritik von Donninger ist zwar nachvollziehbar. Das ändert aber nichts an der Philosophie, die hinter Talebs Denken steht und die er erst im Vergleich zu der trockenen Fachlektüre anderer Autoren populär gemacht hat. Taleb geht es nämlich darum, dass wir stets mit Ereignissen rechnen müssen, die wir nicht erwarten und die äußerst unangenehme Auswirkungen haben können. In der Berufs- und Alltagspraxis vergessen wir dies nur zu gern. Taleb ist nicht so naiv und glaubt, dass sich “Schwarze Schwäne” verhindern lassen. Er kritisiert in seinem Buch aber deutlich die “Experten”, die uns glauben machen wollen, dass es keine Schwarzen Schwäne gebe und falls es sie gäbe, dass man genau wisse, wie man damit umgehen könne.

Wie auch immer, ich will hier keine neue Rezension schreiben (eine Rezension der 1. Auflage aber hier von Weissgarnix), sondern mich einfach auf die zweite Auflage freuen.

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