In England erfindet sich das Banking neu: Metro Bank geht erfrischend anders an den Start

by Dirk Elsner on 2. August 2010

image

Ausriss aus der Homepage

Eigentlich wollte ich mich zu Beginn dieses Beitrags darüber aufregen, dass in Deutschland ein neues Konzept erst einmal lächerlich gemacht wird und die Gründungskultur hierzulande unter einer mangelnden Wahrnehmung und Anerkennung leidet. Seit über 100 Jahren ist in England vergangenen Woche die erste neue Bank an den Start gegangen, die Metro Bank. Und der FTD fiel nichts besseres ein, als einen entsprechenden Beitrag mit der Überschrift “Bank lockt Kunden mit Hundefutter” zu überschreiben.

Aber lassen wir diese ermüdende Kritik, denn in England kommt es fast einer Revolution gleich, wenn dort eine neue Bank gegründet wird. Der Mitgründer Vernon Hill hat mit seinem jüngsten Baby immerhin schon ein internationales Presseecho ausgelöst, um dass ihn die deutschen Neugründungen Fidor Bank und Noa Bank wohl beneiden dürften (siehe Presseschau unten).

Die Bank geht mit einer Service-Offensive an den Start. Dazu schreibt das Handelsblatt im Newsletter FinanceToday:

“Ein Jahrhundert lang hat sich keine neue Bank auf der Insel an den Start getraut, jetzt hat die Metro Bank die Durststrecke beendet und eine erste Filiale in London eröffnet – bis 2020 sollen 100 Standorte hinzukommen. Konzept: mehr Transparenz und besseren Service – sieben Tage die Woche geöffnet, Kreditkarten vor Ort binnen 15 Minuten, Frei-Kekse für Hunde, keine Sicherheitsglas-Scheiben. „Alles, was Sie an Ihrer bisherigen Bank hassen, wollen wir ändern“, so die Banken-Chefs Anthony Thomson (li.) und Vernon Hill (re.). „Hut ab für Mister Hill“, lobt der Economist die Bankengründung, die endlich für mehr Wettbewerb sorge. Auch Daily Mail freut sich über die wachsende Konkurrenz in einem Sektor, der viel zu lange die Kunden betrogen und ausgebeutet habe. Telegraph und MoneyWeek meinen, die Bank müsse mehr für die Sparer tun. Der Independent hält dagegen, dass dem Kunden der gute Service wichtiger sei als hohe Zinsen.”

Die Bank erhielt die Lizenz Anfang März und hat seitdem viel in Werbung investiert, um ihren neuen Ansatz bekannt zu machen. Die Bank tritt gegen echte Schwergewichte an: HSBC Holdings, Royal Bank of Scotland Group PLC und Lloyds Banking Group. Aber diese Institute haben gerade in England viel Vertrauen durch die Finanzkrise verspielt, im Wettbewerb dominieren sie freilich noch den Markt.

Die Bank will vor allem mit Service punkten und setzt neue Benchmarks für Öffnungszeiten und Bearbeitungsgeschwindigkeit. Kritisiert wurden dagegen die niedrigen Zinssätze für Einlagen. Die Kritiker übersehen dabei freilich, dass über dem Marktzins liegende Zinssätze wegen des damit verbundenen höheren Risikos erst recht Anlass zur Kritik gegeben hätten.

Kapitalausstattung

Gründer Hill hat Erfahrungen mit Bankgründungen. In New Jersey hat er 1973 die Commerce Bancorp mit neun Mitarbeitern und $ 1,5 Mio. $ Kapital gestartet. 2007 hatte das Institut 500 Niederlassungen und 15.000 Beschäftigten. Die Bank wurde 2007 verkauft für 8,5 Mrd. $ an die Toronto-Dominion Bank und firmiert seitdem unter diesem Namen. Hill hat für seinen 5% Anteil über 400 Mio. $ erlöst.

Man darf gespannt sein, wie sich der Newcomer entwickelt. Mindestens einen großen Vorteil hat die Metro Bank im Vergleich zu den Newcomern in Deutschland: Die Bank ist gut mit Kapital ausgestattet. Reuters hat herausgefunden, dass das Institut mit 75 Mio. Pfund gestartet ist mit Investments u.a. von Fidelity, Reuben Brothers und dem New Yorker City Immobilienentwickler Richard LeFrak. Bis Ende 2011 wird mit einer Untergrenze beim Tier 1 Kapitalverhältnis von 6% gerechnet.

Organisation und Technik

Über die eingesetzte Technik habe ich derzeit keine Informationen. Aber ich vermute einmal, die Metro Bank hat hier den Vorzug und kann bei Null anfangen, muss sich also nicht mit einer veralteten IT-Landschaft herumschlagen. Nach meiner Auffassung startet eine Bank heute, vor allem wenn sie moderne und innovative Prozesse vorweisen will, besser mit einer frischen IT-Infrastruktur. Dazu kauft man entweder eine Standardlösung am Markt oder entwickelt mit Hilfe flexibler Tools wie KonTra von Supra Quam eigene Anwendungen. Klar, ist auch ein Outsourcing der Abwicklung denkbar, dies schafft jedoch eine Abhängigkeit von der Technik des Providers und will gut überlegt sein.

Epilog zum Medienecho

Wie schon erwähnt, ist das internationale Presseecho gewaltig. Das zeigt nicht nur die Presseschau unten, sondern auch die Suche bei Google News. Dem Start hilft das natürlich. Achtung Medienkritik: In Deutschland dürfen Neustarter im Finanzbereich von einem solchen Presseecho nicht einmal träumen. Die Vorhut im hiesigen Finanzwesen, dazu gehören neben den schon erwähnten Banken auch Smava, Seedmatch, Investtor und Sharewise kommt vielleicht in der Summe seit jeweiliger Gründung auf die Anzahl der Pressemeldungen, die die Metro Bank mit dem Start generiert hat. Und wohl typisch für unser Land. Während der Neustart ignoriert wird, werden Probleme der Newcomer gern ausführlich und teilweise sogar hämisch kommentiert. Das zeigt sich nicht zuletzt bei den Problemen, mit denen die Noa Bank zu kämpfen hat.

Meldungen

BBC mit Video: Metro Bank: Sublime or ridiculous?

Bloomberg: Metro Opens First New UK Consumer Bank Since 1872

FT: Metro bank opens its doors in the UK

Finanznachrichten: Metro-Bank bringt frischen Wind auf den britischen Privatbankenmarkt

Stern: Erste neue Bank in Großbritannien seit über 100 Jahren eröffnet

WSJ: Metro Bank Opens Its Door In Bid To Change Face Of UK Banking

Guardian: Metro Bank launch: even the dogs are on-message

Der Standard: Erste britische Bank seit 100 Jahren eröffnet

Economist: Chapeau Mr Hill

Und noch mehr: Washington Post, CNN Daily, Telegraph, MoneyWeek, Daily Mail, Independent, Independent 2

Previous post:

Next post: