Zählt für Zukunft von Karstadt nur die Größe und wo bleibt die Fantasie der „Experten“?

by Dirk Elsner on 10. September 2010

Harrod's butcher decor

Erlebnisshopping bei Harrod´s (Foto: flickr/misocrazy)

Der „obdachlosen Milliardär“, Nicolas Berggruen, hat also Karstadt gerettet, vorerst zumindest, wie viele Fachleute mutmaßen. Wie es tatsächlich weiter geht, ist derzeit Gegenstand von Spekulationen. Besonders den “Experten” aus dem Warenhaussektor fehlt aber offenbar die Fantasie zur Zukunft der einstigen Warenhausikone.

Fachleute aus der Branche betonen nämlich das “vorerst” besonders. Sie bezweifeln, dass die Karstadt-Häuser unter dem neuen Investor plötzlich florieren werden. “Warum für Karstadt nun alles besser werden sollte,” fasst das Handelsblatt Reaktionen der Bedenkenträger zusammen “ist schwer ersichtlich. Noch immer sei der deutsche Markt für zwei Warenhausketten dieser Größe zu klein, heißt es in Metro-Kreisen. Hinzu kommt, dass Berggruen nur relativ wenig Geld in die Hand nehmen will. Zu wenig, lästern etliche in der Branche und bezweifeln, dass Berggruen die Sanierung im Alleingang gelingt.” Auch in Beraterkreisen erwartet man, dass Karstadt und Kaufhof wieder aufeinander zugehen und den “Traum von der Warenhaus AG verwirklichen.

Es mag sein, dass es so kommt und Berggruen (hier Porträt der FR) Karstadt nach erfolgreicher Senkung der Mieten und Befreiung von einem Teil der Schulden einfach nur “durchhandelt”. Niemand kennt aber derzeit die wirklichen Absichten von Nicolas Berggruen, dem “Finanzinvestor mit dem Sinn fürs Schöne”. Fest dürfte nur stehen, dass er mit der Karstadt-Transaktion in welcher Form auch immer Geld verdienen will und das Warenhaus nicht als Kunstobjekt ansehen will.

In den kommenden Tagen will Berggruen seinen Master-Plan für Karstadt vorstellen. Ich bin gespannt, wie der internationale Finanzinvestor, der selbst von sich sagt, er verstehe nichts vom operativen Geschäft, die 70 Mio. € investieren wird, die er zusätzlich einzahlt. Den Zusammenschluss eines erstarkten Karstadt mit Kaufhof schließt er nicht aus und sieht darin im Interview mit dem Handelsblatt sogar eine “industrielle Logik”.

Ich traue Berggruen aber mehr zu als eine quicke Sanierung und glaube nicht, dass in Deutschland nur Platz ist für eine Warenhaus AG ist. Gut denkbar, dass er aus dem Backfischimage von Karstadt wirklich etwas anrührt, was so manch einen der professionellen Bedenkenträger überraschen wird. Der Jetsetter unter den Finanzinvestoren scheint mir jedenfalls deutlich mehr Fantasie zu haben, als die Konkurrenten von Kaufhof oder so manch einem selbsternannten “Experten”. Warum nur Platz für ein Warenhaus-Konzern in deutschen Innenstädten sein soll, hat sich mir logisch nicht erschlossen.

Mir ist nur klar, dass für Häuser mit dem jetzigen Charme von Karstadt und Kaufhof im Prinzip gar kein Markt mehr existiert, weil man dort aus vielen Gründen nicht mehr gern einkauft. Ich verstehe aber den Ansatz von Berggruen der sagt, das Kaufhauskonzept muss “neu gedacht werden.” Er führt dafür in England die Beispiele Harrod’s, Marks & Spencer, Debenhams oder Selfridges an, die sich auch erneuert haben.

Wie in England existieren in den USA verschiedene Kaufausunternehmen nebeneinander. Wer schon einmal in New York shoppen war, der weiß, dass dort verschiedene Ketten durchaus unterschiedliche Zielgruppen ansprechen und jeweils gut leben können. Ich nenne hier einmal Macy’s, Bloomingdales, Saks 5th avenue oder Bergdorf Goodman, die jeweils eigene Klientel bedienen.

Warum also viele “Fachleute” immer nur Größe und Zusammenschlüsse als “industrielle Logik” denken, konnte ich schon bei VW und Porsche nicht nachvollziehen. Berggruen will den Kunden ein Erlebnis bieten und glaubt, dass so etwas funktioniert. Das erscheint jedenfalls nachvollziehbarer, als aus zwei staubgraue Warenhausunternehmen einen mausgraue Warenhaus AG zu formen. Und niemand hat gesagt, dass dies leicht ist. Aber Berggruen vermittelt in seinen persönlichen Auftritten eine Leichtigkeit, die den professionellen Grausehern fehlt und die er damit überraschen könnte.

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