Skandal oder Skandalisierung: HSH-Nordbank mit Nonnenmacher im Gefangenendilemma

by mnockerl on 10. November 2010

Der Kampf um die Verantwortung und Leitung der HSH Nordbank hat sich in den letzten Wochen erheblich zugespitzt und gipfelte nun darin, dass die Politik den Vorstandsvorsitzenden der HSH Nordbank, Dirk Jens Nonnenmacher, aus der Bank drängt. Das mediale Dauerfeuer der letzten Monate (hier dokumentiert) konnte heftiger nicht sein.

Die zum Teil sehr unappetitlichen Details sollen hier weder wiederholt noch bewertet werden. Angesichts des unhanseatischen Dauerbeschusses wird man den Eindruck nicht los, dass "interessierter Kreise" aus welchen Gründen auch immer eine Tragödie inszeniert haben. In der vorläufig letzten Folge der aktuellen Staffel wurden dazu die Verantwortungsträger der Bank im Aufsichtsrat und Vorstand sturmreif geschossen. Die Motive der Beteiligten bleiben dabei im Nebel der öffentlich gestreuten Vorwürfe und Verteidigungslinien, die allenfalls einen Teil der Wahrheit sein können.

Das Haus, dessen Mitarbeiter unbedingt eine Phase der Stabilisierung und Ruhe verdienen würden, befindet sich in einem Gefangenendilemma, in dem die beteiligten “Spieler” die nicht kooperative Strategie gewählt haben. Solche Gefangenendilemma-Situationen sind kurz gefasst Situationen, in denen jeweils opportunistisches Verhalten von zwei oder mehr Partnern in der Summe zu Nachteilen für alle Spieler führt.

Das Paradoxe aber wohl auch das Realistische am Gefangenendilemma ist, dass dadurch gezeigt wird, dass es für einzelne Spieler durchaus rational sein kann, unter bestimmten Bedingungen nicht zu kooperieren, sondern zu “defektieren”, wie es so schön in der Literatur heißt. Der einzelne Spieler fährt unter den Modellbedingungen also besser, wenn er nicht kooperiert. Das Modell zeigt aber auch, dass alle Spieler sich in der Summe schlechter stellen, wenn keiner kooperiert (siehe ausführlich zum Gefangenendilemma diese Seite von Christian Rieck). Und genau dies dürfte mittlerweile in dieser norddeutschen Tragödie der Fall sein, denn ist nicht erkennbar, wer hier noch profitiert.

Das Defektieren im Falle der HSH Nordbank funktioniert nach Maßgabe der Medienschlagzeilen durch Verhalten wie “Schuld von sich weisen”, “seine Weste reinwaschen”, “Verantwortung für schlechte Geschäfte auf andere abschieben”, “unbequeme Führungskräfte loswerden”, “Vorwürfe gegen die Vorstände und Aufsichtsräte lancieren”, “Einschüchterungen” und, und, und. Und klar ist, egal ob Person oder Institution, jeder der in diesem Spiel angegriffen wird, wehrt sich, um persönliche Nachteile abzuwehren und versucht  mit Untersuchungsausschüssen, Lancierung von Informationen an die Presse, juristischen Gutachten und Gegengutachten die Korrektheit der eigenen Position zu zeigen. In dieser Posse nehmen alle Beteiligten großen Schaden und niemand gewinnt Glaubwürdigkeit.

Für Außenstehende ist das Geflecht um die unterschiedlichen Positionen und Vorwürfe schon lange nicht mehr nachvollziehbar und führt in der Summe zur Schädigung des Instituts, dessen Mitarbeiter und Führungskräfte unter dieser Rufschädigung leiden. Das Ergebnis dieses Spiels ist kaum der Humus, aus denen das Institut zu neuer ökonomischer Blüte wachsen kann. Das Haus jedenfalls kommt so nicht aus dem Gefangenendilemma heraus. Man kann es auch mit dem Hamburger Abendblatt v. 4.11. so schreiben: "Gewinner wird dieses Schauspiel nicht mehr hervorbringen. Es geht nur noch darum, wer wie hoch verliert."

Die Spieltheorie zeigt übrigens diverse Wege aus dem Gefangenendilemma auf. Robert Axelrod hat sich ausführlich in seinem Klassiker “Die Evolution der Kooperation” damit befasst. Das Stichwort lautet hier Kooperation, soll hier aber nicht weiter das Thema sein.

Unabhängig vom Wahrheitsgehalt der Informationen und Gerüchte lässt die Veröffentlichungsdichte der letzten Monate die Frage aufkommen, woher die Insiderinformationen stammen und ob sich gar Medien von “interessierten Kreisen” instrumentalisieren lassen und sich zu wenig fragen, wer hier aus welchen Motiven ihnen Informationen zuspielt. Werden den Medien gar gezielt Insiderinformationen in wohldosierten Dosen gesteckt, um die Berichterstattung über die Bank am Kochen zu halten? Oder handelt es sich tatsächlich um die Ergebnisse journalistischer Arbeit? Haben wir es hier wirklich mit einem Skandal zu tun oder werden hier nicht Interna, die man im Zweifel in fast allen Unternehmen findet, gezielt aufgeblasen, weil HSH-Bashing immer noch angesagt ist?

Das sind Fragen, die sich wohl nicht nur die Mitarbeiter der Bank stellen. Und gerade an die Mitarbeiter scheint offenbar keiner der Berichte zu denken. Ich weiß nicht, ob die Diagnose der FTD, “in der HSH herrsche ein Klima der Angst”, zutrifft, viele Mitarbeiter dürften sich aber sehnlichst eine andere Darstellung der Bank in der Öffentlichkeit wünschen. Das Personal der HSH Nordbank jedenfalls kämpf intensiv und engagiert für ihr einst so renommiertes Haus, das noch vor gut zwei Jahren die Fusion der Hamburgischen Landesbank und der Landesbank Kiel mit dem Börsengang krönen wollte. Und niemandem ist gedient, wenn dieses Potential auch noch verloren geht.

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