Irland: Ende einer grotesken Party – Teil II

by Marsman on 9. Februar 2011

Dieser Gastbeitrag von dem in Irland lebenden Marsman* knüpft direkt an den ersten Teil von vergangener Woche an.

imageAls eine der sichtbaren Folgen des früheren Irrsinns in Irland entpuppten sich eine ganze Reihe der einst als high net worth individuals Bezeichneten Schuldenkaiser, Leute, denen die Banken in grenzenloser Leichtfertigkeit jede Menge Kredit gewährt hatten. Für längere Zeit schafften es viele dieser nunmehrigen Schuldenkaiser unbekannt zu bleiben, wiewohl sie wegen ihrer Beteiligung an der Bankenmisere zu einem riesigen Kostenfaktor für die Steuerzahler wurden. Die Regierung verweigerte Auskünfte darüber, wer diese Leute des golden circle waren. Das war ein Skandal für sich.

Ein Beispiel dieser jetzt bekannt werdenden Schuldenkaiser ist ein Ehepaar das sich mittels Krediten ein immenses Immobilienportfolio zulegte und jetzt mit € 800 Millionen in der Kreide steht. Ein anderer Fall der zurecht für Aufsehen sorgte ist der Nordire Sean Quinn und dessen Familie, der ein Versicherungsimperium aufbaute und zum Kreis des einst geheim gehaltenen golden circle gehörte und jetzt mit wenigstens € 2,4 Milliarden ein allgemeines Problem darstellt.

Der Professor für Englisch, Declan Kiberd, schrieb dazu in einer sehr interessanten Analyse der letzten Jahre, der Celtic Tiger Jahre, unter anderem:

"Ireland is at present immobilised by what Francis Wheen has called “process morons with Blackberries and iPhones”. They assumed critical mass in the years of the Tiger, frustrating many people both inside and outside the public services. … These were the years in which gobbledegook about a “stakeholder economy” and a “stakeholder society” was cut and pasted into every second press release. The new mantras were all about “centres of excellence”, “innovation” and “smart economy”. PR smoothies, who wouldn’t be found near a church on Sundays, ransacked the language of religion for “mission statements” and “ethical testing”."

Eine Groteske war das ausgesprochen unsachliche, unprofessionelle Niveau all dessen, was mit Börse und Investitionen zu hatte. Die allgemeine Orientierung oder Modus entsprach den Wetten für Pferde- und Hunderennen. Auf solchem Niveau spekulierten viele, natürlich auch die Kleinanleger, eine Unbedarftheit und "half wittedness",  die ihnen dann entsprechend viel Geld kostete. Auf das Problem mit den Medien, die als Cheerleader fungierten, wurde schon hingewiesen. Hinzu kam noch, dass viele Deals, Projekte, die von Politikern und deren Geschäftspartner zustande kamen, bei Treffen auf den Pferderennbahnen, die hoch populär waren und zu denen mit Helikoptern eingeflogen wurde. Falls die Mühlen mal nur ein paar knirschende Drehbewegungen machen ist es wahrscheinlich dass irgendwer wegen irgendwas solchermaßen zustande Investmentdeals, Bauaufträge oder was auch immer in die Strafrechtspflege übernommen wird.

Ein anderes Problem war das hohe Preisniveau im Einzelhandel und den Supermärkten. Die Preise in den Supermärkten sind hier um etwa 60% höher als zum Beispiel im benachbarten Nordirland und Großbritannien, abgesehen von den Ländern am Kontinent. Es gab zurecht immer wieder Aufregung und die Anprangerung des "rip off" in Irland. Die Gewinnaufschläge waren hier um etliches höher als anderswo. Das Geschäftsmodell mit sehr hohen Gewinnmargen scheiterte denn auch an sich selber.

Sehr viele Läden mussten dicht machen. Hinzu kam dass die Preise für gewerbliche Mieten, Geschäftslokale, Lagerräume Büros, teilweise dreimal so hoch waren und manchmal auch noch sind als etwa in Holland. In Dublin Citz beispielsweise gibt es nunmehr jede Menge Schilder mit "Shop to let" vor leeren Geschäftsräumen. Insbesondere seit der akut gewordenen Wirtschaftskrise entwickelte sich ein regelrechter Einkaufstourismus nach Nordirland, vor allem auch zu Weihnachten. Viele Frauen, vor allem jüngere, die sowohl ein gewisses Modebewusstsein wie Bewusstsein für ihre Geldbörse hatten, fuhren nach Belfast. Dort waren die Preis für genau die selben modischen Stücke um bis 70% billiger. Man schlitterte oft genug sehende Auges, alles Sachliche wie auch das Kundenverhalten ignorierend und verdrängend, in die Krise, das Ende des eigenen Geschäfts. Gleichzeitig damit krachten denn auch etliche Immobilienfonds zusammen, die auf den viel zu hohen Mieten aufbauten. Beispiel einer fatalen Geschäftsstrategie ist etwa

Arnotts, ein Warenhaus, das, eigentlich gesund, am Immobilienmarkt verdienen wollte.  So manche mittlerweile leerstehende Büros, die einst von Anlageberatern und Fondsmanagern gemietet wurden, wo gerade nochmal Markisen mit einem Firmenlogo hängen, bieten sich deswegen als Studien- oder Meditationsobjekte an. Was einst viel Lärm und Wirbel machte ist schlichtweg nicht mehr existent. Die Frage was mit dem Geld der Anleger wurde? Nobody knows, that`s gone.  Mit anderen Worten, es ergibt sich zwangsläufig eine Anpassung, ein Rest, auf ein normaleres, realistischerer Niveau.

Aldi und Lidl, die deutschen Supermärkte, die auch hier vertreten sind, können sich schon länger über wachsenden Zulauf und teilweise Wertschätzung freuen, als sie mit ihren Preisen den anderen Supermärkten Grenzen bei den Preisstrategien setzen. Ebenfalls wachsenden Zulauf haben offensichtlich die kleinen Märkte und Straßenverkäufer. Die haben bei Obst und Gemüse mindestens so gute wenn nicht bessere Qualität als Supermärkte und sind zudem oft erheblich billiger. Es ist eine Entwicklung die oft genug begleitet ist vom Jammer derer, die mit Schuld an all dem sind und der schafsköpfigen Überraschung jener, deren Strategie der allzu dummen Geldgier in einer Pleite endet. Begleiterscheinungen und Assistenten dabei sind die schon erwähnten Medien, als Produzenten eines kleineren Narrenahauseffekts. Die Zeitungswerbung beispielsweise kostet ebenfalls bis zu dreimal mehr als in Großbritannien und daher stammt wohl auch deren Qualität dass sie, boshaft bemerkt, das schlechte Wetter hier um bis zu vier- oder fünfmal teurer verkaufen halfen als es in Nordirland kostet. Das die Geldgier eine Sünde, und zwar eine saudumme Sünde ist, ist mittlerweile vor allem bei normalen Menschen durch.

Und so ergibt sich ein recht buntes Bild. Als vor etlichen Wochen der Bailout für Irland ausgehandelt wurde, die Katastrophenmeldungen, die Klagen und der Jammer seinen Höhepunkt erreicht hatten, schien es oft genug so als wäre nun wirklich alles aus und vorbei. Da meinten manche schon, dass es nun wirklich mit allem zu Ende sein würde, unmittelbar das Elend ausbrechen werden würde. Nur um dann die überraschende Beobachtung zu machen, dass das Leben vor allem die individuelle Ökonomie irgendwie weiter geht. Die Leute gingen weiterhin genauso einkaufen, die Pubs wurden wohl leerer aber das war ohnehin ein längerer Trend, bevölkerten aber die Cafes und Delis genauso wie immer. Anhand dieser ersichtlichen Situation wurde dann vielen bewusst dass die Sparguthaben in Irland ziemlich hoch sind. Viele Iren waren und sind Sparmeister, haben ihr Geld nicht verplempert, oftmals fast zu knausrig jeden Euro umgedreht. Es drängte sich die ganz richtige Einsicht auf, dass wohl der Staat irgendwie pleite ist, finanzielle Probleme hat, aber nicht die individuellen Personen. Die haben bei all dem Luxuskonsum und verrückten Spekulationen nicht mitgemacht. Die Stimmung zu Weihnachten war, und das war wirklich bemerkenswert, so angenehm und unversaut wie noch nie. Das mag begünstigt worden sein durch den für Irland ungewöhnlichen Schneefall in der Zeit. Der Schnee legte vieles lahm, viele mussten ihr Auto stehen lassen und die Kinder spielten auf der Spase, hatten ihren Spaß und Freude am Schnee. Die draußen vergnügt spielenden Kids haben wohl viele ältere Menschen mental aufrecht gehalten, ganz unbeabsichtigt zu manch besserer Einsicht verholfen.

Ein anderer positiver Aspekt ist die Außenhandelsbilanz. Irland exportiert mehr als es importiert. Ein Umstand der das Land vor dem totalen Staatsdesaster bewahrt. Wobei diese positive Bilanz durch internationale Firmen zustande gebracht wird. 91% der Exporte werden von ausländischen Firmen getätigt. Das Exportvolumen stieg im Gegensatz zur inländischen Wirtschaft im Laufe der letzten stetig. Diese Firmen stellen ein mit ihren Erfolgen recht deutliches Beispiel dafür dar, wo es realistisch lang gehen kann, nämlich solider Erwartungen, Kundenorientierung  und konsequenter täglicher Arbeit, fernab aller Partys. Irgendwann wird es vielleicht wieder mal zu einem langsamen Wirtschaftswachstum kommen sobald eine realistische Basis erreicht ist, zum Beispiel den Mietpreisen. Im Laufe der letzten Jahre, insbesondere im letzten Jahr, ist vieles zu einem Stillstand gekommen, es gab eigentlich nur Geschäftsschließungen aber kaum Neugründungen.

Am 25. Februar gibt es Wahlen, die nächste Regierung wird gewählt. Von der regierenden Fianna Fail Partei wird erwartet dass sie dabei herbe Verluste erleidet. Diese Partei hat in der Tat auch ein ellenlanges Sündenregister. So gab es bis jetzt kein einziges Strafverfahren, ja nicht mal eine Strafanzeige, gegen einen der verantwortlichen Bankmanager. Eine andere Unsitte war deren Untätigkeit bei allen wesentlichen Angelegenheit. Das einzige wozu sie gut waren war Neuwahlen so lange wie möglich hinauszuzögern und damit an der Macht, das heißt Entscheidungspositionen zu verbleiben und die Dinge einfach treiben zu lassen. Dieser einzige Umstand allein war wohl wesentlich dabei dass Irland eines Bailouts bedurfte. Eine Regierung kann durch Untätigkeit allein wirklich großen Schaden verursachen. Eine kurze Darstellung, einen Rückblick auf das was diese Partei und Regierung so verbrochen hat, erfolgt am besten nach den Wahlen, nach der wahrscheinlichen Wahlniederlage. Dann liest sich das alles etwas erträglicher.

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