Deutsches Wirtschaftswunder ohne Unternehmenskredite! Geht das?

by Dirk Elsner on 25. Mai 2011

In Deutschland boomt die Wirtschaft. „Deutsche Wirtschaft lässt Krise weit hinter sich„, titelte gestern das Handelsblatt auf seiner Webseite. Die Wirtschaftsleistung knüpft damit noch schneller als erwartet an die Leistung von Anfang 2008 an. Erstaunlich ist dagegen, dass dieses Wachstum weiter faktisch ohne Kreditwachstum stattfindet, wenn man auf Daten im Monatsbericht der Bundesbank (Anhang S. 32) schaut.

Auch die Daten, die die Kreditanstalt für Wiederaufbau im März zum Kreditmarktausblick veröffentlichte, sprechen eine klare Sprache. Danach ist das Wachstum im Kreditneugeschäft deutscher Banken mit inländischen Unternehmen und Selbstständigen weiterhin negativ. Zwar ist die Dynamik des Rückgangs weit von den hohen zweistelligen Schrumpfungsraten im Winterhalbjahr 2009/2010 entfernt, jedoch liegt das Neugeschäft weiterhin unter dem Niveau des Vorjahres.

Das Handelsblatt sieht bereits einen Aufschwung, der an den Banken vorbei geht. Michael Kemmer, der Hauptgeschäftsführer des Bankenverbandes, glaubt, die Ursache dafür liege an der guten wirtschaftlichen Lage und den deutlich verbesserten Innenfinanzierungsmöglichkeiten.

Ich glaube dies nicht, denn der jetzige Aufschwung kann in der Breite nicht allein durch die Innenfinanzierung ermöglicht werden. Durch die Finanzkrise haben die Möglichkeiten der Innenfinanzierung im Jahre 2009 außerdem deutlich abgenommen, stellte die Bundesbank in ihrem Monatsbericht aus dem Dezember fest.

Wenn der Zusammenhang Gewinnwachstum = verbesserte Innenfinanzierung = weniger Kreditaufnahme stimmen sollte, dann müsste man sich fragen, warum die Kreditvergabe in den wirtschaftlich fetten Jahren nicht noch viel stärker abgenommen hat. Angeblich würden Banken derzeit ihre Kredite nicht los werden. Umgekehrt höre ich immer wieder aus Unternehmen von Problemen bei der Kreditbeschaffung und restriktiven Kreditbedingungen, die sich immerhin behutsam wieder zu lockern scheinen. Dies gilt vor allem dann, wenn die Kreditvergabe auf Basis wirtschaftlicher Daten und/oder mangels ausreichender Sicherheiten nicht in dem gewünschten Umfang erfolgt.

Klar, die Banken müssen nach den Erfahrungen der Finanzkrise und in der Erwartung des Inkrafttretens von Basel III Kredite deutlich restriktiver vergeben. Das gefällt vielen Unternehmen nicht. Daher haben in den letzten zwei Jahren weniger die Innenfinanzierungen, dafür aber alternative Finanzierungsquellen für neue Mittel gesorgt. So entwickelt sich der Anleihemarkt auch für größere mittelständische Unternehmen zu einer interessanten Alternative. Freilich wiesen auch hier die vorläufigen Zahlen 2010 eine rückläufige Tendenz im Vergleich zu 2009 auf.

Der deutsche Aufschwung gibt uns also ein Rätsel für 2011 auf, denn er findet bei stark rückläufiger Fremdfinanzierung ohne Banken und den offiziellen Finanzmarkt statt.

Die zum Teil schlechten Erfahrungen mit ihren Hausbanken haben viele Unternehmen nach Alternativen suchen und diese auch finden lassen. Hier hat die Optimierung des Working Capitals für einen geringeren Kreditbedarf gesorgt. Daneben generierten die Unternehmen nach Angaben der Bundesbank neue Finanzmittel aus „verdienten“ Abschreibungen. Das bedeutet aber im Klartext, dass Unternehmen weniger investieren, da die Abschreibungen höher sind als die Ersatzinvestitionen.

Interessant dürften die noch nicht für 2010 vorliegenden zusammengefassten Daten sein, in welchem Umfang sich Unternehmen untereinander finanzieren. Aus der Praxis höre ich immer häufiger von der Wiederbelebung längst vergessener Instrumente. Dazu gehört insbesondere die Warenfinanzierung über Wechsel. Dies ist nicht unplausibel, denn liquide Lieferanten, die ihre Kunden gut kennen und einschätzen können, generieren daraus zusätzliche Finanzerlöse. Und die sich so refinanzierenden Unternehmen zahlen weniger Zinsen, als für ihren Kontokorrent-Kredit und sparen sich die mit Bankfinanzierungen verbundenen Einschränkungen.

Und dennoch bleiben Fragezeichen, wie ein vergleichsweise kräftiges Wachstum bei rückläufigen Finanzierungsvolumen gestemmt werden kann. Eine längere Investitionspause jedenfalls könnte die Träume vom dauernden Wachstum schnell wieder platzen lassen.

JM Mai 26, 2011 um 14:52 Uhr

Es gab zu dem von Ihnen angesprochenen Rätsel bereits 2009 eine interessante Studie zur Erklärung des Credit-less recovery:

http://www.dnb.nl/binaries/Working%20paper%20218_tcm46-220409.pdf

nigecus Mai 25, 2011 um 23:07 Uhr

Beim Lesen des Eintrags kam mir das Wort Produktionskapazitäten in den Kopf. Diese wurden ja bei der letzten Konjunktur hier und da erhöht (ca. ’05 bis ’08). Für sowas braucht man dann vor allem viel langfristigen Kredit. Nur war der Einbruch der Auftragseingänge ab ’08 bis ’09 wirklich historisch groß (absolut und auch relativ). In den letzten beiden Jahren gab es daher auch garkeinen Grund viel Geld (=Kredit) für Produktionserweiterungen (neue Anlagen, etc.) in die Hand zu nehmen.

Daneben ist das Zinsniveaus schon abgesackt. Da kommt es dann wieder darauf wie vorher Kredite ausgestattet waren (z.B. Fixed vs Floater, Laufzeiten, vorzeitige Tilgung, etc.), die firmenspezifische Finanzstärke (Kann man halt nicht Verallgemeinern) und die Cleverness des Finanzchefs.

Das sind jetzt zwei Argumente, die nicht wirklich dafür sprechen, dass ein Kreditboom in den letzten zwei Jahren nötig war. Knifflig wird es erst wenn (1) die Masse der Kredite des letzten Konjunkturaufschwung refinanziert werden müssen, (2) Gedanken über Kapazitätserweiterungen sich rechnen könnten. Nach meiner Einschätzung (Achtung:Prognose) fällt das in jenen zukünftigen Zeitraum, wenn all die neuen Regulierungswerke auf europäischer und nationaler Ebene ihre volle Wirkung entfalten. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Da sollten Firmen lieber eine Menge Eigenkapital haben, und auf kurzfristige steuerliche Nichtbegünstigungen pfeifen.

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