(K)eine Rettung für Griechenland und was über die Kosten geschrieben wird

by Dirk Elsner on 24. Mai 2011

Am vergangenen Wochenende stolperte ich über den leider letzten Eintrag im Blog Zeitenwende.ch, den Hansruedi Ramsauer unter dem Titel “Keine Rettung für Griechenland?” verfasste. Damals ging es noch um die Frage, ob die EU und andere Institutionen ihre finanzielle Kraft überhaupt für Griechenland einsetzen sollten. Seit Januar 2010 ist bekanntlich viel passiert und noch mehr geschrieben worden. Aber eigentlich sind wir, so scheint es, immer noch nicht richtig weiter gekommen.

Mittlerweile gibt es eine wohl auch für Griechenland selbst kaum noch zu ertragende Debatte über den Zustand des Haushalts und über eine mögliche Umschuldung der staatlichen Verbindlichkeiten. So eindringlich viele Ökonomen für eine “Restrukturierung” der griechischen Schulden plädieren, so engagiert lehnen Politik und staatliche Institutionen dies ab. Die Debatte mutet dabei recht kurios an, weil immer nur von Interessen dominierte Einzelargumente in die Diskursarena geworfen werden. Dabei wird uns vollhaftenden Steuerzahlern viel Blödsinn vermittelt, wie etwa dass von der Rettung Griechenlands die Zukunft des Euros abhänge.

In der vergangenen Woche bemühten sich immerhin die Frankfurter Allgemeine Sonntags Zeitung und die Wirtschaftswoche um etwas mehr Objektivität. Die FAZ ließ vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung die Kosten für den deutschen Steuerzahler für verschiedene Szenarien ermitteln (Details in “Was kosten uns die Griechen?”):

  1. 19,2 Mrd. im Szenario 1: Weitere Finanzhilfen, keine Umschuldung, Druck zur Privatisierung, Griechenlands Konjunktur erholt sich, das Land kehrt 2015 an die Kapitalmärkte zurück und kann auf einen Schlag alle Schulden an die EU zurückzahlen
  2. 38,0 Mrd. im Szenario 2: Weitere Finanzhilfen, keine Umschuldung, Griechenland erholt sich nicht und zahlt 2015 nur 1/3 seiner Schulden an die EU zurück, der Rest wird erlassen
  3. 56,1 Mrd. im Szenario 3: Weitere Finanzhilfen, keine Umschuldung, Griechenland zahl gar nichts an die EU zurück
  4. 36,9 Mrd. im Szenario 4: Griechenland schuldet 2011 um, 50% der Schulden werden nicht mehr bedient. Rückkehr an den Kapitalmarkt 2013

Die DIW-Forscher favorisieren das Szenario 4., nämlich die sofortige Umschuldung. Lisa Nienhaus fasst das für die FAS wie folgt zusammen:

“Wer umschulden will, sollte das schnell und überraschend tun. Die Forscher nehmen in ihrer Rechnung an, Griechenland bedient ab Mitte 2011 50 Prozent seiner Schulden nicht mehr. Bei der EU entstehen dadurch sofort große Verluste. Griechenland hingegen profitiert von dem Befreiungsschlag. Das Land ist auf einen Schlag weit weniger verschuldet und die Anleger vertrauen ihm wieder. Ende 2013 kehrt es an den Kapitalmarkt zurück. Davon profitiert auch die EU, denn Griechenland zahlt die Restschuld zurück.”

Was die Aufstellung des DIW nicht enthält sind die indirekten Kosten einer Umschuldung, die z.B. dadurch entstehen, dass die Europäische Zentral Bank und das Bankensystem große Verluste erleiden. Tatsächlich werden die Risiken für das griechische und europäische Finanzsystem derzeit offiziell nicht klar kommuniziert. Dabei sollten die Aufsichtsbehörden nebst Zentralbanken schon einen klaren Blick dafür haben. Vielleicht warnen sie ja deswegen so intensiv vor einer Umschuldung.

Die Wirtschaftswoche fasste vergangenen Woche die Betroffenheit des europäischen Bankensystems zusammen:

“Von den 330 Milliarden Euro, die Griechenland privaten und staatlichen Gläubigern insgesamt schuldet, lagern zwei Drittel bei Banken, Investmentgesellschaften, Versicherern und Privatanlegern. Eine Umschuldung würde vor allem griechische Banken treffen. Aber auch in den Bilanzen deutscher Geldhäuser schlummern Forderungen in Höhe von 18,5 Milliarden Euro. Unklar ist, welches Institut den größten Brocken in den Büchern hat: Deutsche Bank und Postbank haben 1,6 Milliarden Euro in unbesicherte Griechenland-Anleihen investiert, bei der Commerzbank sind es drei Milliarden, die DZ Bank kommt auf eine Milliarde Euro und die KfW Bankengruppe hat einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag an Griechen-Bonds im Depot. Die Hypo Real Estate hat hingegen bereits Schrottpapiere im Wert von 9,5 Milliarden Euro an die Bad Bank FMS Wertmanagement verschoben. Von den restlichen 3,3 Milliarden Euro dürfte ein großer Teil in den Bilanzen der Landesbanken stecken.”

Die FAZ skizzierte in dem Beitrag “Warum sich die EZB gegen eine Umschuldung wehrt”, die Konsequenzen für das griechische Bankensystem:

“Selbst die sanfteste Umschuldung könne das griechische Bankensystem an den Rand des Kollaps bringen, heißt es bei der EZB. Die Notenbank würde in eine heikle Situation gebracht, falls die europäischen Staaten die Laufzeiten der Kredite verlängern. Denn das würden sie mutmaßlich mit der Begründung tun, dass die griechische Staatsschuld nicht mehr tragbar ist. Dann würde sich aber für die EZB die Frage stellen, ob sie die griechischen Anleihen noch als Sicherheit akzeptieren kann. Tut sie das nicht, wären die griechischen Banken von ihrer wichtigsten Finanzierungsquelle abgeschnitten.”

Unklar ist derzeit, welche Verluste die EZB selbst tragen müsste, wenn die griechischen Institute Probleme bekommen und die EZB die Staatsanleihen verwerten müsste. Nach Informationen der Wirtschaftswoche hat die EZB 90 Mrd. Euro an griechische Institute verliehen. Nicht klar ist, mit welchen Wertabschlägen (Haircuts) sie entsprechende Sicherheiten dafür herein genommen hat. Ungenannte Analysten schätzen nach Angabe in der Wiwo, dass bei einem Haircut an die 30 Mrd. Euro der Sicherheiten wertlos wären. Dazu kämen 20 Mrd. Euro aus Anleihekäufen. In der Summe drohen der EZB 50 Mrd. Euro Verluste, die ihre stillen Reserven antasten und natürlich die Ausschüttung an die Länder deutlich reduzieren würden.

Wie man es letztlich dreht und wendet, es sieht so oder so kostspielig aus. Und die Zeit drängt. Erhält Griechenland nicht die nächste Hilfstranche des Internationalen Währungsfonds, wird es zahlungsunfähig (siehe Handelsblatt: „Griechenland kann Rentner und Beamte nicht mehr bezahlen„).

Eric B. Mai 24, 2011 um 16:49 Uhr

Während die Experten streiten, machen die Märkte kurzen Prozess und ziehen Spanien und Italien gleich mit in den Strudel. Damit vollendet sich die self fulfilling prophecy, die schon seit zwei Jahren „Pleite der PIGS-Staaten“ heißt…
mehr auf lostineurope.posterous.com

Marsman Mai 24, 2011 um 10:20 Uhr

Was mir fehlt in Sachen Griechenland ist eine
einigermassen brauchbare sachliche Darstellung
der Probleme.
U.a. hat Griechenland ein arges Problem mit dem
Handelsbilanzdefizit. Sie produzieren einfach zu
wenig.
Und so stellt sich auch die Frage, ob nicht die
Griechen ihren Konsum nicht aus eigenen Mitteln finanzieren können. Und einiges mehr.
Weiters wurde die Debatte, viele Proteste, von
Konmmunisten gekappert, also alles eine reichlich
problematische ideologische Schlagseite erhalten
hat.

peterS Mai 24, 2011 um 08:00 Uhr

Wirtschaftsprofessor: Griechenland ist das zweite Lehman Brothers !

http://goo.gl/buwwb

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