Target2-Debatte in Medien und Blogs: Machen „overly active blogger“ Sinn?

by Dirk Elsner on 29. Juni 2011

Seit einigen Wochen “tobt” eine überaus spannende und anspruchsvolle Debatte durch deutsche (vor allem Verlorene Generation und Weissgarnix) und internationale Wirtschaftsblogs sowie mittlerweile auch durch die internationale Wirtschaftspresse: Die Target2-Debatte. Ausgelöst hat sie der Chef des Ifo Instituts, Hans Werner Sinn, und zum Kochen gebracht hat sie Olaf Storbeck, Ökonomiekorrespondent des Handelsblatts in London. Er hat dazu übrigens eine sehr hilfreiche Leseliste in seinem Handelsblog (Stand 20.6.) zusammen gestellt.

Ich habe mich aus der Diskussion heraus gehalten, weil ich angesichts der Vielzahl der Veröffentlichungen nicht alles dazu habe lesen können, um bereichernd in die Debatte einsteigen zu können.

Bemerkenswert an dem Diskurs ist die Breite und zum Teil auch die Härte, mit der sie geführt wird. Im Ring stehen dabei vor allem Storbeck und Sinn selbst. Beide schenken sich nichts und gehen sich zum Teil heftig an. So bezeichnet Sinn Storbeck (ohne ihn freilich zu nennen) als Demagogen. Storbeck ist ebenfalls nicht zimperlich (“Hans-Werner Sinns steile These” oder The dirty tricks of Hans-Werner Sinn”), bleibt aber, soweit ich das bisher gelesen habe, auf der sachlichen Ebene.

Am vergangenen Wochenende habe ich Olaf Storbeck in London am Borough Market getroffen. In der viel zu kurzen Zeit mit spannenden Themen haben wir natürlich auch die Sinn-Frage diskutiert. Dabei drehte sich unser Gespräch u.a. darüber, wie ernst eigentlich die Wissenschaft die Blogosphäre nimmt. Festgemacht haben wir das an der Formulierung in einem Arbeitspapier des Ifo-Instituts, in dem Hans-Werner Sinn und Timo Wollmershäuser von “overly active bloggern” schreiben.

“overly active blogger“? Ein “übermäßig aktiver Blogger” klingt abfällig und irgendwie herablassend. Es klingt so, als dürfe ein Blog es nicht wagen, den “Ökonomiepapst” oder überhaupt den Mainstream zu kritisieren. Der Stellenwert der Blogosphäre scheint bei der deutschen “Meinungselite” in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft nicht der zu sein, den er etwa in England oder den USA erreicht hat.

Eigentlich ist dies überraschend, denn die Qualität gerade der Target2-Debatte, die sich auch in anspruchsvollen Kommentaren widerspiegelt, übertrifft bei weitem das Niveau jeder sonst öffentlich geführten Diskussion (und insbesondere der in Talkshows wie Anne Will & Co). Mit fundierte Tiefe und mittlerweile prominenten Beistand, etwa der FT und des Wall Street Journals, wird hier munter um die Frage gefochten, ob und welche Risiken durch die stark angeschwollenen  “technischen Salden” bei den nationalen Notenbanken des Euro-Raums entstehen.

In Deutschland hat die “Funktionselite” noch nicht wirklich verstanden, was die Blogosphäre ist. Sie halten Blogger im besten Fall für esotherische Gutmenschen, die nach Aufmerksamkeit dürsten und die Welt verändern wollen. Im schlimmsten Fall sind sie illegale Hacker, die der “Machtelite” an den Kragen wollen. Mag sein, dass es solche Blogger auch gibt. Mir sind die nicht bekannt, dabei kenne ich mittlerweile viele Wirtschaftsblogger auch persönlich. Alle, egal ob aus Medien, Unternehmen oder der Wissenschaft, sind ganz bodenständige Personen mit viel Sachverstand und noch mehr Engagement. Sie schreiben meist über Themen, die sie gut kennen und bieten oft Informationen und Hintergrund, die deutlich über das hinaus gehen, was Medien liefern können ohne dabei in einer Sprache oder Beweisführung zu ersticken, wie man es von wissenschaftlichen Fachaufsätzen oder Arbeitspapieren kennt.

Der Anspruch der meisten Blogger ist es ohnehin nicht, durch einen Beitrag ein Thema abschließend und erschöpfend zu erschlagen. Mal abgesehen, dass dies heute kaum noch möglich ist, geht es viel mehr darum in der Diskussion mit Lesern und anderen Bloggern Themen weiter zu entwickeln.

Anscheinend ist man das aber in Deutschland nicht gewohnt. Zwischen wissenschaftlichen “Expertenaussagen” und Argumenten auf Brülltalkshow-Niveau ist offenbar kein Platz für die Meinungsbildung. Hier herrscht die Ansicht, erst wenn man ein Thema zu 100% beherrscht, dann darf man sich dazu äußern, es sei denn, man ist aus welchen Gründen auch immer prominent, dann findet man zu allen Themen Gehör.

Dabei kann niemand heute ein Thema zu 100% beherrschen. Und jemand der glaubt, ein Thema zu 100% zu beherrschen und dies durch seinen Schreibstil und durch seine Kommentare zum Ausdruck bringt, den möchte ich nicht lesen. Ich lese alle Mal lieber Beiträge von Autoren, die sich der Begrenztheit des eigenen Horizonts bewusst sind, als die Texte von “Klugschnackern”, die vorgeben alles zu wissen.
Hans-Werner Sinn (HWS) gehört zu der Kategorie Personen, die ich nicht gern lese. Und ganz offenbar gehört er zu den Leuten, die es nicht ertragen können, dass ihre Positionen aus der Blogosphäre angegriffen werden.

Natürlich sind Blogs nicht frei von Interessen, sondern vertreten auch ihre persönlichen Ziele. Ich halte das für vollkommen legitim. Aber gerade die Diskurskultur, wie vorbildhaft an der Target2-Debatte zu beobachten (natürlich gibt es dort auch Kommentar-Randale), zeigt, wie man aus verschiedenen Partikularinteressen zu einem Konsens kommen kann oder zumindest zu einem besseren Verständnis unterschiedlicher Sichtweisen.

Olaf Storbeck sagt selbst, dass ohne die Kommentare und die Diskussion im Handelsblog ihm es deutlich mehr Mühe gekostet, die Implikationen der Target2-Operationen für die Zahlungsbilanz zu verstehen. Er nennt etwa Bernd Klehn sowie viele Leser, die leider nur unter Pseudonmynen wie „veblen“ und „jmg“ mitdiskutieren. Ein zweites Beispiel ist der Post über die seltsame Begegnung von Sinn und EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark letzte Woche Montag in München. Ohne einen Leserkommentar von jmg hätte es diesen nicht gegeben. Und auch in seinem englischen Blog haben Storbeck zahlreiche Kommentare auf weitere Arbeitspapiere aufmerksam gemacht.

Auch wenn dieser Beitrag verengt ist auf die Einstellung von HWS bzw. des Ifo-Instituts zur Blogosphäre,  so ist der Fall der Target2-Debatte nur exemplarisch gemeint, weil er so ausgezeichnet dokumentiert ist.

Abschließend zurück zu der Ausgangsfrage: Machen „overly active blogger“ Sinn? Leser dieses Blogs dürfte es nicht überraschen, wenn ich zu dem Ergebnis komme, dass sie natürlich Sinn machen. Leser, die sich an dem Begriff Wort Blogger stören, sollten einfach daran denken, dass sich hinter den meisten Blogs Person engagieren, die aus Wissenschaft, Medien, Praxis und oft aus der Mitte des bürgerlichen Lebens kommen. Und das ist gut so.

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