Universal- oder Trennbanksystem? Anmerkungen zur aktuellen Debatte

by RalfKeuper on 1. November 2011

Die Staatsschuldenkrise hat, neben einer Vielzahl anderer, auch zu einer Neuauflage der Diskussion über die Vor- und Nachteile des Universalbankensystems geführt. Für viele Beobachter gilt es als ausgemacht, dass die Aufhebung des Glass-Steagall-Aktes in den USA im Jahre 1999, wodurch die Trennung zwischen Investment- und Geschäftsbanken aufgehoben wurde, eine wesentliche Ursache für die Finanzkrise im Jahr 2008 gewesen ist.

Nicht zuletzt deshalb wird nun auch hierzulande lebhaft über die Einführung eines Trennbankensystems debattiert. Darin geht allerdings die Tatsache unter, dass Deutschland mit dem Drei-Säulen-System bereits über eine vergleichbare Struktur verfügt. Abgesehen davon ist die Bankenlandschaft in Deutschland nicht mit der in den USA und Großbritannien vergleichbar und in dieser Form ohnehin weltweit einmalig. Im Folgenden werde ich daher die Entwicklung der letzten Jahre in groben Zügen nachzeichnen und zu begründen versuchen, warum die Diskussion über die (offizielle) Einführung eines Trennbankensystems in Deutschland an der Realität vorbeigeht.

Rückblick

Mitte der siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, also lange bevor die Mega-Banken begannen, das große Rad zu drehen, führte der damalige Vorstandssprecher der Deutschen Bank, F. Wilhelm Christians, folgende Argumente für die Universalbanken ins Feld:

„Die gesamtwirtschaftlichen Vorzüge der Universalbanken sind vor allem darin zu sehen, daß diese Institute wegen der akquisitorischen Wirkung ihres breiten Angebots von Anlagemöglichkeiten besonders geeignet erscheinen, alle Geld- und Kapitalquellen optimal auszuschöpfen, wobei ihnen ihr weitgespanntes Filialnetz die Ansprache der Kunden erleichtert. Zugleich sorgen sie für die bestmögliche Verwendung der aufgenommenen Gelder, indem sie jede gewünschte Form von Krediten oder Kapital zur Verfügung stellen können. Aufgrund ihres größeren und breiter gestreuten Mittelaufkommens ist auch das Risiko der Umsetzung kurzfristiger Einlagen in längerfristige Ausleihungen geringer als bei Trennbanken zu veranschlagen“(Quelle:https://www.xing.com/net/wibuecher/biografien-klassiker-sowie-weitere-werke-abseits-des-mainstreams-273725/finanzierungs-handbuch-von-f-wilhelm-christians-32824397/32824397/)

Gut zwanzig Jahre später, zu einem Zeitpunkt, als die ersten Megafusionen in der internationalen Bankenwelt eingeleitet bzw. bereits vollzogen waren, hob der damalige CEO der Credit Suisse, Hans-Ulrich Doerig, in seinem Buch „Universalbank – Banktypus der Zukunft“ die Vorzüge des Universalbankensystems gegenüber dem Trennbankensystem hervor:

„Universalbanken zeichnen sich im allgemeinen durch >vertrauensschaffende Langzeitstrategien< aus, was zur wichtigen >Glaubwürdigkeit< mitverhelfen muss. Dies im Gegensatz zu vielen Investmentbanken und Brokers mit sehr flexiblen und oft rein opportunistischen „Stop-and-Go“-Strategien. Gerade in Zeiten des unberechenbaren Wandels ist eine gewisse >Berechenbarkeit des Finanzunterbaus< der Wirtschaft allentscheidend. Verunsicherte Kunden wollen >sicheren Bankinstitutionen< Geld anvertrauen oder von solchen Geld borgen. Jede gute Bank lebt primär vom Vertrauen. Vertrauen ist die Basis zur Reintermediation von Beziehungen in einer unsicheren Welt.“

Um aber den Anschluss an die Entwicklungen im Investmentbanking und damit konkret die weitaus höheren Gewinnspannen nicht zu verlieren, sah er für die kontinentaleuropäischen Universalbanken akuten Handlungsbedarf:

„Speziell Banken in Kontinentaleuropa verfügen bereits über eine erhebliche Erfahrung im Matrixmanagement einer Universalbank. Dieses Know-how muss in den nächsten Jahren ergänzt werden mit zusätzlichem >angelsächsischen Know-how< des Investment Banking und des Handels mit entsprechender Risikokultur und Mentalität.“

Seinem Wunsch wurde, wie wir heute wissen, weitgehend entsprochen 😉 Mit dem Ergebnis dürfte auch er sicherlich nicht zufrieden sein.
Die (unbeabsichtigten) Nebenwirkungen haben Zweifel an dieser Form der >Geschäftsmodellinnovation< aufkommen lassen, was nun wiederum Wasser auf die Mühlen der Befürworter eines Trennbankensystems in Deutschland ist.

Aktuelle Diskussion

Wie bereits erwähnt, hat die öffentliche Diskussion um die Bewältigung der Staatsschuldenkrise den Disput um die Vor- und Nachteile des kontinentaleuropäischen Universalbankensystems wieder aufflammen lassen.

Die Ökonomen sind sich in dieser Frage – hier bleiben sie ihrer Linie treu – uneinig. So hält der Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, die Einführung eines Trennbankensystems in Deutschland für unumgänglich, während Hans-Peter Burghof sich dagegen ausspricht (http://bit.ly/rqRYpz) ; Christoph Kaserer erblickt darin gar einen massiven Eingriff in die unternehmerische Freiheit. (http://bit.ly/nUAEQP)

Ausgewogener argumentierten zuvor Friederike Sattler (http://bit.ly/u1MvQw) und Karl Socher (http://bit.ly/tgjRp5.) Durch die Fixierung auf das Trennbankensystem im Sinne des Glass-Steagall-Acts, wird jedoch die Tatsache ausgeblendet, dass Deutschland mit dem Drei-Säulen-System bereits über eine vergleichbare Struktur verfügt – im Fall der Sparkassen und Landesbanken sogar innerhalb der Säulen.

Während die Sparkassen mit dem „klassischen“ – aber langweiligen – Bankgeschäft ordentliche Renditen erzielten, wandten sich einige Landesbanken der glamourösen Welt des Investmentbankings und der Traumrenditen zu – mit bekanntem Ergebnis. Hier hat die Trennung jedenfalls nicht zu einer Risikominderung geführt.

Die WestLB ist nur ein Schatten ihrer selbst und bald ein weiteres, trauriges Kapitel der Bankengeschichte, die BayernLB laboriert noch an den Folgen ihrer Geschäftsfelderweiterung, ebenso wie die LBBW und die HSH Nordbank. Allenfalls die NordLB und Helaba können von sich behaupten, die Finanz- und Staatsschuldenkrise mit einem blauen Auge überstanden zu haben. Durch ihre Beteiligung an den Landesbanken und die nötigen Sanierungsmaßnahmen sind die Sparkassen, ebenso wie die Länder, in den Sog der Krise geraten. Schon jetzt ist die Trennlinie zwischen Sparkassen und Landesbanken schärfer, als in der angestrebten Lösung in Großbritannien. http://bit.ly/u2LTJb.

Die Deutsche Bank als klassisches Beispiel einer Universalbank und Top-Kandidat für eine Aufspaltung hierzulande, ist – bisher jedenfalls – vergleichsweise gut durch die Krise gekommen – auch mit Blick auf die internationale Konkurrenz. Überhaupt haben die Universalbanken – relativ gesehen – nicht schlechter abgeschnitten (J.P Morgan Chase am besten, UBS und Citicorp am schlechtesten), als die Investmentbanken. Es waren Bear Stearns, Lehman und Merrill Lynch, die als erste ins Wanken gerieten bzw. umfielen. Goldman Sachs und Morgan Stanley haben sich in den Status einer Geschäftsbank geflüchtet.

Brisant ist die Situation dagegen in der Schweiz, wo die UBS und Credit Suisse (CS) eine ungleich größere volkswirtschaftliche Bedeutung haben, als die Deutsche Bank und die Commerzbank in Deutschland. Dennoch hält man dort am Universalbanksystem fest. Übrigens existiert in der Schweiz seit der Schaffung zweier unabhängiger Gesellschaften für das Private Banking und das Asset Management bei der Bank Julius Bär bereits so etwas wie ein Präzedenzfall für eine Aufspaltung, allerdings in einer anderen Größenordnung. (http://bit.ly/u2zgqF & http://bit.ly/rrGYad)

Weltweit einmalig: Drei-Säulen-System

Als weltweit einzigartig gilt das Drei-Säulen-System der deutschen Bankenlandschaft, bestehend aus dem Privatbankensektor, der Sparkassen-Gruppe und den Genossenschaftsbanken. Nachdem in den Jahren vor der Finanzkrise das Drei-Säulen-System immer wieder infrage gestellt und als Hemmnis für die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes Deutschland angeprangert wurde (http://bit.ly/tfMfUA & http://bit.ly/sHpRu8), herrscht inzwischen in der Literatur weitgehend Einigkeit darüber, dass das Drei-Säulen-System sich während der Finanzkrise bewährt hat:

„An der außerordentlichen Belastbarkeit dieser Finanzstruktur kann – wiederum vor dem Hintergrund der Finanzkrise – kein ernsthafter Zweifel bestehen“ (Quelle: Modell für eine leistungsfähige Sparkassen-Finanzgruppe: Kooperation im Verbund statt vertikale Konzentration http://bit.ly/tdU7Ay)

Bereits im Jahr 2007 hob Prof. Dr. Reinhard Schmidt vom Lehrstuhl für Internationales Bank- und Finanzwesen gegenüber dem WirtschaftsKurier die Vorzüge des deutschen Drei-Säulen-Systems hervor:

„Wirtschaftskurier: Ist das deutsche Bankensystem mit seinen Sparkassen also gar nicht so schlecht wie oft dargestellt?
Schmidt: Dass das deutsche Bankensystem schlecht geredet wird, kommt aus bestimmten Quellen. Der lobbyistische Einfluss der Großbanken in der EU und die geradezu dogmatisch zu nennende Fixierung der Kommission in Brüssel auf eine Entstaatlichung als Norm sind sehr stark. Und die scharfe Kritik des IWF am deutschen Drei-Säulen-Modell ist für mich – in den meisten Details – nicht überzeugend. Argumente – wie der statistische Befund, dass „je höher der Staatsanteil umso niedriger die Profitabilität“ – sind rein statistische Zusammenhänge. Sie sind im Einzelfall nicht relevant, unter anderem weil sie nahe legen, die Profitabilität der Banken als einzigen Maßstab der Güte eines Bankensystems zu betrachten.

Im Fall Deutschland wird leicht erkennbar, dass das nicht der einzige Maßstab sein kann. Hier herrscht bei hohem Staatsanteil ein hoher Grad an Konkurrenz und der hat zu relativ niedrigerer Profitabilität geführt. Und Wettbewerb ist ein gesamtwirtschaftlich erwünschter Effekt. Wir haben in Deutschland en Banksystem, das nicht so schlecht ist wie die Systeme vieler anderer Länder. Die deutsche Bankenstruktur hat eine gute Abdeckung in der Fläche bewirkt und sie hat ein einmalig hohes Maß an Stabilität der Banken gewährleistet. Deutschland ist neben Österreich das einzige Land, das seit dem Zweiten Welltkrieg keine wirkliche Bankenkrise – mit negativen Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft – erlebt hat. (WirtschaftsKurier April 2007)

Wenngleich einige der Aussagen mittlerweile als überholt gelten können, lassen sich für die Wettbewerbsstärke und gegen die Behauptung der vermeintlich geringeren Rentabilität der deutschen Banken weitere Argumente finden. So kommen die Autoren des Beitrags „Performancemessung von Banken im internationalen Vergleich“, Prof. Dr. Horst Gischer und Toni Richter zu dem Ergebnis:

„Im Rahmen der theoretischen Ausführungen zur Cost-In-come-Ratio sowie zur Eigenkapitalrentabilität wurde dargelegt, dass beide Maße nur äußerst eingeschränkt die Performance einer Bank widerspiegeln. Unberücksichtigte persistente Lohnsatzdifferenzen, Disparitäten hinsichtlich des Wettbewerbsgrades sowie Unterschiede in den Geschäftsmodellen von Banken stellen bisweilen die quantitativ bedeutendsten Verzerrungsmöglichkeiten der Cost-Income-Ratio dar. Die Ausnutzung des Leverage-Effektes sowie die marktstrukturabhängigen Preissetzungsmöglichkeiten der Banken treiben hingegen das Niveau der Eigenkapitalrentabilität. Die anschließenden empirischen Untersuchungen vermochten die vermeintlichen Produktivitätsvorteile amerikanischer, italienischer und britischer Banken denn auch als das Resultat oligopolistischer und damit wettbewerbseinschränkender Marktstrukturen bzw. als die Folge einer vermehrten Ausnutzung des Leverage-Effektes zu identifizieren. …“ (http://bit.ly/rYAq41)

Chancen und Risiken

Für den Soziologen Daniel Bell wird die postindustrielle Gesellschaft von sog. axialen Prinzipien und Strukturen geprägt. Strukturen sind für ihn die Sozialstruktur (Beschäftigungsstruktur, Wirtschaft und Technologie), die Kultur und die Politik. Diesen wiederum liegt ein bestimmendes Prinzip zugrunde. Für die Sozialstruktur ist dies die Rationalität, für die Kultur die Idee der Selbstverwirklichung und die für Politik das der Gleichheit. Wegen der unterschiedlichen geltenden Prinzipien steht die postindustrielle Gesellschaft ständig unter Spannung. Jede Veränderung in dem einen Bereich, führt zu einer entsprechenden Reaktion in einem anderen. (Vgl. dazu: http://bit.ly/sowCX6)

Auf die vorliegende Fragestellung übertragen: Ein grundlegender Eingriff in der Bankensystem, wie der einer Einführung des Trennbankensystems führt in den USA oder Großbritannien zu ganz anderen Reaktionen als in Deutschland. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Anpassungen in den USA und Großbritannien reibungsloser verlaufen, als dies in Deutschland der Fall wäre, zumal in den USA ein Zustand wiederhergestellt wird, der erst vor gut zehn Jahren aufgehoben wurde. Für uns wäre der Bruch tiefgreifender. Überhaupt fällt die Konzentration im Bankensektor in Deutschland im internationalen Vergleich ausgesprochen moderat aus. (Vgl. dazu: http://www.bpb.de/wissen/3DH4W1,0,0,Bankenkonzentration.html)

Das soll jetzt wiederum nicht bedeuten, dass wir hierzulande nicht über die Möglichkeit nachdenken sollten. Allerdings müssen die Vor- und Nachteile sorgsam abgewogen werden.

Wilhelm Christians hat diese Möglichkeit selber in Betracht gezogen:

„Wenn trotz aller Vorkehrungen noch ein Freiraum für denkbare Konfliktansätze verbleibt, dann sollte man sich zugleich vor Augen halten, daß Interessenkonflikte kein universalbanktypisches Phänomen darstellen, sondern in nahezu allen Bereichen des Wirtschafts- wie auch des sonstigen privaten und öffentlichen Lebens vorkommen und insbesondere in einem Trennbanksystem keineswegs ausgeschlossen sind. Solange sie weitestgehend im Bereich der nur theoretisch vorstellbarer Möglichkeiten liegen, besteht kein Anlaß zu korrigierenden Eingriffen, zumal wenn diese auch nachteilige Aspekte aufweisen. Erst wenn sich die begründete Gefahr abzeichnet, daß solche Konfliktsituationen auch in der Praxis häufiger auftreten können und dann nicht sachgerecht bewältigt werden, sind geeignete Gegenmittel angezeigt.“

Eben.

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