Innensicht: Kann Griechenland nach der Wahl stabil werden?

by Gastbeitrag on 16. Juni 2012

In Deutschland gibt es viel Alarm über die griechische Wahl. Ich habe nun in einer Mail am Freitag eine Kommentar erhalten von jemanden, der in Griechenland lebt und hier eine Einschätzung aus seiner persönlichen Sicht abgibt.

Gastbeitrag von Klaus Kastner*

Aus heutiger Sicht müsste fast schon ein Wunder geschehen, damit es in Griechenland nach der Wahl eine stabile Regierung gibt. SYRIZA wird alleine die Mehrheit wohl nicht schaffen und keiner will (angeblich) mit ihnen. ND/PASOK könnten möglicherweise eine Koalition schaffen, die würde aber dann unter “Dauerfeuer” von SYRIZA sein. Man ist – glaube ich – gut beraten, wenn man sich auf eine dritte Wahlrunde im September einstellt (Juli/August muss ja noch Urlaub gemacht werden…). Irgendwann wird SYRIZA die absolute Mehrheit wohl schaffen und dann wird sich Griechenland mit stetem Schritt Richtung 1960/70er Jahre bewegen – mit oder ohne Euro. Ich fürchte, der Rubicon wurde bereits überschritten, weil Prozesse in Gang gesetzt wurden, die nicht mehr zu stoppen sind.

Das große Thema ist natürlich jetzt Alexis Tsipras. Für mich als Österreicher eine faszinierende Persönlichkeit, weil er 1:1 mit Jörg Haider vergleichbar ist (nur dass Haider von rechts kam und Tsipras von links). Haider konnte nur deshalb so rasch so groß werden, weil er großkoalitionäre Dinosaurier gegenüber hatte, die ihm quasi Stimmen in die Arme trieben. Mit Tsipras ist es ähnlich. Er kann sich auf die “Altparteien” verlassen, die er vor sich hertreibt. Analog zu Haider hat Tsipras die Wortwahl eines genialen Rattenfängers. Ich genieße viele seiner “soundbites”. Der Unterschied ist nur, dass ich zwischen genussvollen soundbites und wirtschaftlichen/politischen Notwendigkeiten unterscheiden kann. Ein großer Teil der Griechen genießt nur die soundbites. Für die “Gedemütigten” der Entwicklungen der letzten Jahre ist Tsipras ein Robin Hood.

Analog zu Haider sagt Tsipras viele Dinge, wo man sich wundern muss, dass die Großparteien sie nicht auch sagen, weil sie nicht falsch sind. Manche davon sogar sehr richtig. Aber nur weil sie von Haider kamen, mussten sie falsch sein und Ähnliches geschieht jetzt mit Tsipras (was – analog zu Haider – als Konsequenz hat, dass ihm noch mehr Stimmen zufliegen). Tsipras weiß sehr wohl zu unterscheiden, was er in öffentliche Megaphone schreit und was dann im Kleingedruckten steht. Gleich nach der letzten Wahl kündigte er wortgewaltig an, allen Finanzministern der Eurozone eine Brief zu schreiben und das MoU für nichtig zu erklären. Daraus wurde dann ein höflicher Brief an EU-Granden, in dem er ersuchte, den einen oder anderen Punkt nachzuverhandeln.

Der Mann scheint also flexibel zu sein (und Haider war das auch; selbst mit seinen Prinzipien…). In einem Punkt scheint Tsipras jedoch nicht reformierbar zu sein – in seiner Denke liegt die Lösung der Probleme Griechenlands in einer noch größeren Rolle des Staates. Also wie gesagt, Rückkehr in Richtung 1960/70er Jahre…

Dabei wäre die Problemstellung ganz einfach. Griechenland ist laut Analysen bei weitem der unattraktivste Wirtschaftsstandort (World Bank) und das korrupteste Land (TI) der EU, aus dem Finanzkapital in Massen flieht. Griechenland bräuchte einen glaubhaften Plan, wie es ein attraktiver und nicht korrupter Standort wird und dann würde das Finanzkapital schon kommen.

Die Griechen, die ich aus dem täglichen Leben kenne, sehen das alle sehr vernünftig und pragmatisch. Sobald jedoch ein Grieche in die Politik kommt, in der Öffentlichkeit auftritt oder an Diskussionen teilnimmt, wird er offenbar ein irrationaler Mensch. Man muss wirklich mit der Mehrheit dieses Landes Mitleid haben, weil sie nichts dafür kann, was wenige aus diesem Land gemacht haben.

Und dann muss ich noch hinzufügen, dann eine ganze Menge von Griechen von der Krise absolut nicht betroffen ist. Unsere Wohnung ist in einem sehr schönen Vorort von Thessaloniki am südlichen Ende der großen Bucht. Die Supermärkte sind voll (Lidl größtenteils mit Produkten aus Deutschland) und die Preise sind hoch. Bei IKEA wird mächtig eingekauft und das Cosmos Mediterranean (das größte Shopping Center am Balkan) ist bestens besucht. Der Riesenparkplatz ist an Wochenenden überfüllt. In den Kinos sind die Preise höher als in Österreich. Die Cafés der Stadt sind fast zu allen Tageszeiten gut besucht und jeder hat sein Smartphone und seine Schachtel Zigaretten auf dem Tisch liegen. Trotz Höchstpreisen bei Benzin kommt man mit dem Auto in der Stadt nur langsam voran. Es wimmelt von teuren SUVs. An Wochenenden ist jetzt die Hauptverbindung nach Chalkidiki nur in stockendem Verkehr zu schaffen. Und wie es den wirklich reichen Griechen ergeht, können Sie hier lesen.

Dieses Land ist mit belegbaren Fakten alleine nicht zu erfassen. Da bewegt sich viel, was das freie Auge auf den ersten Blick nicht erkennt.

Die nahe Zukunft des Landes liegt weniger in Händen der Troika als in Händen der EZB. Irgendwann muss die EZB doch einmal kalte Füße bekommen, irrsinnige Summen nach Griechenland zu schicken, damit Griechen ihr Geld ins Ausland schicken können. Oder nicht? In dem Moment, in dem die EZB den Mittelzufluss stoppt, bricht die griechische Wirtschaft komplett zusammen. Es ist also aus dieser Ecke, wo über die nahe Zukunft des Landes entschieden werden wird.

* Klaus Kastner war 40 Jahre im Bankmanagement in sechs verschiedenen Ländern. Seine Frau ist Griechin und er verbringt einen guten Teil des Jahres in Griechenland. Er betreibt den Blog “Griechenland – Greece”,

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