Back in Town: Ein Rückblick auf den amerikanischen Traum

by Dirk Elsner on 31. Juli 2012

Die längste Pause seit Bestehen dieses Blogs geht zu Ende. Mein Urlaub leider auch, und ich muss mich erst einmal wieder richtig in die Onlinewelt hinein bloggen. Denn tatsächlich habe ich diese Zeit ebenfalls für eine wirkliche Schreibpause genutzt. Es tat gut, mal ein paar Wochen den Blog liegen zu lassen. Vermisst habe ich ihn und die Leser trotzdem, was ein gutes Zeichen ist.

Wir haben eine klassische Rundreise durch die Touri-Highlights der USA hinter uns. Klar, dass ich zwischendurch auch immer wieder auf Themen geachtet habe, die zu diesem Blog passen. Eine Frage, die mich vorher bewegte war, wie würde es in Kalifornien und den Nachbarstaaten nach 4 Jahren Wirtschafts- und Finanzkrise aussehen. Manche hier in Deutschland ankommende Berichte ließen ja fast den Eindruck vermuten, es müsse der große Verfall eingesetzt haben. Wie erwartet, traf das nicht zu.

Im Vergleich zum letzten Besuch habe ich keine signifikanten Unterschiede bemerkt, ganz subjektiv freilich. Weder Kalifornien, noch Nevada, Utah oder Arizona sind in Endzeitzonen verfallen. Die Touriziele sind immer noch zum Bersten gefüllt, sogar noch voller, weil mehr Besucher aus Osteuropa und Asien unterwegs sind. Die als mittlerweile sehr hoch empfundenen Preise mag man vielleicht als Beleg für Inflation deuten. In jedem Fall wird weiter gewerkelt, gebaut und geplant. In Downtown San Francisco hat sich viel getan und ständig entstehen neue Wolkenkratzer, die sich anschicken die bekannte Stadtsilhouette zu verändern. Die neue Bay Bridge zwischen Oakland und Treasure Island kommt voran. Und in einer lokalen Wirtschaftszeitung macht man sich bereits Sorgen, weil man angesichts vieler ehrgeiziger Bauvorhaben in der Region (darunter auch das neue Apple- Hauptquartier) die notwendigen Fachkräfte nicht mehr bekommt.

Los Angeles erstickt immer stärker im Verkehr. Die Stadt braucht unbedingt einen Plan, um den permanenten Verkehrskollaps zu überwinden. Leben möchte ich dort nicht mehr. Dennoch sprüht man überall vor Optimismus. Der amerikanische Traum hat sich noch immer nicht in einen Alptraum verwandelt. Jedenfalls ist das der Eindruck, wenn man mit den Menschen spricht. Man mag den american dream für einen typische us-Mythos halten. Es scheint sich aber weiter zu halten. Ich habe weder in Medien (TV, Radio, Zeitungen und Internet) noch in persönlichen Gesprächen ein wie in Deutschland mit pessimistischer Dissonanz gespicktes Gejammer über eine wirtschaftliche Flaute und schlechte Aussichten gehört.

Gleichwohl wird man in den USA weiterhin sehr viel stärker mit sichtbarer Armut konfrontiert als in Deutschland. Hier hat sich leider nicht überhaupt nichts verbessert. Im Rathausviertel in San Francisco und der Market Street ist es immer noch unangenehm. Man wird weiterhin viel um Kleingeld gebeten. Und auch Los Angeles, Las Vegas und viele anderen Orte können ihre tristen Seiten nicht verbergen. An manchen Orten fallen sie sogar besonders krass auf, weil nicht unweit der Streetbums mit unglaublichem Reichtum geprotzt wird. Aber obwohl die Kluft zwischen Armen und Reichen sich vergrößert haben soll, standen wir nie unter dem Eindruck, uns unsicher zu fühlen. Selbst im Tenderloin District, in dessen Nähe wir in San Francisco untergebracht waren, wird man längst nicht mehr so häufig angequatscht wie in früheren Zeiten.

Mir ist bewusst, dass man aus den Impressionen keine ökonomische Diagnose ableiten kann. Das will ich gar nicht. Mein persönlicher Eindruck aus einer Region, die ich häufig in den vergangenen 30 Jahren bereist habe, ist aber, hier herrscht Business as usal. Nicht mehr und nicht weniger. Ups and Downs gabe es früher hier auch.

Die Eurokrise interessiert dort übrigens niemanden. Wenn überhaupt, dann findet man dazu ein paar kleine Artikel in den Tageszeitungen. Im Südwesten knetet man weiter an die alten und neuen Baustellen, Integration, Bildung, Verkehrschaos und Stadtentwicklung sowie Wasserversorgung und Umwelt. Europäische Schuldenkrise, US-Bankenkrise und die Machenschaften der Wall Street sind sehr weit weg und nicht relevant, wenn man sich wieder einmal über die verstopfte 405 oder über hohe Benzinpreise ärgert.

So war dann die Zeit dort auch für mich eine gute Erholung von den europäischen Themen, selbst wenn ich meine Finger nicht von der Twittertimeline lassen konnte und mich stets gut informiert fühlte.

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