Warum wir so schnell mit unvollständigen Informationen urteilen können

by Dirk Elsner on 3. August 2012

Für den Sommer hatte ich mir zwei Bücher in das Reisegepäck gepackt, die sich mit unserem Denken und Verhalten befassen: Von Daniel Kahneman “Schnelles Denken, langsames Denken” und von David Brooks “Das soziale Tier”. Ich habe zwar beide Werke noch lange nicht durch, aber sie bieten interessante Einblicke in unser Denken und Verhalten. Vieles kennt man irgendwoher, selbst wenn man unregelmäßig einschlägige Texte liest und sich für unser Verhalten interessiert. Beide Werke bieten freilich eine ausgesprochen unterhaltsame Zusammenfassung bestehender Erkenntnisse der letzten Jahre.

Ich will hier aber keine Rezension abliefern, sondern finde eine Passage im Kahneman sehr interessant über Untersuchungen, wie wir mit unvollständigen Informationen bzw. Nichtwissen umgehen. Danach existieren Informationen, die nicht (und sei es unbewusst) aus dem Gedächtnis abgerufen werden, gewissermaßen gar nicht für uns. Um dennoch auf Basis (unbewusster) unvollständiger Informationen handeln, denken oder urteilen zu können, konstruieren wir uns unbewusst Geschichten aufgrund aktiv verfügbarer Informationen und vorhandener Erinnerungen. Für unser Denken, Urteilen oder Handeln ist nicht die Vollständigkeit einer Geschichte maßgeblich, sondern lediglich die Konsistenz der verfügbaren Informationen.

Daher ist es sogar leichter, alles, was man weiß, in ein kohärentes Muster einzupassen, wenn man wenig weiß. Und tatsächlich sind Informationen meisten knapp. Unser Unterbewusstsein (Kahneman nennt das System 1) konstruiert dann als gedachte Maschine quasi Urteilssprünge, die wir für plausibel halten. Interessant ist, dass wir mit den so konstruierten kohärenten Geschichten in der Praxis meist ziemlich weit kommen. Die Geschichten, so Kahneman. kommen der Wirklichkeit meistens so nahe, dass damit zielführende und adäquate Handlungen unterstützt werden.

Die Kehrseite ist allerdings, dass sich damit auch eine lange Liste von Urteils- und Entscheidungsfehlern erklären lässt. Kahneman nennt an der Stelle des Buches (S. 115) die Selbstüberschätzung (overconfidence bias), Framing-Effekte und Basisratenfehler.

WYSIATI nennt Kahneman dieses Prinzip unseres Gehirns: “What you see is all there is” (etwa: Nur was man gerade weiß, zählt). Voreilige Schlussfolgerungen (Urteilssprünge) auf beschränkter Datenbasis sind nach Kahneman sehr wichtig für intuitives Denken. Unser unterbewusstes System 1 ist völlig unempfindlich für die Qualität und Quantität von Informationen, aus denen Eindrücke und Intuitionen hervorgehen.

Ich finde diese Gedanken halt auch gerade vor dem Hintergrund der Wirtschaftspraxis oder auch der politischen Praxis sehr interessant. Wenn man wenig weiß und sich aufgrund der wenigen Informationen unterbewusst eine plausible Geschichte konstruiert, dann kann man sogar schneller und oft wohl auch entschlossener handeln. Weiß man dagegen über einen Sachverhalt viel und ist sich der Konsequenzen seines Nichtwissens bewusst, dann denkt man wohl viel länger nach, handelt zögerlicher und wirkt nach außen unentschlossener. Daraus lässt sich freilich nicht der Schluss ziehen, Entscheidungspositionen nur mit Personen zu besetzten, die wenig oder nichts wissen. Kahneman bezieht seine Ausführungen zunächst einmal auf Alltagssituationen, in denen wir mit diesen Formen des Nichtwissens zu Recht kommen. Wir müssen also nicht wissen, wie die Einzelteile eines Autos konstruiert sind, um fahren, steuern und bremsen zu können.

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