Hoffnung für den EURO aus der Leistungsbilanz?

by Dirk Elsner on 27. September 2012

Als ich diesen Beitrag begonnen habe, wurde viel über Entspannung im Zusammenhang mit der europäischen Schuldenkrise geredet und geschrieben. Das Handelsblatt rief gestern sogar das Ende der Krise aus mit einem pfiffigen Bild. Ich selbst war und bin nicht entspannt. Die gegenwärtige Lage erscheint mir eher so, als habe Europa ein Migräne-Mittel eingeworfen und freut sich über das Abschmelzen der Schmerzen und das bessere Sichtfeld. Es ignoriert aber die eigentlichen Ursachen der Migräne.

Den Kern der Eurokrise kann man ablesen aus den Zahlungsbilanzen der einzelnen Länder und noch genauer aus den Leistungsbilanzen. Die Leistungsbilanzdefizite bzw- im Fall Deutschlands der -überschüsse erklären zwar nicht allein die Ursache der Eurokrise. Sie geben aber genauere Auskunft darüber, ob sich Europa wirklich auf dem Weg der Besserung befindet.

Die Zahlungsbilanzstatistiken können allerdings nicht in Echtzeit veröffentlicht werden, sondern nur in bestimmten Zeitabständen. Für Europa macht das die Statistikbehörde Eurostat. Dort ertrinkt man in unglaublich vielen Daten und Statistiken. Über die Übersichtsseite Zahlungsbilanz gelangt man in viele Details der Zahlungsbilanzstatistik. Sehr hilfreich finde ich die Übersicht “Zahlungsbilanzstatistiken nach Land” bzw. noch besser “Zahlungsbilanz, Leistungsbilanz, vierteljährliche Daten”. Klickt man die an, erhält man eine Übersicht der Leistungsbilanzentwicklungen der letzten Quartale der EU-Länder und vieler weiterer Länder jeweils mit dem Rest der Welt.

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Dort kann man sich übrigens auch eigene Statistiken zusammen klicken. Leider habe ich aber bisher noch nicht heraus gefunden, wie man sich z.B. eine Zahlungsbilanzstatistik der EURO-Staaten untereinander zusammen klickt (Danke bei der Gelegenheit an Stephan Ewald, der mir einen Hinweis auf FRED, das Statistiktool der FED St. Louis, gegeben hat).

Die Europäische Zentralbank veröffentlichte vergangene Woche Daten zur kumulierten Leistungsbilanz der Eurozone. Nach einer Pressemeldung der EZB bewegte sich die gesamte Leistungsbilanz der Eurostaaten deutlich im Plus für den Euroraum 13,7 Mrd-. Euro. Laut Eurostat betrug der Überschuss der Leistungsbilanz in Q2 Das erklärt möglicherweise, warum der Euro vergleichsweise stabil ist.

Aber innerhalb der Eurozone sieht weiter es ausgesprochen fragil aus, denn an den Ungleichgewichten der Eurostaaten hat sich nicht viel geändert. Deutschland und die Niederlande führen die Überschusstabelle deutlich an. Deutschland feiert dabei ständig seine Exportüberschüsse, was einerseits irgendwie nachvollziehbar ist, andererseits aber stets ein weiteres Zeichen dafür ist, dass die Ungleichgewichte weiter bestehen bleiben, denn Leistungsbilanzüberschüsse einer Volkswirtschaft entsprechen den Defiziten anderer Volkswirtschaften. Tomasz Konicz schrieb dazu auf Telepolis:

“Angesichts der hiesigen einseitigen Exportorientierung dürfte es nicht sonderlich verwundern, dass Deutschland etwa im vergangenen Jahr den höchsten Leistungsbilanzüberschuss aller wichtigen Industrieländer verzeichnet hat, der sich auf 5,7 Prozent des deutschen BIP summierte. Selbst China (2,8 Prozent des BIP) und Japan (2,0 Prozent) haben weitaus niedrigere Überschüsse erzielt. Nochmals: dieser Überschuss von 5,7 Prozent des deutschen BIP entspricht Defiziten (also einer Schuldenaufnahme) in der gleichen Höhe außerhalb Deutschlands. “

Die Defizite der Krisenstaaten bestehen also weiter und müssen entsprechend finanziert werden. Die privaten Kapitalmärkte waren dazu nur noch eingeschränkt bereit. Jetzt sind die europäischen Steuerzahler über direkte Staatshilfen des ESM und die indirekte Unterstützung der EZB eingesprungen.

Die Euro-Sorgenländer erholen sich langsam, schrieb Philip Plickert letzte Woche auf FAZ Online. Woher Plickert diesen Optimismus nimmt, ist mir schleierhaft. Orientiert man sich an den Daten der Leistungsbilanz, dann kann man frühestens dann von einer Verbesserung sprechen, wenn sich die Vorzeichen umkehren, jedoch nicht, wenn die Defizite geringer werden. Jedes Defizit muss neben den bisher aufgelaufenen zusätzlich finanziert werden. Dazu wäre es zum Beispiel erforderlich, dass wir in Deutschland viel mehr Leistungen aus den Krisenländern erwerben würden. Die Alternative besteht letztlich nur darin, Transfers zu leisten.

Egghat wies vorgestern in seinem Blog ebenfalls darauf hin, dass die griechischen Exporte deutlich gestiegen sind. Die Importe sind dagegen gesunken, auch als Folge der harten Sparmaßnahmen. Immerhin wird ein Teil der Ersparnisse nicht mehr für Importgüter ausgegeben, was unbedingt Sinn macht. Die Leistungsbilanz ist damit immer noch nicht im Plus, weil Griechenland weiter hohe Zinsen zahlt.

Wichtig übrigens für Deutschland: Wie man es dreht oder wenden will und egal ob vertragliche oder sonst welche Haftungsbeschränkungen im ESM vereinbart werden: Das Risiko der Ungleichgewichte tragen direkt oder indirekt die Überschussländer. Das ergibt sich aus buchhalterischer Logik.

Was mir bei den öffentlich diskutierten Maßnahmen missfällt, ist die einseitige Orientierung auf das Sparen. Ja, das Sparen macht Sinn, wenn dadurch die Importe reduziert werden. Das Sparen macht aber keinen Sinn, wenn damit nicht die heimische Wirtschaft Chancen auf einen Restart erhält. So müssen zum Beispiel Firmen gegründet und neue Produkte entwickelt werden, die dann exportiert werden können oder aber die ausgefallenen Importe ersetzen. Für derartige Förderungen macht es durchaus Sinn Transfers also Zuschüsse auch aus Deutschland für Griechenland einzusetzen. Wenig Sinn macht es allerdings, Griechenland permanent Geld zu geben, damit es im Ausland die Schulden und Zinsen bezahlen kann.

Ein Papier von EU-Ratspräsident Herman van Rompuy zur Reform der Eurozone sieht nun tatsächlich Transferzahlungen zur “Reparatur der Eurozone” vor. Leider war dem gestrigen Bericht im Wall Street Journal nicht zu entnehmen, wofür diese Transfers ganz konkret ausgegeben werden sollen.

Zum Hintergrund

Die Leistungsbilanz als Teil der Zahlungsbilanz fasst die Ergebnisse der Wirtschaftsaktivitäten eines Landes mit dem Ausland auf einem hoch aggregierten Niveau zusammen. Die Zahlungsbilanz erfasst für einen bestimmten Zeitraum wertmäßig alle Transaktionen zwischen Inländern und Ausländern und gibt Auskunft über die ökonomische Verflechtung einer Volkswirtschaft mit dem Ausland. Die Leistungsbilanz umfasst die Handelsbilanz (Exporte minus Importe von Waren und Dienstleistungen), den Saldo der Erwerbs- und Vermögenseinkommen (wie zum Beispiel Zinsen und Dividenden) und den Saldo der laufenden Übertragungen (wie zum Beispiel Entwicklungshilfe). Die Leistungsbilanz bildet zusammen mit den beiden Teilbilanzen Vermögensübertragungen und Kapitalbilanz die Zahlungsbilanz (Eurostat).

Wenn ein Land durch Staat, Privatpersonen oder Unternehmen (verkürzt gesagt) mehr Waren und Dienstleistungen importiert als exportiert, dann muss dies grundsätzlich kein Problem sein, wenn dies entsprechend finanziert werden kann. Wichtig ist hier zu verstehen, dass jedes Defizit der Leistungsbilanz irgendwie finanziert werden muss und damit Verbindlichkeiten in welcher Form auch immer gegenüber dem Ausland entstehen. Und aus jedem Überschuss der Leistungsbilanz entstehen entsprechende Forderungen gegenüber dem Ausland. Das ist eine zwingende Logik, die nichts mit volkswirtschaftlichen Modellen zu tun hat, sondern mit Buchhaltungstechnik und der grundsätzlichen gesellschaftlichen Übereinkunft, dass Leistungen grundsätzlich gegen Gegenleistungen erfolgen.

Wenn ein Wirtschaftssubjekt oder ein Wirtschaftsraum also mehr verbraucht als herstellt bzw. an Leistungen für andere erbringen kann, dann benötigt es/er dafür eine Finanzierung. Ein defizitärer Wirtschaftsraum (bestehend aus Staat, Unternehmen, Banken, Bürgern etc.) muss sein Defizit durch einen Kapitalimport finanzieren, also vereinfacht gesagt durch die Kreditaufnahme im Ausland. Alternativ oder ergänzend kann der Wirtschaftsraum nicht rückzahlbare Transfers (vulgo Schenkungen) erhalten.

Lesehinweise zur Vertiefung

Detailliertere Informationen gibt es über diese Einstiegsseite von der EZB: Latest monetary, financial markets and balance of payments statistics. Zur Berechnung der Balance of Payments siehe diese Dokumentation des IWF: Balance of Payments Manual

siehe auch Ökonomenstimme: Leistungsbilanzdefizite, Leistungsbilanzüberschüsse, Ungleichgewichte und ökonomische Krise

Handelsblatt: Auslandsaktiva – Der deutsche Abstieg

FAZ: Die Eurozone leidet unter intern verzerrten Wechselkursen

Telepolis: Krise global: Ein Überblick über die krisenbedingten globalen Abhängigkeiten und Ungleichgewichte.

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