Wer von der Publikumserwartung abweicht, muss mit Unmut und Häme rechnen

by Dirk Elsner on 14. Dezember 2012

Im Sommer hatte ich das große Vergnügen auf einer Veranstaltung zu sein, von der wir ein Feuerwerksspektakel auf der Innenalster gut beobachten konnten. Während des Alstervergnügens wird jeden Tag ein großes Feuerwerk gezündet. Ich habe das schon oft miterleben dürfen; die die sind oft wirklich spektakulär.

Für den besagten Donnerstag war den feuerwerksverwöhnten Hamburgern etwas Besonderes versprochen worden: Eine “Pyro-Show” unter dem Motto “Chillout-Lounge”, die 40 Minuten dauern sollte. So war es denn auch. Sie wurde von 4 Plattformen auf der Innenlaster gestartet und dauerte tatsächlich 40 Minuten. Es war nur kein Feuerwerk der erwarteten Kategorie, sondern völlig anders.

Hier die Beschreibung aus dem Blog Kreuzfahrt –3d, die auch ein Video eingestellt haben:

“Gegen 22:15 Uhr sollte es losgehen – mit wenigen Minuten Verspätung startete dann auch die Chillout-Musik und erste Feuerwerke wurden gezündet. Allerdings ebbten diese nach kurzer Zeit schon wieder ab und neben der Musik waren dann nur noch einige bunte Scheinwerfer unter der Lombardsbrücke zu sehen, die über die Alster leuchteten. Allseits war ein Raunen zu vernehmen, ob da vielleicht ein Defekt vorläge und nach ca. 5 Minuten ohne Feuerwerk stiegen dann mal wieder ein paar Raketen auf, allerdings nur für wenige Sekunden. Zwischendurch “erbarmte” sich ein Unbekannter und startete vom Dach des Alsterhauses eigene Raketen, was allseits Gelächter beim enttäuschten Publikum auslöste. Es lösten sich quälend lange Pausen und ein paar vereinzelte Pyro-Effekte ab, bis es gegen 22:45 Uhr dann endlich in einer für das Alstervergnügen gewohnten Qualität und Quantität mit dem Höhenfeuerwerk losging.”

Den geschilderten Unmut hörte ich auch auf meiner Veranstaltung. Dort waren viele Gäste enttäuscht. Mir selbst gefiel diese neue Form des Feuerwerks, weil sie so unerwartet anders war. Aber die Reaktionen des Publikums zeigen, wie schwer es heutzutage ist mit Abweichungen umzugehen. In unserer Gesellschaft ist es stressfreier, sich erwartungskonform mit dem Mainstream zu bewegen. Wer abweicht, der kann zwar damit Erfolg haben, er geht aber das hohe Risiko ein, als Außenseiter zu gelten oder gar mit Häme überschüttet zu werden.

Ein Beispiel dafür ist der Bundesbank-Chef Jens Weidmann, der sich ja ebenfalls mit viel Kritik in den eigenen Reihen, der EZB und der Öffentlichkeit auseinandersetzen musste. “Abweichler” wie Weidmann werden in die Zange genommen. Weidmann knabbert daran und zwar so sehr, dass er wie sein Vorgänger Weber bereits seinen Rücktritt erwogen hatte. Es ist zweifellos bequemer in der heutigen Welt, sich nicht gegen die Herde zu wenden. Das gilt übrigens auch für den betrieblichen Alltag, wo es gerade oft die Leute schwer, die im Sinne des Unternehmens abweichende Positionen aktiv vertreten. Viel einfacher ist es da, sich hinter dem Mainstream zu verstecken. Führt der Mainstream zu schlechten Ergebnissen, dann hat man gar den Vorteil, nicht alleine Schuld zu sein.

Und gerade die “Schuldfrage” spielt in Deutschland eine wichtige Rolle. Frank Wiebe hatte das einmal in einer Kolumne im Print-Handelsblatt fein analysiert in: “Über die Kunst, keine Verantwortung zu übernehmen”. Darin schreibt er u.a.: “Aus Angst, selber verantwortlich zu sein, schiebt man die Schuld von sich weg.” Er schließt den Beitrag mit folgender Feststellung:

“Aus einer kleinen Krise wird vor allem dann eine große, wenn keine Entscheidungen getroffen werden. Manchmal ist es die Angst vor den Vorgesetzten oder die vor Investoren, die Entscheidungen verhindert. Manchmal auch die Scheu, den eigenen Mitarbeitern in die Augen zu schauen, oder die Angst vor der Öffentlichkeit. Ja, gerade Manager mit Skrupeln kennen diese Angst. Schade eigentlich, denn damit überlassen sie den Skrupellosen das Feld.”

Was Wiebe noch hätte ergänzen können: Es war nie einfacher sowohl in der Schuldenkrisen-Politik, als auch in der betrieblichen Praxis, sich vor Entscheidungen und Verantwortung zu drücken. Die Vielzahl der Instanzen, Entscheidungsträger und unterschiedlichste Zuständigkeiten befördern das. In der Schuldenkrise sind die Zuständigkeiten so diffundiert (siehe dazu beteiligte Akteure in der Mindmap Schuldenkrise) , dass mittlerweile niemand mehr die Kompetenzen versteht.

Wer da abweichende Positionen durchsetzen will, der steht eigentlich auf verlorenem Posten. Das gilt auch für Unternehmen, wo, wenn es schlecht organisiert und geführt ist, neue Ideen durch viele Instanzen und Zuständigkeiten weich- oder meistens weggespült werden.

Aber ich habe mich jetzt ein wenig verloren, denn eigentlich wollte ich ja nur über das ungewöhnliche Feuerwerk schreiben, das unter dem Motto stand Chillout-Lounge zumindest mich erfreute (in voller Länge übrigens hier anzusehen).

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